Was ihre Zukunft angeht, wirkt Franziska Giffey optimistisch. Foto: Britta Pedersen/dpa
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Plagiatsverdacht Franziska Giffeys Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel

Sie will keine Politikerin sein wie alle anderen. Franziska Giffey gilt als Hoffnungsträgerin. Doch ihre Glaubwürdigkeit könnte erschüttert werden.

Na, sagt sie und schaut keck in die Runde, „sind Sie noch wach oder wollen Sie lieber erst einen Kaffee trinken?“ Was für eine Eröffnung! Damit rechnet nun wirklich keiner. Da soll die Ministerin eine Rede halten, gleichsam als offizieller Akt, aber wer das Publikum so anspricht, kommt doch eher wie eine Berliner Göre daher. Und lacht dazu. Das Publikum im Allianz-Forum am Pariser Platz ist amüsiert, lacht zurück und applaudiert. Das muss man auch erst mal schaffen: der erste Beifall nach nicht mal einer Minute.

Franziska Giffey, die Meisterin der Direktheit. Sie ist immer direkt da. Sie ist direkt im Umgang. Und sie macht direkt klar, was sie nicht sein will: eine Politikerin wie alle anderen. Die redet, ohne etwas zu sagen. Die so redet, dass man das Gesagte nicht versteht. Bloß nicht. Da wird sie eigen. Sie kann, nein, sie will hohe Philosophie niemals so klingen lassen. Nicht die Taten bewegen die Menschen, sondern die Worte über die Taten – bei Giffey sagt das so ähnlich, bloß eingängiger, Justus Jonas, der Erste Detektiv aus den „Drei Fragezeichen“, einem Jugendbuch. Kein alter Grieche. Aber jeder versteht, lächelt verständnisinnig, denn wer kennt die Drei Fragezeichen nicht? Groß und Klein kennen sie – und fühlen sich hier und jetzt erkannt.

Wird sie das retten? Wird dieses Mantra dazu beitragen, dass sie die Berichte über ihre Doktorarbeit übersteht? Es hat schon eine eigene Würze: das Original, das mit Plagiaten arbeitet. Noch steht das Urteil nicht, Giffey hat ihre Alma Mater, die strenge Freie Universität, selbst um eines gebeten. Sie will wissen, woran sie ist. Ihre Arbeit, einst mit „magna cum laude“ bewertet – nun doch eher mit Schimpf zu werten? Das sind die Vorwürfe: Passagen aus Wikipedia und Zitate eines englischen Autors ohne Kennzeichnung, außerdem Verweise auf Quellen, die erfunden seien.

Giffey ist sich keiner Schuld bewusst. Sie sagt: „Ich habe diese Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben.“ Hat sie doch die zurückliegenden zehn Jahre in der Überzeugung gelebt und gearbeitet, diese Doktorarbeit korrekt verfasst zu haben. Da ist doch dieser starke empirische Anteil, lauter Interviews mit Neuköllnern darüber, wie EU-Politik bei ihnen ankommt! Das kann jeder sehen. Die Auswertung der Interviews ist Teil ihrer Arbeit. Nun muss die FU entscheiden. Giffey wartet – und muss mit jeder Entscheidung leben.

Sie ist da, ganz da, und bleibt bei sich

Wenn jetzt die Vorwürfe von einer Internetplattform erhoben werden, will sie das von neutraler Stelle geprüft haben. Will sie so schnell wie möglich Klarheit haben. Weil sie sich doch voll auf ihre Aufgaben als Ministerin konzentrieren will. Auf Politik für Alt und Jung, Männer, Frauen und Kinder, „konkrete spürbare Verbesserungen im Alltag und in der Zukunft von Menschen“.

Und ihre Zukunft? Unerschrocken ist sie. Sie, geboren im Sternzeichen Stier, will den hier bei den Hörnern packen. Am Ende soll stehen, wer und wie sie ist: ein Mensch, kein schlechter, und kein schlechterer ohne Doktortitel. Wenn ihr der Titel nicht zusteht, dann sei’s drum. Dann will sie aber doch dranbleiben an dem, was sie für wichtig und für richtig hält. So oder so. Genossen im Vorstand haben sie so reden hören.

Wie sie so redet, ob beim „Bischofsdinner“ vor Honoratioren der Stadt oder beim Diversity-Kongress vor den Multiplikatoren der Vielfalt, sie ist da, ganz da, und bleibt bei sich. Sie berlinert, auf ihre Weise; will sagen, sie kiekst und raunzt und lacht über die Witze, die sie zur Not selber macht. Das steckt an. Sie zieht die Blicke auf sich, weil sie selbst währenddessen auf die Menschen schaut, unverstellt, unverwandt. Sie hält Blicke aus. Unübersehbar ist jeder ihrer Auftritte. Franziska Giffey trägt leuchtende Farben, Signalfarben. Nein, verschämt ist sie nicht. „Proper“ nennt sie eine alte Dame, die ihr im Publikum zuhört, und das altmodische Wort passt ganz gut auf die junge Frau.

