November 1989: Jubelnde Menschen auf der Berliner Mauer Foto: dpa
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30 Jahre Mauerfall Danke, dass ihr den Mut hattet!

Ostdeutsche flüchteten damals nach Ungarn. Demonstrierten. Begehrten auf. Taten etwas. Und riskierten einiges. Und wer nicht so mutig war? Ein Kommentar.

Das offizielle Motto der Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag des Mauerfalls ist insofern vielsagend, als es nichts weiter als die dürren Fakten bietet. „30 Jahre Friedliche Revolution - Mauerfall“. Nur das, nichts weiter. Keine Deutung, keine These, kein Appell.
Das passt stimmungsmäßig sicher zu dem Jahr, in das dieses Jubiläum fällt, mit drei AfD-Boom-Landtagswahlen im Osten, der Treuhanddebatte, der neu-alten Bürger-zweiter-Klasse-Rhetorik. Was soll man da Umarm-Pathos plakatieren?

Die Einheitsfeier am 3. Oktober hatte ein Motto: „Mut verbindet“. Hätte das nicht besser zu den Herbsttagen 1989 als zum drögen Verwaltungsakt im Jahr darauf gepasst? Einerseits ja. Andererseits ist es auch gut, dass es so nicht gekommen ist. Denn „Mut verbindet“ klingt zwar gut. Ist aber vermutlich falsch.

Mut verbindet nicht, vor allem trennt er. Er trennt die Mutigen von den Nicht-Mutigen, die in der Regel einen Schritt zurücktreten – ob aus Ehrfurcht, aus Verblüffung oder aus Neid.

In diesem Jahr kam die Debatte auf, wer damals die Revolution getragen habe. Die DDR-Bürger in ihrer Masse oder nur ein paar und später ein paar mehr, während die Mehrheit abgewartet hat und erst losrannte und „Wahnsinn!“ rief, als die heiklen Situationen entschieden waren? Die Antwort könnte fies zwicken.

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Die Mutfrage stellt sich aber nicht nur im Osten quer. Sie klafft auch zwischen Ost und West. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat im „Spiegel“ darauf hingewiesen, dass die Westdeutschen auch nicht alles „Mutbolzen“ gewesen seien. Manche hätten schon gekniffen, wenn sie ein Buch in den Osten hätten schmuggeln sollen.

Auch Westler haben sich nicht getraut

Jedes Mal also, wenn der Mut der Ostdeutschen, die damals die Situation herbeiführten, die im Mauerfall endete, erwähnt, gewürdigt, bewundert wird, können sich auch die Westler an das erinnert fühlen, was sie sich nicht getraut haben, als die Mauer noch stand, was sie nicht riskieren mussten, als sie vor 30 Jahren die Geschehnisse vom Fernsehsessel aus verfolgt haben. Ostdeutsche flüchteten damals nach Ungarn. Demonstrierten. Begehrten auf. Taten etwas. Und riskierten einiges. Das mag nicht allen, die damals daran beteiligt waren, mutig vorgekommen sein – aber das war es.

Der Mut der einen ist zum Fragezeichen der anderen geworden: Wo war mein Mut, hätte ich mich getraut? Man kann davon ausgehen, dass es in Ost und West viele persönliche Mut-Niederlagen gibt: Peinliche Momente, die man gern vergessen würde, und die einen jedes Mal leise beschämen, wenn von Mut die Rede ist. Aber so muss das nicht bleiben. Die Wissenschaft weiß heute, dass es zur Tugend Mut messbare Veranlagungen gibt. Es ist kein Charakterfehler, nicht mutig zu sein. Es ist kein Grund, sich zu schämen, und auch kein Grund, sich den Mutigen unterlegen zu fühlen.

Man kann den Mut der Anderen besser anerkennen und feiern, wenn man seine eigene Haltung dazu geklärt hat. Wenn man sagen kann: Ich glaube, ich hätte das nicht gekonnt, umso mehr danke ich euch, dass ihr euch getraut habt.
In den vielen Reden zum Mauerfalljubiläumstag wird in Erinnerung an die wahrhaft historischen Stunden vor inzwischen 30 Jahren von Mut vermutlich wieder oft die Rede sein. Wäre doch schön, wenn das Zwicken, dass das Wort bei den anderen auslöst, ab heute statt zum verunsicherten Schritt zurück zum selbstbewussten Schritt aufeinander zu führte.

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