Wismars Altstadt gilt zurecht als eine der schönsten an der Ostsee - ein perfekter Ausgangspunkt für eine Tour auf dem Ostseeküsten-Radweg. Foto: Alexander Rudolph / Tourismuszentrale Wismar
© Alexander Rudolph / Tourismuszentrale Wismar

Ostsee-Magazin 2019 Das Meer an meiner Seite

Christian Vooren

Der Ostseeküsten-Radweg führt 700 Kilometer durch Mecklenburg-Vorpommern. Unser Autor hat sich 80 davon vorgenommen und ist von Wismar bis Warnemünde geradelt.

Das Fischbrötchen und den Autoscooter hat Wismar dem Dreißigjährigen Krieg zu verdanken. Der kleine Hafen der Hansestadt gleicht einem Rummelplatz. Vom Riesenrad schweift der Blick nach links, über einige Container hinweg aufs Meer, dann nach rechts, wo sich die roten Kacheln der Altstadtdächer aufreihen. Dann fällt er auf bunte Fressstände: Crêpe oder Krakauer? Ich muss mich entscheiden.

Es ist Schwedenfest in Wismar, wie jeden Sommer. Nachdem das schier ewige Kämpfen im Herbst 1648 vorbei war, ging die Stadt für mehr als einhundert Jahre unter schwedische Herrschaft, praktisch als Pfand. Heute merkt man auf dem Rummel kaum etwas von diesem historischen Anlass, außer vielleicht, weil man denkt: "Alter Schwede, bin ich satt."

Den Kindern ist der Anlass sowieso egal, sie stehen lieber am Kai, schauen den alten Kuttern beim Wenden zu und vergessen dabei ihr Erdbeersofteis, das ihnen langsam auf die Schuhe tropft. Ich erschrecke, als ich bemerke, dass auch mir der Senf von der Bratwurst gleitet.

Wismars Altstadt ist eine der am besten erhaltenen an der Ostsee, ein perfekter Ausgangspunkt für einen Wochenendausflug mit auf dem Ostseeküstenradweg. Ich fahre mit dem Fahrrad von Wismar nach Warnemünde. Die Etappe habe ich gewählt, weil die rund 80 Kilometer mit etwas sportlichem Ehrgeiz an zwei straffen Tagen zu schaffen sind, einfach immer gen Osten. Und, weil die Strecke zu vielen spannenden Orten führt, die ich schon seit Langem sehen wollte.

Das mittelalterliche Wismar ist seit 2002 UNESCO-Weltkulturerbe. Wegen der Kirchen und wegen der Altstadt. Und selbstverständlich wegen des Hafens. Der hat die Stadt erfolgreich gemacht - zusammen mit einer ausgeprägten Braukunst. Die gibt es heute nicht mehr, dafür ist der Hafen noch immer ein wichtiger Motor für die Wirtschaft. Gerade baut eine Firma aus Malaysia hier große Teile eines Kreuzfahrtschiffs, das 9000 Passagiere fassen soll. Und weil dafür jede Menge Arbeiter gebraucht werden und die irgendwo wohnen müssen, liegt in der Nähe der Werft ein zweites, umgebautes Kreuzfahrtschiff, auf dem die Angestellten wohnen.

Mit Rückenwind nach Rerik

Landeinwärts, hinter dem historischen Wassertor, beginnt die Altstadt. Hier geht es wesentlich beschaulicher zu. Ich schlendere an einem Kanal zwischen roten Backsteinhäusern entlang und wähne mich für einen Moment in einer niederländischen Stadt. Dann stehe ich plötzlich vor jenem berühmten Kaufhaus, das Rudolph Karstadt 1881 gründete und von dem aus er seine Warenhauskette in ganz Deutschland aufbaute. Aber alles, was ich dort kaufen könnte, wäre zusätzliches Gewicht im Sattel.

Am nächsten Morgen wird es feuchtfröhlich. Es regnet. Eigentlich nichts Ungewöhnliches am Meer, und doch begrüßt die Dame an der Rezeption mich euphorisch lächelnd mit den Worten: "Das ist der erste Regen seit Monaten!" Es fällt mir schwer, ihre Freude zu teilen.