40 Jahre jung ist sie. Eine Hoffnung für alle die, die auf Menschen hoffen und nicht auf denkende Systeme. Natürlich kann sie sich artikulieren, ihre Botschaften zelebrieren. Aber die heißen eben einfach so, dass Menschen, normale Menschen, sich daran erinnern können. Das Gute-Kita-Gesetz, das Starke-Familien- Gesetz – dagegen können alle die, die besser ausgebildet als klug sind, sagen, was sie wollen. Zu einfach? Giffey bleibt dabei. Sie bleibt bei sich. Und fasst damit wieder etwas auf ihre Weise, was ein großer Politikwissenschaftler gelehrt hat. Dass nämlich die Dinge, Sachen, Sachverhalte, auf Begriffe gebracht werden müssen, damit die Menschen sie verstehen. „Ick mach det doch für Menschen“, das ist ihr stets wiederkehrender Satz. Ein Satz wie ein Mantra.

Hartnäckig genug für den Kampf ums politische Überleben ist sie, das wird keiner bestreiten. Zumal nicht in der SPD, von A wie Andrea über M wie Manuela, O wie Olaf, R wie Ralf und S wie Sigmar. Der Sigmar, der Genosse Gabriel, sieht in ihr alles das, was die Sozialdemokratie braucht: einen hartnäckigen, praktischen und optimistischen Charakter mit ausgezeichneten Kommunikations- und kreativen Fähigkeiten, dazu verantwortungsbewusst und mitfühlend. Mit einer großen Portion gesundem Menschenverstand. Wann immer Gabriel über sie redet, da weiß man, er traut ihr alles zu.

Alle schauen auf Giffey

Die Kanzlerin bestimmt auch. Angela Merkel, ostdeutsch, brandenburgisch sozialisiert wie Franziska Giffey, die längst in Berlin zu Hause ist, war einmal wie Giffey die große Unbekannte der Bundespolitik. Das Unbekannte, das Neue, das Ungewöhnliche und das noch nicht Fertige, das lockt doch, genauer hinzuschauen. Gerade in diesem doch „allzu oft an Ermüdungsbrüchen leidenden politischen Berlin, in dem fast alles vorhersagbar erscheint und sich die Geschichten und Geschichtchen seit Jahren immer um dieselben Personen zu drehen scheinen“. Gabriel weiß das gut zu beschreiben.

Nicht nur in der SPD, auch in der CDU schauen sie daher genau hin, was die Bundesfamilienministerin macht. Wird sie zur großen Konkurrenz? Die Frage stellen sich inzwischen viele mit Blick auf andere Spitzengenossen und sie, im Vergleich. Nicht zuletzt in Berlin. Immerhin hat sie etwas geschafft, was es so noch nicht gab: als erste Kommunalpolitikerin direkt auf die Bundesebene zu kommen und ein Ministerium erfolgreich, mindestens erfolgreich öffentlichkeitswirksam, zu führen. Das weckt Interesse bis in höchste Kreise, und zwar in beiden Parteien. Merkel denkt ja bis heute auch in Kategorien einer Pressesprecherin, die sie früher einmal war.

Alle schauen auf Giffey, und wer weiß, was sie sich selber zutraut. Das ist vielleicht nicht alles, aber viel. Ihr Selbstbewusstsein ist von Berlin geprägt. Zum Interesse kommt in den hohen Kreisen deshalb ein gerüttelt Maß an Misstrauen, was ihre Ambitionen betrifft. Zumal in einer Stadt, die hier wie dort, im Land wie im Bund, an politischer Ermüdung leidet. Es gibt nicht wenige Berliner Sozialdemokraten, die sich ihre Frische an der Spitze wünschen.

Da hilft ihr, dass sie kein größeres Problem damit hat, auch einmal andere vor sich selbst zu stellen. Wenn das Thema Pflege, um das zu nehmen, was sie sich als Nächstes vorgenommen hat, erfordert, dass Parteifreund Hubertus Heil, der Sozialminister, und Christdemokrat Jens Spahn als Gesundheitsminister sich bei der Zusammenarbeit mit ihr wohlfühlen – dann sollen sie ihre Auftritte haben. Sie wird schon zu ihrem kommen, da soll sich keiner täuschen. Aber ob jetzt oder später, wichtig ist, dass die Menschen, ja doch, sie verstehen.

Demonstrative Gelassenheit und selbstsicheres Temperament werden zur Tugend, um nicht von einer Gabe zu reden. Giffey kann warten; wenn es sein muss. Sie kann ungeduldig werden, aber es ist auf diese eher verzeihliche Art, so ungekünstelt. Sie kommt halt warmherzig daher, kontaktfreudig und ziemlich zugänglich. Sie kann sich augenscheinlich begeistern für Ideen. Auch für ihre eigenen. Aber wer von sich selber nicht begeistert ist, wie soll der andere begeistern, nicht wahr?

