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Ihnen sollte geholfen werden, doch nur wenige ehemalige Ortskräfte der Deutschen schafften es in den Flughafen in Kabul, solange noch evakuiert wurde. Foto: Staff Sgt. Victor Mancilla/U.S. Marine Corps/AP/dpa
© Staff Sgt. Victor Mancilla/U.S. Marine Corps/AP/dpa

138 Personen von insgesamt 4500 Geretteten Warum wurden nur so wenige Ortskräfte gerettet?

Mehrere Tausend Menschen hat die Bundesregierung aus Afghanistan nach Deutschland gebracht – doch nur wenige Ortskräfte. Eine Erklärung wird gesucht.

Gemessen an den eigenen Zielen ist die Bilanz der Bundesregierung bei der Rettung früherer afghanischer Mitarbeiter deutscher Behörden und Ministerien sowie ihrer Angehörigen mager. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte versprochen, „vor allem“ Ortskräfte aus dem Machtbereich der Taliban zu holen.

Das ist nicht gelungen, wenn man den vorläufigen Zahlen trauen will, die das Bundesinnenministerium Anfang der Woche bekanntgab. Von den etwas mehr als 4500 Personen, die im Rahmen der deutschen Evakuierungsmission ausgeflogen wurden, sind nur eine Minderheit von weniger als fünf Prozent Ex-Ortskräfte und ihre Angehörigen. 138 Ortskräfte und 396 Familienangehörige seien angekommen, insgesamt 634 Personen, sagte ein Sprecher am Montag.

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Demnach wurden rund 400 Deutsche über den Flughafen Kabul gerettet und rund 3500 Afghanen, die „keinen Ortskräftebezug haben“, wie das offiziell heißt. Wegen der chaotischen Lage am Flughafen nach dem Einmarsch der Taliban hatten die Deutschen nicht auf ein Vorrecht eigener Ortskräfte bestanden, sondern Mitarbeiter anderer Interventionsmächte mitgenommen sowie besonders bedrohte Afghanen, die in der afghanischen Regierung, bei den Sicherheitskräften oder als Journalisten und Menschenrechtsaktivisten gearbeitet hatten.

Späte Rettungsmission: Außenminister Maas (SPD), hier im pakistanischen Islamabad, bemüht sich in Afghanistans Nachbarländer um Hilfe für die Zurückgebliebenen. Foto: Felix Zahn/imago images/photothek Vergrößern
Späte Rettungsmission: Außenminister Maas (SPD), hier im pakistanischen Islamabad, bemüht sich in Afghanistans Nachbarländer um Hilfe für die Zurückgebliebenen. © Felix Zahn/imago images/photothek

Die Opposition liefert eine Erklärung für die magere Bilanz, in der die Bundesregierung schlecht wegkommt: Der Vorwurf heißt, sie habe aus Angst vor einer Zuwanderungsdebatte kurz vor der Bundestagswahl bürokratische Hürden aufgebaut und zu spät mit der Evakuierung begonnen. Grüne und Linkspartei hatten im Juni im Bundestag auf eine großzügige Aufnahme gedrängt (die FDP enthielt sich damals), der Antrag scheiterte. Tatsächlich hatte die Bundesregierung schon zwei zivile Evakuierungsflüge organisiert, die wegen des raschen Erfolgs der Taliban nicht mehr starten konnten.

Der Hinweis auf innenpolitische Motive zeigt aber zumindest nicht das ganze Bild. Denn Auswärtiges Amt und Entwicklungsministerium fürchteten vor dem Fall von Kabul, eine große Evakuierungsaktion für die eigenen Ortskräfte werde als Signal gedeutet, dass die zweitgrößte Stabilisierungsnation das Land Afghanistan aufgebe.

Damit, so das Kalkül, werde die damals noch amtierende Regierung massiv erschüttert und eine Fluchtwelle zumindest von deutschen Mitarbeitern ausgelöst. Aus ähnlichen Motiven betont Außenminister Heiko Maas (SPD) nun bei seiner Rettungsmission in Afghanistans Nachbarstaaten, dass Deutschland ausdrücklich nur denen helfen werde, die auf der Liste der Schutzbedürftigen stehen.

Auch in der Bundesregierung wurde am Dienstag gerätselt, warum so viele andere Afghanen es in den Flughafen geschafft hatten und so wenige frühere eigene Mitarbeiter. Eine mögliche Erklärung: Viele Ortskräfte hatten sich an die peniblen Sicherheitshinweise der Bundesregierung gehalten, die vor Anschlägen am Airport warnten, während andere Afghanen sich in höchster Not auf eigene Faust durchschlugen.

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