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Die Stasi-Akten gehen am 17. Juni ins Bundesarchiv über. Joachim Gaucks, Marianne Birthlers und Roland Jahns Behörde wird selbst Geschichte. Foto: imago/photothek
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Marianne Birthler über das Ende der Stasiaktenbehörde „Dass die Opferverbände nicht eingebunden wurden, ist wirklich skandalös“

Die einstige Chefin der Stasi-Akten-Behörde Marianne Birthler kritisiert ihren Nachfolger Roland Jahn und das unbefriedigende Ende der Dienststelle.

Marianne Birthler war von 2000 bis 2011 Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen. Die frühere DDR-Bürgerrechtlerin arbeitete nach dem Umbruch als Bildungsministerin in Brandenburg. Mit ihr sprach Robert Ide

Frau Birthler, die Stasi-Akten-Behörde wird am 17. Juni abgewickelt. Was löst das als einstige Behördenchefin in Ihnen aus?
Die Behörde war ein Symbol der friedlichen Revolution. Und sie hatte Aufgaben, die für ein Archiv eher ungewöhnlich sind: Bildungsarbeit, auch in den Regionen, und Forschung. Das alles wird es nun nicht mehr geben, darum tut es mir leid.

Die Stasi-Akten gehen ins Bundesarchiv über und bleiben dort weiterhin geöffnet.
Das Archiv der Stasi-Unterlagen ist so groß, dass man es selbstständig hätte erhalten können. Nirgends steht, dass alle Akten aller Institutionen ins Bundesarchiv müssen. Das Auswärtige Amt hat auch ein eigenes Archiv. Immerhin bleibt das Recht auf Akteneinsicht erhalten, Wissenschaftler oder Journalistinnen haben Zugang. Bleibt zu hoffen, dass dafür noch lange das Stasi-Unterlagen-Gesetz gilt. Nach Bundesarchivrecht dürften Akten zu Stasi-Offizieren, solange die leben, nur mit deren Erlaubnis benutzt werden. Das Türschild ist also nicht entscheidend. Ich wünsche mir, dass die besonderen Aufgaben der Behörde künftig erfüllt werden. Leider ist das vor der Übernahme der Unterlagen nicht gesichert worden.

Inwiefern?
Die Behörde war stets mehr als ein Archiv. Aber Bildung und Forschung sind in den letzten Jahren beschnitten worden. Die Bildung über die DDR muss weitergehen, gerade in Schulen. Mir war wichtig, junge Menschen anhand von Jugend-Schicksalen aufzuklären. Ebenso Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer. Gerade in den Regionen ist das wichtig. Da haben es Schulklassen nicht weit, wenn sie entdecken wollen, was in Akten zu finden ist.

Braucht es für die Erforschung der DDR wirklich eine Behörde?
An den Unis wird zu DDR-Themen kaum geforscht. Es gibt in Deutschland keinen Lehrstuhl für Kommunismusforschung.

Hat Ihr Nachfolger Roland Jahn aus Ihrer Sicht die falschen Schwerpunkte gesetzt?
Das mangelnde Interesse von Roland Jahn an Bildung und Forschung war schon auffällig.

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Akten werden nicht modern gelagert, die Digitalisierung stockt, fast alle zerrissenen Akten sind noch zerstört. Ist es nicht gut, dass das Bundesarchiv die Akten sichert?
Zukünftig werden dieselben Menschen mit den Akten arbeiten wie zuvor. Es wandern ja nicht nur die Akten ins Bundesarchiv, sondern auch die Mitarbeiterschaft.

Nun soll im Bundesarchiv in modernere Lagerkapazitäten investiert werden, etwa in der früheren Stasi-Zentrale in Lichtenberg.
Prima. Wie weit die Pläne zu künftigen Haushaltsplänen passen, steht dahin. Welche Prioritäten die DDR-Aufarbeitung nach der Corona-Krise für öffentliche Haushalte besitzt, werden wir sehen.

Aus der Behörde erwachsen zwei Institutionen: Eine Beauftragte des Bundestags für SED-Opfer; die DDR-Oppositionelle Evelyn Zupke wurde am Donnerstag gewählt. Im Bundesarchiv übernimmt Jahns frühere Verwaltungschefin Alexandra Titze die Verantwortung für die Stasi-Akten.
Für die Beratung und Begleitung von Opfern waren und sind bis jetzt Landesbeauftragte zuständig, dort gibt es Kompetenz und Erfahrung. Beides gehörte nie zum Aufgabenspektrum der Behörde. Welches Profil dieses Amt hat, muss sorgfältig zwischen Bundestag, Landesbeauftragten, Opferverbänden und der Bundesbeauftragten geklärt werden. Was einige Personalentscheidungen betrifft, werden diese nicht nur von mir kritisch gesehen. Die bisherige Verwaltungschefin von Roland Jahn, die nie mit Archivarbeit oder Inhalten der MfS-Unterlagen befasst war, wird als Vizepräsidentin des Bundesarchivs für die DDR-Überlieferung zuständig sein – und das, obwohl es mehrere fachlich hervorragend ausgewiesene Bewerber gab. Seine langjährige Pressesprecherin wird Abteilungsleiterin. Auch die Personalentscheidung der Opferbeauftragten lief unglücklich. Nach monatelangem Gezerre zwischen CDU und SPD wurden mehrere in Opferfragen erfahrene Personen abgelehnt, etwa der erfahrene Jurist und frühere DDR-Dissident Jes Möller – weil er SPD-Mitglied ist. In letzter Minute wurde eine Kompromisskandidatin gefunden, die eine verdienstvolle Vergangenheit hat, sich aber ganz neu einarbeiten muss. Dass bei all dem weder, wie früher üblich, die Opposition eingebunden wurde noch, was wirklich skandalös ist, die Opferverbände, macht die Sache noch schlimmer.

