Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Dresden Foto: AFP/Ronny Hartmann
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75. Jahrestag der Dresdner Bombennacht Steinmeiers schwieriger Besuch

In Dresden muss der Bundespräsident die deutsche Schuld verbinden mit dem Leid, das die Angriffe der Alliierten verursacht haben. Auch die AfD mischt sich ein.

Es sind klare Worte, mit denen Frank Walter-Steinmeier das Grauen umreißt: Der verheerende Feuersturm, die Verwüstung des historischen Stadtkerns. Das Heulen der Sirenen, das unheilvollen Dröhnen der Flugzeuge, das roten Leuchten am Himmel. Die Todesangst und die Enge in den Kellern. Die Einschläge der Bomben, das splitternden Glas und die zerberstenden Mauern. Verbrannte Menschen und das Skelett der Stadt.

Von all dem spricht der Bundespräsident, als er am Donnerstag zum 75. Jahrestag der Dresdner Bombennacht seine Rede hält im Dresdner Kulturpalast – einem DDR-Bau mit zahlreichen weißen Emporen. Steinmeier gibt dem Grauen, das die Menschen dieser Stadt erlebt haben, Raum. Nur so kann die Botschaft wirken, die er später senden will.

Es ist heikler Termin für Steinmeier, nicht der erste in den vergangenen Wochen. Im Januar jährte sich zum 75. Mal die Befreiung des Vernichtungslagers Ausschwitz. Steinmeier appellierte in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem an die deutsche Verantwortung, sich zu erinnern. Steinmeier sprach in Auschwitz. Und er hielt eine Rede vor dem Bundestag – gemeinsam mit Israels Staatspräsident Reuven Rivlin.

Doch Dresden ist anders. Hier trifft die deutsche Schuld auf das große Leid, das die Angriffe der Alliierten in der Stadt verursacht haben. Lange hat Dresden mit der richtigen Form des Gedenkens gerungen. Seit zehn Jahren schließen sich tausende Dresdner am Abend des 13. Februar zu einer Menschenkette um den Stadtkern zusammen, auch Steinmeier will sich einreihen.

AfD will Gedenktag für sich nutzen

Es sei ein Zeichen gegen „Hass, Gewalt und ewig Gestrige“, sagt der Dresdner Oberbürgermeister Dirk Hilbert. Regelmäßig ziehen nämlich zum Gedenktag auch Neonazis durch die Stadt. Zwischenzeitlich veranstalteten sie in Dresden den größten Neonazi-Aufmarsch ganz Europas. Es geht ihnen bei ihren Trauermärschen darum, die deutsche Schuld zu relativieren. Auch die AfD will jetzt diesen Gedenktag für sich nutzen. Steinmeier muss in Dresden den richtigen Ton treffen.

Der Bundespräsident beginnt seine Rede nicht mit Dresden, sondern mit Wielun, einer kleinen Stadt in Polen. Am 1. September 1939 hatten deutsche Bomber ohne Vorwarnung den Ort in Schutt und Asche gelegt. Das sei das erste Verbrechen in einem Krieg, „den das nationalsozialistische Deutschland in die Welt trug“, sagt Steinmeier. Die Bomben seien Vorboten des Grauens gewesen, das „deutsche Selbstüberhebung, deutscher Rassenwahn und deutscher Vernichtungswille“ über Europa brachten.

Steinmeier macht klar: Man müsse versuchen, „die Angst, den Schmerz und die Verzweiflung der Opfer und Hinterbliebenen“ des Bombenkrieges zu ermessen. Aber man müsse an einem solchen Gedenktag eben an beides erinnern: an das Leid der Menschen in deutschen Städten und an das Leid, das Deutsche anderen zugefügt haben.

Viel zu oft und viel zu lange sei die Geschichte der Luftangriffe auf Dresden politisch vereinnahmt worden – erst von den Nationalsozialisten, dann vom SED-Regime. „Und auch in diesem Gedenkjahr müssen wir erleben, wie politische Kräfte die Geschichte manipulieren, umdeuten und als Waffe missbrauchen wollen“, sagt Steinmeier.

Auch in diesem Jahr mobilisieren die Rechtsextremisten wieder

Wer die Toten von Dresden gegen die Toten von Auschwitz aufrechne und versuche, deutsches Unrecht kleinzuzureden – dem müsse laut und entschieden widersprochen werden. Aber auch wer das Leiden der Bombenopfer ignoriere oder bagatellisiere, wer die Bombardierung als „gerechte Strafe“ hinstelle, auch der verhöhne die Opfer. Es sind diese beiden Sätze, an denen die Dresdner Stadtgesellschaft zum ersten Mal applaudiert.

Steinmeier weiß: Die Rechtsextremisten mobilisieren auch in diesem Jahr wieder, am Samstag wollen sie marschieren – es wird mit 1500 Menschen und mehr gerechnet.

Die AfD, die immer wieder die deutsche Erinnerungspolitik kritisiert, hat am Donnerstag vor dem Kulturpalast einen Infostand zum „würdigen Gedenken“ aufgebaut. Auf großen Transparenten sind Berge von Leichen abgebildet. Schon in den Tagen davor begann sie, eine andere Deutung des Geschehens in Dresden zu verbreiten.

AfD-Chef Tino Chrupalla sagte dem „Spiegel“, er halte die Zahl von bis zu 25.000 Toten in Dresden nicht für glaubwürdig – diese Opferzahl war nach jahrelanger Arbeit von einer unabhängigen Historikerkommission ermittelt worden. Chrupalla sprach von 100.000 Toten. Der Dresdner Historiker Johannes Schütz sieht das als Versuch der AfD, einen deutschen Opfer-Mythos wiederzubeleben.

Steinmeier attackiert die AfD – ohne sie zu nennen

In seiner Rede nennt Steinmeier die AfD nicht. Doch seine Worte darf man als scharfe Kritik an den Rechten verstehen. Die Bombardierung Dresdens, sagt Steinmeier, erinnere auch an die Zerstörung des Rechtsstaates und der Demokratie in der Weimarer Republik, an nationalistische Selbstüberhebung und Menschenverachtung, an Antisemitismus und Rassenwahn. „Und ich befürchte, diese Gefahren sind bis heute nicht gebannt.“

In Deutschland könne man beobachten, wie Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit das öffentliche Leben wieder zu vergiften beginne, wie der Rechtsstaat und demokratische Institutionen verächtlich gemacht würden. „Wenn gewählte Abgeordnete heute die Parlamente, in denen sie sitzen, vorführen und lächerlich machen, dann ist das der Versuch, die Demokratie von innen zu zerstören“, warnt Steinmeier. Gemeint ist wohl die Thüringer AfD, die mit ihrer Wahl des FDP-Manns Thomas Kemmerichs die Politik ins Chaos gestürzt hat.

Steinmeier betont: Nichts davon dürfe unwidersprochen bleiben. Es verlaufe eine klare Grenze zwischen einer freiheitlichen Demokratie und einer autoritär-nationalistischen Politik. „Diese Grenze müssen wir verteidigen, jeder von uns“, sagt Steinmeier. Die Dresdner applaudieren stehend.

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