Grünen-Chefin Annalena Baerbock (l) und der ehemalige Außenminister Joschka Fischer (r) machen bei der Jubiläumsfeier zum 40. Geburtstag der Grünen mit Parteifreundinnen ein Selfie. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
© Bernd von Jutrczenka/dpa

40 Jahre Grüne Dem Osten sei Dank!

Stephan-Andreas Casdorff

Die Wiedervereinigung war nicht nur für die Nation ein Glücksfall, sondern auch für die Partei der Grünen. Ein Kommentar.

Es ist schon eine staunenswerte, wenn nicht sensationelle Entwicklung: Die „Antiparteienpartei“, als die die Grünen vor 40 Jahren in Karlsruhe in Baden-Württemberg angetreten sind, wird zu der Partei, mit der Millionen im ganzen Land größte Zukunftshoffnungen verbinden.

Zuweilen sind die Grünen in den Umfragen schon stärkste Kraft, und sie müssen ernsthaft darüber nachdenken, ob für die nächste Bundestagswahl – wann immer sie kommt – nicht ein grüner Kanzlerkandidat* aufgestellt werden muss. Deutschland, wie hast du dich verändert.

Die Grünen aber auch. Ihre Strukturen sind professionell, die Partei ist wie die der anderen Großen klar gegliedert und organisiert: 16 Landesverbände mit 1800 Ortsverbänden in 440 Kreisverbänden. Sie haben sich längst den Erfordernissen der Realpolitik verschrieben.

Von ihren Besonderheiten aus den Zeiten als Sammlungsbewegung von Ökosozialisten, Ökolibertären, Radikalökologen, christlichen Friedensbewegten, Pazifisten und anderen sind heute noch die Doppelspitze, die (stark gelockerte) Trennung von Amt und Mandat und die Frauenquote übrig. Was aber auch nicht mehr so besonders ist. In allen diesen Punkten haben die Grünen gewonnen, mindestens an Zustimmung: Die sogenannten etablierten Parteien streben ihnen darin nach.

Dass die Grünen zu einer politischen Institution werden konnten, haben sie der Wiedervereinigung zu verdanken. Ohne die und eine nachfolgende Vereinigung mit Bündnis 90 aus dem Osten gäbe es sie heute womöglich gar nicht mehr. Oder nicht so.

Gemeinsames Logo: Nach der Wende gaben sich das Bündnis 90/Die Grünen bundesweit ein Logo mit geänderten Farben. Foto: Bild ohne Text Vergrößern
Gemeinsames Logo: Nach der Wende gaben sich das Bündnis 90/Die Grünen bundesweit ein Logo mit geänderten Farben. © Bild ohne Text

Die Grünen, in Westdeutschland zumeist aus der Alterskohorte der Nach-68-Bewegung, wären in die Jahre gekommen, der Aufwind der 80er Jahre hätte schon enden können. Nach der Wiedervereinigung scheiterten die westdeutschen Grünen bei der Bundestagswahl 1990 ja auch erst einmal an der Fünfprozenthürde.

Die Bürgerbewegung in der DDR war die Rettung

Die Bürgerbewegung der DDR war gewissermaßen ihre Rettung. Die Initiative Frieden und Menschenrechte, Demokratie Jetzt, das Neue Forum – alle zogen 1990 zusammen mit der Grünen Partei der DDR, dem Unabhängigen Frauenverband und der Vereinigten Linken als Parlamentsgruppe in den Bundestag ein.

Und weil die Grüne Partei in der DDR direkt nach dieser Wahl, also 1990, mit den westdeutschen Grünen fusionierte, kamen die doch wieder in den Bundestag. 1993 fanden dann Bündnis 90 und die Grünen zusammen. Dieser Prozess war schwierig, aber gemäß ihrem Anspruch immer noch basisdemokratischer als bei jeder anderen Partei.

[Mehr zum Thema: Schäuble zum 40. Geburtstag der Grünen – „Heute sind sie eine stinknormale Partei“]

Was die Grünen-West seinerzeit lernten, hat sie als Gesamtpartei bis heute stark gemacht. Eine andere als die bis dahin herrschende westdeutsche Streitkultur – für manche eine Unkultur – zog ein mit 2600 neuen ostdeutschen Mitgliedern, mit Marianne Birthler, Wolfgang Ullmann, Gerd Poppe, Werner Schulz, Katrin Göring-Eckardt, um nur einige Namen zu nennen. Leidenschaft und ein gewisses Maß an Sperrigkeit, am Ende Pragmatismus, begleitet von der Fähigkeit zum Kompromiss.

Ziemlich wesentlich hat das zum Wiedereinzug in den Bundestag 1994 als Fraktion Bündnis 90 /Die Grünen geführt. Und 1998 zum ersten Mal als Juniorpartner in die Bundesregierung. Nicht dass die Dankbarkeit der West-Grünen besonders ausgeprägt gewesen wäre. Darum ist es ein Akt historischer Aufrichtigkeit, den Anteil heute noch einmal anzuerkennen.

Winfried Kretschmann, Mitbegründer der Grünen in Baden-Württemberg, wäre heute nicht ihr erster Ministerpräsident, wenn es diesen Kulturwandel hin zur Übernahme von Verantwortung, vulgo Macht, nicht gegeben hätte. Elf Landesregierungen mit Grünen künden davon, und 95 000 Mitglieder stehen weithin geschlossen hinter dem Anspruch, die Bundesrepublik aus dem Kanzleramt zu regieren.

Und wenn sie wirklich drinnen sind, dann sollten sie eine Kerze für den alten Helmut Kohl anzünden. Aus Dank für die Vereinigung, die eine wie die andere.

Zur Startseite