Hunger ist in Afrika der Begleiter der Pandemie: Kenianer versuchen, bei einer Lebensmittelverteilung zum Zug zu kommen. Foto: Brian Inganga/dpa
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6 Intensivbetten für 18 Millionen Menschen In Afrika drohen nach den Krankenhäusern ganze Staaten zu kollabieren

Auf dem Nachbarkontinent ist die Corona-Pandemie voll ausgebrochen. Sie könnte Millionen Opfern fordern. Entwicklungsminister fordert milliardenschwere EU-Hilfe.

Während in China, Europa und den USA längst Menschen an Corona starben, wurden aus Afrika bis in den März hinein kaum Fälle der Virus-Erkrankung gemeldet. Was gewöhnlich als Enwicklungshemmnis gilt, nämlich die schlechte Einbindung vieler afrikanischen Länder in die Hauptströme des interkontinentalen Verkehrs, schien nun plötzlich von Vorteil. Doch inzwischen ist klar: Mit Verspätung ist die Pandemie in Afrika voll ausgebrochen. Europas Nachbarkontinent droht zum neuen Epizentrum des Virus zu werden.

Vor wenigen Tagen schlug die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Alarm. In kürzester Zeit habe sich die Zahl der Infizierten auf dem Kontinent um 51 Prozent erhöht, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus, der als Äthiopier die Entwicklung in Afrika auch mit persönlichem Interesse verfolgt. Die Zahl der Todesopfer sei um 60 Prozent gestiegen. Angesichts des Mangels an Corona-Tests gebe es aber wohl eine hohe Dunkelziffer, warnte der Biologe.

Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) braucht solche Weckrufe nicht, um tätig zu werden. Ihm liegt Afrika schon lange am Herzen, er versucht seit Jahren, die Ökonomie dort mit einem „Marshallplan mit Afrika“ zu fördern. Der CSU-Politiker will nun mit großer Wucht gegensteuern und die gesamte EU dazu bewegen, millionenfaches Sterben und einen Sturz vieler afrikanischer Länder ins Chaos in der Folge der Pandemie zu verhindern, auch wenn das Europa Milliarden von Euro kosten wird.

„Ich mache mir große Sorgen: In Afrika breitet sich das Virus mit einer Verzögerung von zwei Monaten rasant aus“, sagte Müller dem Tagesspiegel. Der Minister verweist darauf, dass die WHO mit bis zu zehn Millionen Infizierten in den nächsten drei bis sechs Monaten rechnet. Ihn beunruhigt, „dass der Höhepunkt der Infektionen voraussichtlich mit der jährlichen Malaria-Saison zusammenfällt“.

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Chaos, Unruhen und Bürgerkriege befürchtet Müller für den Fall, dass Entwicklungsländer in Afrika zusammenbrechen. Auch neue Flüchtlingswellen nach Europa als Folge der Corona-Krise seien möglich. „Terroristische Gruppen verüben jetzt schon verstärkt Anschläge, mit dem Ziel Regierungen zu stürzen. Diese Krisen zeichnen sich auch in der unmittelbaren europäischen Nachbarschaft, in Nordafrika und der Sahelregion, bereits ab."  In Marokko, Algerien und Ägypten, wo in anderen Zeiten Deutsche gerne Urlaub machen, bereite sich das Virus besonders schnell aus.

In vielen afrikanischen Ländern fehlen den meisten Menschen sauberes Wasser und Waschgelegenheiten, was hygienische Vorsorge erschwert. „Social Distancing“, in China, Europa und den USA das Gebot der Stunde, ist in Ballungsgebieten, Slums und überfüllten Flüchtlingslagern des Kontinents schlicht unmöglich, wenn etwa ein vielköpfige Familie in einem Raum oder einer Hütte leben muss.

Oft ist sind die Gesundheitssysteme zudem schlecht gerüstet oder stehen nur wenigen Privilegierten zur Verfügung. Im Vergleich zu Deutschland und Europa gebe es kaum Labore, Beatmungsgeräte oder Intensivbetten, sagt der Minister und verweist auf Äthiopien, das Land, aus dem WHO-Chef Ghebreyesus kommt: „Dort gibt es ganze 150 Intensivbetten für 105 Millionen Menschen. In Deutschland sind es 40.000." In Mali, sagen Experten, gibt es sechs Intensivbetten für 18 Millionen Einwohner, in Ruanda acht für zwölf Millionen Menschen. Der Minister mahnt: „Wir müsse verhindern, dass erst die Krankenhäuser und dann ganze Staaten zusammenbrechen.“

Längst bevor am 14. Februar in Ägypten der erste Corona-Infizierte in Afrika registriert wurde, hatte die weltweite Krise die Wirtschaft des Kontinents schon hart getroffen. Im „größten Kapitalabfluss aller Zeiten“ (so der Entwicklungsökonom Ulrich Volz) zogen Anleger Milliarden von Dollar aus Entwicklungs- und Schwellenländer ab, was für deren Entwicklung und Kreditwürdigkeit fatale Folge hat. Minister Müller nennt es zentral, dass die Staaten in Afrika und seiner Nachbarschaft handlungs- und zahlungsfähig bleiben.

Es gibt nur wenig Hoffnungsschimmer

Sein Beispiel: „Der Libanon, der 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen hat, steht vor dem Staatsbankrott. Das heißt: Er hat kein Geld für Krankenschwestern, Ärzte oder Polizisten.“ In vielen afrikanischen Ländern müssen sich Menschen jeden Tag den Gegenwert von wenigen Dollar verdienen, um zu überleben oder ihre Familien zu ernähren. Nun haben sie die Wahl zwischen Hunger und Corona-Infektion, warnen UN-Organisationen.

Wohnverhältnisse, in denen "Social Distancing" unmöglich ist:  Slum in Nairobi, Kenia. Foto: obs/SOS Kinderdörfer weltweit Vergrößern
Wohnverhältnisse, in denen "Social Distancing" unmöglich ist:  Slum in Nairobi, Kenia. © obs/SOS Kinderdörfer weltweit

Nur wenige Hoffnungsschimmer gibt es: Die im Vergleich zu Europa sehr junge Bevölkerung in vielen Staaten des Kontinents könnte besser geschützt sein gegen das Virus. Und Wärme könnte dessen Ausbreitung verhindern. Doch dazu fehlen bislang noch belastbare Studien. Auch haben einzelne afrikanischen Ländern Erfahrung mit dem Kampf gegen Seuchen. So wurde vor wenigen Monaten im Kongo ein neuer Ausbruch des Ebola-Virus durch Abriegelung von betroffenen Regionen erfolgreich eingedämmt.

Auf vage Hoffnungen aber will sich der Minister nicht verlassen, sondern Europa zum Eingreifen bewegen. „Die EU hat die weltweite Dimension der Krise noch nicht ausreichend im Blick“, kritisiert er. Erforderlich sei nun, den EU-Schutzschirm gegen Corona auch auf unsere Nachbarregionen in Afrika und den Krisenbogen um Syrien auszuweiten. „Insgesamt sollte die EU dafür 50 Milliarden Euro an Stabilisierungskrediten und Nothilfen bereitstellen“, fordert der CSU-Politiker. Das entspreche nur zehnt Prozent des Hilfspaktes für die EU selbst.

Wenn das Virus in Afrika nicht bekämpft werde, warnt der Minister, werde es in Wellen zurückkommen. Sein Rat: „Wir besiegen die Pandemie nur weltweit oder nicht.“ 

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