Die Seebrücke der Kleinstadt Rerik lädt zum Träumen ein. Foto: Christian Vooren Vergrößern
Die Seebrücke der Kleinstadt Rerik lädt zum Träumen ein. © Christian Vooren

Meine erste Tagesetappe auf dem Ostseeradweg führt mich bis Rerik. Das sind gut 30 Kilometer über flaches Gelände. So wie überhaupt die gesamte Strecke bis Warnemünde erwartungsgemäß eben verläuft und angenehm mit Rückenwind zu fahren ist, wenn der Wind nicht doch einmal dreht. Der erste Abschnitt beginnt ein wenig enttäuschend. Einerseits ist das dem trüben Wetter geschuldet, andererseits verläuft der Radweg hier für eine Weile so weit weg von der Küste, dass ich das Meer kaum sehe. Auf etwa halber Strecke dann ein versöhnender Lichtblick: Im Dorf Stove steht eine alte Holländerwindmühle auf einem Hügel. Ein paar Meter weiter auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegt das Dorfmuseum - eigentlich ein alter Bauernhof, der heute auch Krimskrams verkauft. Ich raste an diesem überaus netten Platz , bevor ich der Route auf gut ausgebautem Radweg weiter bis Rerik folge. Es nieselt immer mal wieder, Pulli aus, Pulli an. Auch in Jahrhundertsommern gilt: Wer ans Meer fährt, sollte nie ohne Regenjacke im Gepäck aufbrechen.

Der 2200-Einwohner-Ort Rerik hat vor allem Geschichte zu bieten. Der Ortskern besteht aus Kirche, Dorfmuseum und dem "Café Olé", drumherum, beinahe kreisförmig, stehen vor allem Wohnhäuser. Moderne Klinkerarchitektur, weniger Fachwerk. Optisch ein starker Kontrast zu Wismar. Das touristische Zentrum liegt ein bisschen weiter westlich, an der Waterkant zwischen Salzhaff und Ostsee. Besucher müssen sich hier wieder entscheiden: Lieber am Strand sitzen mit Blick auf die Seebrücke und die Ostsee? Oder lieber auf der anderen Seite des schmalen Deichs im Café eine Forelle mit Kartoffeln bestellen bei bestem Blick auf Salzhaff und die Halbinsel Wustrow?

Mein Rad holpert über Wurzelwerk, abwechselnd blicke ich in grünes Dickicht und aufs blaue Meer

Diese allein taugt als Stoff für Dutzende Geschichten, Klaus Feiler kennt sie alle. Lange Jahre war die Halbinsel für die Öffentlichkeit geschlossen, seit kurzem darf man mit dem Planwagen wieder drauf. Die Touren sind jedoch auf Wochen im Voraus ausgebucht. Ich entscheide mich deswegen für eine Bootstour mit der "MS Salzhaff". Warm eingepackt lässt es sich auf dem Sonnendeck gut aushalten, ich lehne an der Reling, fläze mich auf eine Bank und schaue auf Küste und See. Das Schiff schippert am Ufer der Halbinsel entlang. Kapitän Klaus Feiler, ein bärtiger Seebär, grauhaarig und mit vom Wetter gegerbter Haut, erzählt mit näselnd-heiserer Stimme von Wustrow: Wie die Nazis sich das Gelände 1933 aneigneten, um die größte Flakartillerie-Schule Deutschlands zu errichten. Wie die damals vertriebenen Einwohner zurückkamen, als der Krieg zu Ende ging, um vier Jahre später erneut von den Russen vertrieben zu werden. Wie die Rote Armee das Gelände bis 1994 weitgehend abschottete und wie es nach der Wende zu einem 1900 Hektar großen Naturschutzgebiet wurde.

Vom Schiff aus sieht man nicht allzuviel von all dem. Gut, dass Klaus Feiler mit einem Mikrofon ausgerüstet gegen den Wind präzise jede Kaserne und jede Baracke beschreibt, dass man denkt, man stehe davor. Und weil der Hobby-Historiker eigentlich Biologe ist, kennt er auch noch jede der 525 Pflanzenarten, die auf Wustrow zu finden sind, und kann sie selbst vom Schiff aus per Ferndiagnose identifizieren.

