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Einen Tag vor dem Tag des Gedenkens an das Novemberpogrom ist am Montag in Potsdam der Grundstein für eine neue Synagoge gelegt worden (hier im Modell). Der Antisemtismusfachleute mahnen, Jüdinnen und Juden mehr zu schützen als bisher. Foto: Martin Schutt/dpa
© Martin Schutt/dpa

83 Jahre nach dem NS-Novemberpogrom "Antisemitismus wird nicht kleiner, sondern größer"

83 Jahre nach dem Novemberpogrom der Nazis appellieren Fachleute an Gesellschaft und Politik, stärker aufzuklären und jüdische Menschen besser zu schützen.

Zum 38. Jahrestag des Novemberpogroms von 1938 haben die Leiterin der Amadeu-Antonio-Stiftung (ASS) Anetta Kahane, die Autorin und Aktivistin Düzen Tekkal und der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein zu mehr Anstrengungen aufgerufen, Jüdinnen und Juden im heutigen Deutschland zu schützen und über Judenhass aufzuklären.

Antisemitismus bleibe ein großes Problem, das offenbar nicht kleiner, sondern immer größer werde, sagte Anetta Kahane. Im vergangenen Jahr habe man einen „Aufwuchs von 16 Prozent“ antisemitischer Taten verzeichnen müssen. Alle drei mahnten, die „hart erkämpfte Erinnerungskultur“ in Deutschland (Klein) zu verteidigen, die nicht selbstverständlich sei. Sie dürfe nicht sich aber „nicht darin erschöpfen, dass nur der Toten gedacht wird“, sagte Düzen Tekkal.

Auftakt der Vernichtung

In der Nacht vom 9. auf den 10. November vor 83 Jahren gingen Schlägertrupps, die das NS-Regime organisiert hatte, in ganz Deutschland auf jüdische Geschäfte und Wohnungen los, steckten Synagogen in Brand und misshandelten und ermordeten jüdische Bürgerinnen und Bürger. Tausende wurden in Konzentrationslager verschleppt. An der Gewalt und den Plünderungen jüdischen Eigentums beteiligten sich viele auch spontan. Das von den Nazis als „Reichskristallnacht“ verharmloste Pogrom war der Auftakt zur offenen und umfassenden Verfolgung, Entrechtung und Vernichtung von Jüdinnen und Juden in Deutschland.

Anetta Kahane verwies auf das Weiterleben, aber auch eine neue Konjunktur judenfeindlicher Argumentationsmuster unter Coronaleugner:innen und in der Szene der so genannten Querdenker, die Juden die Schuld an der Pandemie oder Schutzmaßnahmen zuwiesen. „Antisemitismus ist eine Technik, eigene Verantwortung für die Dinge dieser Welt abzuwehren“. Das zeige sich hier erneut. Als „Welterklärungsmuster“ unterscheide sich Antisemitismus von anderen Rassismen, auch in seinem Ziel, alles Jüdische zu vernichten.

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Die gemeinnützige Amadeu-Antonio-Stiftung, die Kahane leitet, setzt sich gegen Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus ein und fördert zivilgesellschaftliche Initiativen, die sich dem widmen.
Alle drei forderten mehr öffentliche Mittel und Bemühungen um Aufklärung.

Jüdische Erfahrung auch heute: Lieber schweigen

Klein plädierte dafür, dass zivilgesellschaftliches Engagement „endlich verlässlich finanziert“ werde. Nach der Shoah habe Deutschland eine gewaltige Auseinandersetzung darüber erlebt, dass Antisemitismus zu ächten sei, sagte Kahane. Das sei wichtig gewesen. Die Auseinandersetzung darum, was Antisemitismus sei und wie er sich mit antimodernen Strömungen verbinde, sei allerdings noch sehr jung. „Wir beginnen gerade erst damit.“


Alle drei widersprachen der Annahme eines „importierten Antisemitismus“. Es gebe ihn in alteingesessenen deutschen Gemeinschaften wie unter Eingewanderten. „Keine Form von Antisemitismus ist hinnehmbar“, sagte Düzen Tekkal, gegen jede müsse man vorgehen. Natürlich hätten in Deutschland Menschen aus Palästina das Recht, auf die Menschenrechtssituation dort aufmerksam zu machen. „Aber dafür muss man keine Synagogen angreifen.“


Auf den Musiker Gil Ofarim angesprochen wollten sich Klein, Kahane und Tekkal nicht äußern, bevor der Sachverhalt von den Ermittlungsbehörden geklärt sei. Ofarim hatte einem Leipziger Hotelmitarbeiter Antisemitismus vorgeworfen, Videoaufnahmen der fraglichen Szene stützten seine Version aber nicht. Der Antisemitismusvorwurf sei so schwerwiegend, so Tekkal, dass es auch Konsequenzen haben müsse, wenn er zu Unrecht erhoben werde.


Kahane berichtete von antisemitischen Reaktionen auf eine Stellungnahme der ASS auf den Fall, die sie unabhängig von den Ermittlungen interessant nannte. Es sei bedrückend zu sehen, wie groß die Wut sei, wenn Juden sich zu Wort meldeten. Weiter gelte, „dass der Jude die Klappe zu halten hat“. Diese Erfahrung müsse sie als Jüdin auch selbst machen, wenn sie sich öffentlich äußere.

Koloniale Völkermorde und Shoah "nicht in Konkurrenz"


Kritisch äußerte sich Kahane über eine Auseinandersetzung, die inzwischen unter dem Namen „Zweiter Historikerstreit“ geführt wird. Eine Konkurrenz der Völkermorde „gibt es nicht, kann es gar nicht geben“, sagte Kahane.
Dass Kolonialhistoriker:innen die Judenvernichtung mit kolonialen Völkermorden verknüpfen – so an den Nama und Herero im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika – und sie als Vorläufergenozide sehen, allerdings in einer deutschen Tradition, verstehen Kritiker:innen als Relativierung der Shoah.


Mitte der 1980er Jahre hatte der konservative Historiker Ernst Nolte einen Streit der Zunft ausgelöst mit der These, der NS-Genozid sei als Reaktion auf Stalins Massenmorde und sein Gulag-System zu verstehen.

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