Sie muss vorsichtig sein, aber nicht zu vorsichtig

Franziska Giffey ist für eine lebensfrohe und praktische Natur bekannt. Viele halten sie für immer freundlich und witzig. Für eine, deren Fähigkeit darin besteht, andere zu sehen, zu verstehen und immer das „Richtige“ zu sagen. Also alles zum Besten. Könnte man denken.

Es gibt doch tatsächlich Menschen, die nicht nur begeistert von ihr reden. Zum Beispiel darüber, dass sie unbedingt als Freigeist wirken will, als eine, die sich nicht einhegen lässt. Dass sie nicht als akademisiert dastehen will, aber doch sehr viel Wert auf ihren Doktortitel legt. Dass sie damit spiele, gerne draußen zu sein, nicht nur im Ministerium über Akten. Dass Attitüde sei, wenn sie in den Vermerken etwas entdeckt und dann sagt: Da will ich hin.

Mehr als 300 Termine da draußen hat sie auf diese Weise schon gemacht. Sie denkt, dass sich ihr Ministerium daran gewöhnt hat. Denn sie findet, dass sie sich damit doch nicht verwöhnt. Sie will raus, weil sie nicht als unflexibel wahrgenommen werden will. Aber eben nicht zugleich als unstet. Sie will gelten; aber vor allem als realistisch, umsichtig, geerdet. Dass man sie so sieht und nicht anders, ist wichtig für ihren Erfolg, ob jetzt oder in Zukunft.

Das ist ein Teil dessen, womit sie sich herausfordert. Sie muss vorsichtig sein, aber nicht zu vorsichtig, sozial nachdenklich, aber nicht uncharismatisch, um nicht Chancen zu verpassen. In der Wirkung für sich selbst und die Menschen in einem. Das ist eine Gratwanderung, schon gar jetzt, unter besonderer Beobachtung des nicht nur geneigten Publikums.

Je schmaler der Grat, desto größer die Gefahr. Ewig lauert der Absturz. Darum hätte sie es wohl gerne so, schon gar jetzt: Sollen andere schnell ihre Meinung äußern, sie will immer noch Zeit haben, die Dinge und die Lage zu durchdenken. Hier gilt, dass sie anderen durch ihre eigene Lebenserfahrung helfen kann – den Wahrheiten in ihrem Leben kann sie aber genauso wenig ausweichen.

Die Herausforderung: nicht hitzig wirken

Darin liegt die Herausforderung nur für sie, in ihr, im Stillen, nicht fürs große Publikum: in keiner Situation hitzig zu wirken, sondern freundlich. Kritik, wenn sie denn kommt, zu akzeptieren. Sich entschieden zu haben, wer sie dann ist: immer noch die Franziska Giffey. Und was dann vielleicht nicht mehr, die Ministerin, die Hoffnungsträgerin.

Dass sie reden kann, ist eine wesentliche Voraussetzung, aus dieser Situation gut herauszukommen. Gut heißt: weitgehend unbeschadet. Dass sie emotionale Bindung schaffen kann, kann ihr zusätzlich helfen. Es ist immer noch so, immer mehr so, wie Gabriel jüngst in seiner Laudatio für die „Newcomerin des Jahres“ beim Politik-Award gesagt hat: Für sie selbst werde es wichtig sein, so authentisch in Sprache, Auftritt und Arbeitsweise zu bleiben. Nicht so zu werden, wie es vielen aus dem politischen Betrieb von interessierten Medien und desillusionierten Menschen unterstellt werde, nämlich etabliert-abgehoben, kühl-professionell und ohne die leidenschaftliche Zuversicht, die es braucht, um bei Menschen Glaubwürdigkeit und Vertrauen zu gewinnen.

„Gerade weil ich Franziska Giffey schon länger kenne als die meisten ihrer Beobachter, bin ich gewiss, dass ihr das gelingen wird. Denn sie bringt die beiden einzigen Qualifikationen mit, die man für das politische Leben braucht: Neugier auf das Leben anderer und die Zuneigung zu Menschen, auch dann wenn sie anders sind, als man sie sich wünscht.“ Gabriel wünschte sich, dass sich Giffey vom Zynismus des Alltags und seiner medialen Beschreibung nicht verletzen und bedrängen lässt, denn dann „werden Menschen das merken und ihr vertrauen, als Mensch, als Sozialdemokratin und als jemand, der für diese Stadt und für das ganze Land Führungsverantwortung übernehmen kann und wird“.

Das hat Sigmar Gabriel vor ihrer Doktoraffäre öffentlich erklärt. Er würde es wieder tun. Am Ende aber ist Franziska Giffey auch nur ein Mensch. Und der Anfang nur die Hälfte des Ganzen. Sagt Aristoteles. Nicht Justus Jonas.

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