Der Leuchtturm von Bastorf warnt bereits seit 140 Jahren Schiffe vor der Sandbank "Hannibal". Foto: Imago Vergrößern
Der Leuchtturm von Bastorf warnt bereits seit 140 Jahren Schiffe vor der Sandbank "Hannibal". © Imago

Wieder an Land und ordentlich durchgelüftet, lasse ich mich in einem der Cafés am Haffanleger nieder, um bei einem heißen Tee wieder auf Betriebstemperatur zu kommen. Noch kurz die Beine vertreten, dann ist es auch schon fast Abend. Ich spaziere zur anderen Seite der schmalen Landzunge, die Wustrow mit Rerik verbindet, und gehe auf die Seebrücke. Die existiert seit 1886 und lag damals aber 400 Meter weiter östlich. Witterung und Eis haben dem Original so stark zugesetzt, dass sie irgendwann nachgab. Seit Anfang der 90er-Jahre steht sie an ihrem heutigen Platz und ragt immerhin noch 170 Meter ins Meer hinein.

Die Seebrücke ist ein idealer Ort, um den Sonnenuntergang zu verfolgen, vor allem jetzt, da die Regenwolken sich verzogen haben. Das Licht wechselt nahtlos von Blau zu Rot zu Lila. Danach geht es früh ins Bett, der Abend wird kurz, damit die Nacht länger wird. Die Etappe am nächsten Tag wird es ebenfalls.

Mit gut 20 Metern Höhe ist Bastorfs Leuchtturm einer der kleinsten der Region

45 Kilometer und mehrere Stopps habe ich für die zweite Tagesetappe geplant. Zum Glück hält das Wetter das, was die Vorhersage versprochen hat. Ich trete kräftig in die Pedalen und komme bald zu einem Hügel, auf dem der Leuchtturm Bastorf steht. Mit nur gut 20 Metern Höhe ist er einer der kleinsten der Region, aber durch seine Hügellage weithin sichtbar. Seit gut 140 Jahren warnt er Schiffe vor "Hannibal", einer Sandbank vor der Wismarer Bucht. Besucher können ihn besteigen, die Aussicht ist aber auch am Boden hervorragend. Hier lege ich eine Pause ein und genieße den Weitblick über die Küstenlandschaft, die so flach wie das Meer vor mir liegt. Der Radweg verläuft nun wieder ganz nah am Meer, allerdings etwas zu nah, ein ganzer Abschnitt ist gesperrt, weil die See den Weg so lange unterspült hatte, bis der Asphalt wegbrach.

Auf der zweiten Tagesetappe lohnt sich ein Abstecher vom Ostseeküsten-Radweg auf der Route der Schmalspurbahn Molli. Foto: Christian Vooren Vergrößern
Auf der zweiten Tagesetappe lohnt sich ein Abstecher vom Ostseeküsten-Radweg auf der Route der Schmalspurbahn Molli. © Christian Vooren

Mittagspause in Kühlungsborn. Das Ostseebad besteht im Wesentlichen aus einem Stadtwald und einer Promenade, getrennt durch eine Straße voller Hotels. Davor liegt ein Strand mit feinem, weißen Sand. Was braucht man mehr? Denn erstens beherbergt der Stadtwald auch einen Kletterwald, einen Sportplatz, Reitwege und einen Naturlehrpfad. Und zweitens ist die Promenade eine der schönsten der Ostseeküste. Blitzsauber, nicht zu verbaut und doch gut erschlossen. Geschichtsinteressierte sollten den ehemaligen DDR-Grenzturm besuchen, einer von nur zwei erhaltenen an der Ostseeküste. Im Ausstellungsraum sind Fluchtversuche dokumentiert, ein altes Schlauchboot erinnert an die Gefahren, die manche hier auf sich nahmen. Da das Wetter jetzt ideal zum Radeln ist - nicht zu heiß, kaum Wind - verzichte ich auf ein Nickerchen im Strandkorb und radle kurz darauf schon durch Heiligendamm, wo 2007 die G8 tagten. Seltsam fremd kommen mir die Nachrichtenbilder von damals vor, als die halbe Welt auf diesen Ort schaute. Seltsam überholt klingen auch die Namen der Teilnehmer: Nicolas Sarkozy, Tony Blair, George W. Bush. Alle längst weg. Nur das Grand Hotel steht immer noch strahlend weiß zwischen Ostsee und akkurat gestutzten Grünflächen.