Marianne Birthler war von 2000 bis 2011 Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen. Die frühere DDR-Bürgerrechtlerin arbeitete nach dem Umbruch als Bildungsministerin in Brandenburg. Foto: imago images/Reiner Zensen Vergrößern
Marianne Birthler war von 2000 bis 2011 Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen. Die frühere DDR-Bürgerrechtlerin arbeitete nach dem Umbruch als Bildungsministerin in Brandenburg. © imago images/Reiner Zensen

Sind wir am Wendepunkt der DDR-Erzählung: Wird Geschichte jetzt historisiert?
Das öffentliche Interesse an der DDR unterlag immer Schwankungen. Jede Generation wird ihre eigenen Fragen stellen und authentische Antworten wollen – von Menschen, denen man interessiert zuhört, die den Raum für Geschichte öffnen.

War die Aufarbeitung zu stasifixiert?
Leider ja. Wir haben stets gegengesteuert: Die Stasi war nur Dienstleister der SED. Aber das Geheime, der persönliche Verrat war für viele Menschen schlimmer als alles andere. Und für Medien aufregender.

Wie kann die DDR neu erzählt werden?
Indem wir nicht nur über Stasi und Haft und Zersetzung sprechen, sondern über den Alltag in der Diktatur, die täglichen Anpassungszwänge, die Rechtlosigkeit, die Einheitsmeinung. Als ich zur Schule ging, musste sich stets ein Schüler an die Tafel stellen, wenn der Lehrer das Zimmer verließ. Er oder sie sollte die Namen derjenigen an die Tafel schreiben, die von ihrem Platz aufstanden. Viele Dinge erzählen die DDR im Kleinen: dass es egal war, welche Zeitung man las – überall stand das Gleiche drin. Kennen Sie die HGL noch?

Hausgemeinschaftsleitung, oder?
Richtig. Es gab so viele kleine Institutionen, die einen andauernd kontrollierten. An den Schulen, im Parteilehrjahr, bei der Armee – hier hat die Diktatur unser Leben beeinflusst, auch unser Denken, unsere Wahrnehmung. Das wirkt bis heute.

Der Ost-Beauftragte Marco Wanderwitz glaubt, dass ein Teil der Ostdeutschen der Demokratie müde sei wegen ihrer Sozialisation in der Diktatur?
Marco Wanderwitz sprach von einem Teil der AfD-Wähler. Ich denke, er hat recht.

In Sachsen-Anhalt haben viele Jüngere die AfD gewählt; ohne eigene DDR-Erlebnisse.
Wo werden junge Leute sozialisiert? Im Elternhaus, in der privaten Umgebung. Wer Anfang der 90er Jahre jung war, hatte es oft schwer. In der Pubertät lehnt man sich gegen seine Eltern auf, testet Grenzen aus – wichtig für die Entwicklung. Viele haben ihre Eltern nicht als stark erlebt: Sie waren verunsichert, verloren den Job, ihre Weltanschauung stand in Frage. Als Bildungsministerin in Brandenburg habe ich junge Leute gefragt: Redet Ihr zu Hause über DDR-Gefängnisse? Da wurde ich angegriffen. Sie haben ihre Eltern und deren Welt verteidigt, fast rührend. Private Erzählungen sind starke Bezugspunkte, die werden weitergetragen durch die Generationen.

Tut es Ihnen weh, wenn mit Blick auf die Privatisierungspolitik der Treuhand auch Jüngere von der DDR schwärmen?
Die Treuhand ist zu einer Art Symbol der Ungerechtigkeit geworden, nicht immer berechtigt. Es gibt große Wissenslücken, bei Erwachsenen mehr als bei Jüngeren. Aber im Vergleich haben wir viel erreicht. In Russland, auch in Osteuropa werden jetzt erste Fragen gestellt, 30 Jahre nach der Diktatur. Durch die Gedenkstätten, die Medien, Bücher, Filme und die Akteneinsichten haben sich bei uns Millionen Menschen mit dem Thema beschäftigt. Das ist weltweit einmalig.

Hätten Sie gedacht, dass die Überwindung der DDR so lange dauert?
Nein. Beim Aufbau der Behörde wurden viele Leute um die 50 eingestellt. Man dachte: In 10, 15 Jahren ist das Thema durch. Dann zeigte sich: Die zugänglichen Akten erzählen nicht nur die Geschichte der Stasi. Sondern Geschichten vom Widerstand, vom Leben. Wer heute zu Sport, Kitas, Wirtschaft in der DDR forscht, kommt an den Stasi-Akten nicht vorbei.

Was sollte von der DDR in 30 Jahren in den Köpfen bleiben?
Als ein Land, das Millionen Menschen gefangen hielt. Und wie Menschen darauf reagierten: die einen blieben anständig, andere wurden Duckmäuser oder Verräter, andere waren an brutaler Machtausübung beteiligt. Viele wurden durch Verfolgung oder Haft gebrochen. Wieder andere fanden das Leben in der DDR normal: Wer sich nicht bewegt, spürt keine Ketten. Und: Die DDR war Teil des kommunistischen Teils von Europa – eines Systems, das Millionen Menschenleben forderte.

Wer wird die Geschichten weitererzählen?
Das Bundesarchiv wird hier keine Rolle spielen – aber, was wichtig ist, das Wissen für kommende Generationen aufbewahren. Die Bundeszentrale für politische Bildung leistet gute Arbeit, aber da ist die DDR nur ein Sektor. Zum Glück gibt es ein Netz von Gedenkstätten, viele Filme und Bücher. Schulen sind wichtig. Die DDR kommt auf dem Lehrplan so gut wie nicht vor. Dabei ist sie uns allen noch so nahe.

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