Oktober 2006 Neun Tote in sechs Jahren - Polizei ist ratlosi

Kai Müller[Nürnberg]
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Es ist eine beispiellose Mordserie, die Taten geschehen am hellichten Tag. Und die Polizei ist ratlos: Denn dieser Fall gehorcht nicht den üblichen Regeln.

Simya kann sich noch gut an den Tag erinnern, an dem ihr Leben in zwei Teile zerbrach. Die Sommerferien waren gerade zu Ende gegangen. Gemeinsam mit ihrem Vater, der sonst immer arbeiten musste, war sie sechs Wochen lang durch das Land gefahren, angeln, überall besuchten sie Verwandte. Dann muss Simya, damals 15, wieder zur Schule, und der Vater, Enver Simsek, Besitzer eines Blumengroßhandels in Schlüchtern, Südhessen, besteigt einen weißen Mercedes-Sprinter. Ein Mitarbeiter ist ausgefallen und kann nicht nach Nürnberg fahren, wo Simsek einen mobilen Blumenstand unterhält. Simsek muss selbst hin. An einer Ausfallstraße am Stadtrand spannt er einen Sonnenschirm auf und stellt Schnittblumen auf Bierbänke. In der Nacht bekommt Simya einen Anruf. Ihrem Vater „geht es nicht gut“, sagt ein Onkel.

Dass irgendetwas anders ist, begreift Kriminalhauptkommissar Albert Vögeler sofort, als er auf den weißen Sprinter zutritt. „Das war außergewöhnlich. Man sah gleich, dass hier ein Mensch gezielt und vorsätzlich umgebracht werden sollte.“ Acht Kugeln haben den Körper des 39-jährigen Türken durchsiebt, abgefeuert aus zwei Waffen. Trotzdem ist Enver Simsek nicht sofort tot. Er wird ins Krankenhaus gebracht und operiert. Als seine Tochter dort ankommt, fällt ihr Blick kurz auf das geschwollene, bandagierte Gesicht des Vaters, bevor sie ohnmächtig wird. Eine unsichtbare Faust hat ihm von hinten durch den Kopf ein Auge ausgeschlagen. Zwei Tage später stellen die Ärzte die Maschinen ab.

Das ist nun sechs Jahre her. Doch es vergeht kein Tag, an dem nicht der Groll in Simya aufsteigt. Wieso läuft der Täter noch immer frei herum? Sie steht mit ihrer Ohnmacht nicht allein. Ihr Vater war nur das erste von neun Opfern, die seit dem 9. September 2000 umgebracht wurden. Immer mit derselben Waffe, einer Ceska 83, Kaliber 7,65 Millimeter. Und beinahe immer auf dieselbe Weise.

Ein Dreivierteljahr nach Enver Simsek wird ein türkischer Änderungsschneider in seinem kleinen, dunklen Eckladen in Nürnberg erschossen. Der Angreifer, seine Methode, sie beginnen, kenntlich zu werden. Die Opfer sind ausnahmslos türkisch aussehende Kleinunternehmer, die sich zur Tatzeit allein, allerdings oft zufällig in ihren Geschäften aufhalten und kaltblütig erschossen werden. So geschehen in Hamburg und München, wo der Täter im Sommer 2001 in kurzer Folge zwei Gemüsehändler aus kurzer Distanz tötet. Der fünfte Mord ereignet sich drei Jahre später in Rostock. Diesmal stirbt ein Döner-Verkäufer, der sich illegal in Deutschland aufhält und nur aushilfsweise in der schäbigen Bude steht.

Im Juni 2005 guckt sich der Täter wieder einen Döner-Imbiss aus, diesmal wieder in Nürnberg gegenüber einer Mädchenschule. Ein Passant geht zur Tatzeit an dem Container vorüber. Da er das Opfer, das hinter dem Tresen an fünf Schussverletzungen stirbt, nicht sieht, geht er weiter. Was wäre passiert, wenn er hineingegangen und nachgesehen hätte? Ein anderer Zeuge immerhin glaubt sich an zwei Radfahrer zu erinnern, deren Phantombilder nun durch die Fahndungskarteien geistern. Noch im selben Monat stirbt in München der griechische Mitinhaber eines Schlüsseldienstes. Schließlich der vorläufig letzte Akt: Am 4. April dieses Jahres wird in Dortmund ein Kioskbesitzer ermordet und nur zwei Tage später in Kassel der 21-jährige Betreiber eines Internetcafés.