Mindestens genauso blitzblank poliert: die Molli. Man hört sie schon von weitem pfeifen und zischen. Die Mecklenburgische Bäderbahn pendelt seit 1886 zwischen Bad Doberan und Heiligendamm, 15,4 Kilometer Strecke. Und während ich so am Bahnsteig sitze und den einfahrenden Zug beobachte, zeigt sich mir plötzlich eine geheimnisvolle Heilkraft der Dampfbahn: betagte Männer, die sich Minuten zuvor mehr hinkend als gehend die Stufen zum Gleis hochkämpften, werden plötzlich zu jungen Kerlen, die sich hinhocken und bücken, um die besten Fotos der alten Lok zu schießen.

Der Doberaner Münster nahe Rostock wurde bereits im Jahr 1296 fertiggestellt. Foto: Thilo Rückeis Vergrößern
Der Doberaner Münster nahe Rostock wurde bereits im Jahr 1296 fertiggestellt. © Thilo Rückeis

Wie die Molli, nur ohne Dampfunterstützung, fahre ich nun landeinwärts bis Bad Doberan mit seinem berühmten Münster. Das hoch aufragende Backsteingebäude aus dem 13. Jahrhundert beherbergt beeindruckende Altäre und Grabplatten. Besonders lange verharre ich im Chorgestühl. Das liegt deutlich abgetrennt vom Laiengestühl. Ich kann die Zweiklassengesellschaft auch unter den damaligen Mönchen praktisch spüren. Ich vergesse die Zeit im Münster und muss mich beeilen, um noch im Hellen nach Warnemünde zu kommen. Also geht es zurück an die Küste, an einer Bundestraße entlang, dann in den Gespensterwald von Nienhagen, einer der atmosphärischsten Orte der ganzen Region. Mein Rad holpert über Wurzelwerk, abwechselnd blicke ich in grünes Dickicht und aufs blaue Meer.

Die Erscheinung der Bäume geben dem Gespensterwald ihren Namen

Gespensterwald? Keine Sorge, hier spukt es nicht und es gibt keine ertrunkenen Seefahrer, die ihr Unwesen treiben. Es sind bloß die Bäume selbst, die eine recht geisterhafte Erscheinung haben und dem Wald seinen Namen gaben. Sie stehen leicht erhöht über der Ostsee, sind ergraut von der Witterung und strecken sich beinahe astlos in den Wind, was je nach Licht und Wetter wohl etwas schauderhaft aussehen kann. Viele Spaziergänger und Jogger sind unterwegs. Ich setze mich auf eine Bank mit Blick aufs Meer und warte eine Weile. Nach einigen Minuten erwische ich einen Augenblick, in dem ich scheinbar allein in dem Wald bin. Ich komme mir nicht besonders rational vor, aber drehe mich doch lieber um, damit ich die im Wind schwankenden Buchen im Blick habe. Das Licht der Spätnachmittagssonne wird von den Baumkronen gebrochen. Es ist kein bisschen gruselig, aber schön.

Mit dem Leuchtturm und dem Teepott im Rücken, kann man am Strand von Warnemünde bestens entspannen. Foto: Thilo Rückeis Vergrößern
Mit dem Leuchtturm und dem Teepott im Rücken, kann man am Strand von Warnemünde bestens entspannen. © Thilo Rückeis

Ein letztes Mal sattle ich auf, folge der Küste, die untergehende Sonne im Rücken, und erreiche bald Warnemünde. Erst einmal das Gepäck vom Rad und eine heiße Dusche nehmen.

Die Promenade von Warnemünde hat auch an ruhigen Tagen ein bisschen was vom Wismarer Rummel. Paare tanzen Discofox zu den Klängen eines Straßenmusikers, der auf Weingläsern spielt. Passagiere eines Kreuzfahrtschiffs und Touristen am Festland fotografieren sich gegenseitig, während das Schiff tiefe Horntöne und tiefschwarze Rauchwolken in den Abendhimmel bläst.

Mit einem Matjesbrötchen setze ich mich auf die Treppenstufen über dem Strand und lausche einem Künstlerduo, das mit Klavier und Trompete "Wonderful World" spielt. Das fühlt sich extrem kitschig an. Doch ich habe nicht das Bedürfnis, hier allzu schnell wegzugehen.

Zur Startseite