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Impfstoff bleibt in Kühlschränken liegen Wenn Hausärzte auf Patienten warten, die Astrazeneca wollen

Anja Köhler

Das Image von Astrazeneca ist angeschlagen, das Vertrauen bei vielen erschüttert. Die Folgen bekommen besonders niedergelassene Ärzte zu spüren.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach und Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) haben es getan – und sich mit dem Impfstoff von AstraZeneca impfen lassen. Für sie sei dies eine Selbstverständlichkeit, sagte die 62 Jahre alte Ministerin nach ihrem Impftermin am Sonntag vergangener Woche.

„Die sehr gute Wirksamkeit des Impfstoffes ist bestätigt, er schützt zuverlässig vor schweren Covid-19-Krankheitsverläufen, die Nebenwirkungen sind sehr selten.“ Als Köpping im Leipziger Impfzentrum zu Gast ist, hat sie lokale Prominenz bei sich.

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Die Rektorin der Universität Leipzig, Beate A. Schücking, selbst Medizinerin, und die Kanzlerin der Hochschule, Birgit Dräger, Pharmazeutin, lassen sich ebenfalls medienwirksam AstraZeneca verabreichen. Am Freitag war Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) an der Reihe. Helfen diese Vorstöße, das angekratzte Image des Impfstoffs aufzuwerten?

Ilka Enger, Internistin mit eigener Praxis in Bayern, glaubt nicht daran. „Das kommt zu spät“, sagt sie im Gespräch mit dem Tagesspiegel Background. Die Liste der Patienten, die sich von Enger impfen lassen wollen, werde zwar länger.

Patient:innen lehnen Astrazeneca oft ab

„Aber für AstraZeneca habe ich so gut wie keine passenden Patienten. 80 Prozent passen vom Risikoprofil her nicht auf diesen Impfstoff, sei es wegen eigenen Vorerkrankungen, oder weil es bereits Thrombosen in der Familie gab.“

Immer wieder höre sie aber auch: „Ich lasse mich nur mit BioNTech impfen“. Was Enger ärgert, ist die Informationspolitik des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI).

Nach ihrer Überzeugung müsste das PEI wissen, welche Risikofaktoren diejenigen hatten, die nach einer Impfung mit AstraZeneca Thrombosen erlitten haben. Gebe es darüber mehr Informationen für die niedergelassenen Ärzte, könnte sie ihre Patienten zum einen besser beraten, zum anderen Patienten gezielter auswählen.

„Ich habe nichts gegen den AstraZeneca-Impfstoff, aber als Ärztin muss ich das Risiko für meine Patienten abwägen können.“ Enger werde das bereits gelieferte AstraZeneca nun im Kühlschrank ihrer Praxis aufbewahren und darauf hoffen, dass doch noch Patienten kommen, die den Impfstoff wollen.

Weniger Geduld hat offenbar Sylvana Kretschmar aus dem sächsischen Niesky. Im Gespräch mit der „Sächsischen Zeitung“ sagte die Hausärztin: „Wenn das alles so weitergeht, mache ich hier dicht und gehe ins Impfzentrum.“

Dort verdiene sie auch mehr als in der Praxis, wenngleich dieser Umstand nicht der Grund ihres Ärgers ist. Sie stört sich zum einen an der Zuteilung der Impfstoffe, und daran, dass sie BioNTech-Impfstoff vorübergehend nur dann geliefert bekommt, wenn sie auch AstraZeneca bestellt.

Zum anderen findet sie: „Hausärzte können nicht plötzlich AstraZeneca rehabilitieren.“ Vielmehr sei die Politik gefragt. Kretschmar führe inzwischen eine Strichliste, wer sich in ihrer Praxis überhaupt mit AstraZeneca impfen lassen will.

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Dass der Impfstoff von AstraZeneca wegen den Negativ-Schlagzeilen häufig von Patienten abgelehnt wird, schreibt auch Wolfgang Kreischer vom Hausärzteverband Berlin und Brandenburg in einem Rundbrief an seine Mitglieder.

„Hier müssen das Gesundheitsministerium und das RKI besser aufklären, denn sonst wird dieser Impfstoff ein Ladenhüter. Wir können in unseren Praxen diesen zusätzlichen Aufklärungsbedarf nicht leisten.“

KV-Vorsitzender rät zur Lagerung

Sachsens KV-Vorsitzender Klaus Heckemann mahnt zu mehr Pragmatismus. Für ihn sind die gravierenden Fehler an anderer Stelle gemacht worden: Deutschland habe von vornherein zu wenig Impfstoff bestellt. „Nun sind wir darauf angewiesen, jeden Impfstoff zu verimpfen. Sonst schaffen wir die Durchimpfung nicht“, sagt Heckemann auf Nachfrage.

Gleichwohl würden Ärzte nicht gezwungen, den Impfstoff von AstraZeneca zu verimpfen. Wer den Impfstoff in die Praxis geliefert bekommt, solle ihn gegebenenfalls erst einmal aufbewahren, dies erlaube die vergleichsweise lange Haltbarkeit. „Daraus muss man kein Problem machen.“ Und: „Keiner weiß im Moment, wie alles weitergeht.“

Die Datenlage zu AstraZeneca könne in ein paar Wochen eine andere sein, egal in welche Richtung. „Genauso gut kann es sein, dass man ein dickes Haar in der Suppe von BioNTech“ findet. Für Roland Stahl, Pressesprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), ist indes wichtig, „dass Ärzte zeitnah generische Bestellungen von Impfstoffen vornehmen können“.

Das heißt: Die Praxen bestellen das, was sie möchten. Die Chancen dafür würden größer, weil die Menge der Impfstoffe insgesamt zunähme, sagt Stahl. Allein für diese Woche gelte die hälftige Zuteilung von AstraZeneca und BioNTech. Dennoch hätten 55.000 Ärzte Impfstoffe bestellt, das sei eine deutliche Steigerung gegenüber der Vor-vor-Woche mit 35.000 Bestellungen und insgesamt ein „gutes Signal“.

Würde langfristig überwiegend AstraZeneca in die Praxen geliefert, würde die Impfkampagne erheblich ausgebremst, mutmaßt der KBV-Sprecher. Zum einen wegen der Empfehlung der Stiko, ohnehin nur Menschen ab 60 mit AstraZeneca zu impfen, von denen ein Teil bereits geimpft sei. Zum anderen wegen des höheren Aufklärungsbedarfs aufgrund des angeschlagenen Images. „Es geht nicht, dass Ärzte versuchen müssen, AstraZeneca wie Dünnbier an den Mann zu bringen.“

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