„Irgendwann will ein Serientäter einfach immer weitermachen.“ Das sagt Alexander Horn, ein Spezialist, wenn es darum geht, die psychologischen Beweggründe eines Mehrfachmörders zu bestimmen. Horn, 33, beugt sich über den dünnen Hefter, der vor ihm auf dem Besprechungstisch im Nürnberger Polizeipräsidium liegt – umgedreht. Horn ist Profiler, ein vom FBI erfundener Beruf, sein Gegenstand: mysteriöse Verbrechen nach den verborgenen Verhaltensmustern der Täter abklopfen und so psychologische Profile erstellen. Horn gilt als einer der besten seines Fachs. Beim Landeskriminalamt in München leitet er die Abteilung für „operative Fallanalyse“.

Sich selbst nennt Alexander Horn „Berater“, und genau so sieht er aus: gestutzter Kinnbart, Anzug und ein modischer Schlips. Aus seinen Worten spricht die Hartnäckigkeit eines Mannes, der sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützt. Für Horn ist der „Döner-Mörder“ kein Monster. „Das ist kein durchgeknallter Irrer.“ Vielmehr zeigten dessen Bemühungen, immer besser zu werden, „dass der Mann mitdenkt“. Umso mehr geben seine Absichten Rätsel auf. Schon jetzt hält er einen furchtbaren Rekord: Noch nie sind in Europa so viele Menschen über einen so langen Zeitraum und ohne ersichtlichen Zusammenhang ermordet worden. Dieser Fall gehorcht nicht den üblichen Regeln.

„Der Täter betritt das Geschäft, schießt und geht wieder.“ Was will er damit sagen? Geht es darum, wie in den Filmen „Seven“ und „Das Schweigen der Lämmer“, eine Mitteilung zu entschlüsseln, die in den Morden verborgen ist? Doch Horn winkt ab: „Der Botschaft würde ich kein großes Gewicht beimessen.“ Jeder Wiederholungstäter habe sein eigenes Motiv. Es handelt sich um ein blutiges Selbstgespräch.

Kopfzerbrechen bereitet dem Jäger, dass die Tatorte so weit auseinander liegen. Denn der typische Serienmörder gilt als Akteur, der unter hoher innerer Anspannung handelt und deshalb auf seine lokale Umgebung fixiert ist. So jemand lege nicht Hunderte von Kilometern zurück, um sich ein neues Opfer auszugucken, sagt Horn. Trotzdem tut es einer.

„Serienmörder scheinen führerlosen Güterzügen zu gleichen, die über ihre Opfer einfach hinwegdonnern“, schreibt der Kriminologe und Serienmordexperte Stephan Harbort („Das Serienmörder- Prinzip“). Seiner Statistik zufolge trieben zwischen 1945 und 2000 in Deutschland 208 Mehrfachmörder ihr Unwesen, 3,8 pro Jahr. Wobei durchschnittlich dreieinhalb Jahre vergingen und sechs Menschen starben, bevor ein Übeltäter gefasst wurde. In den Köpfen hat sich das Bild des Psychopathen und Triebtäters festgesetzt. Dabei sind nur 30 bis 35 Prozent der Tatreihen sexuell motiviert. Und Mordlust kommt als Antrieb praktisch gar nicht vor. Viel häufiger geht es um Habgier und Macht. „Der Versager ist tot, es lebe der Mörder“, lautet Harborts Credo.

Auch im Nürnberger Polizeipräsidium sind Harborts Studien gelesen worden. Aber sie helfen nicht weiter. Horn, sein Kollege Vögeler und Kripochef Wolfgang Geier, die hinter Kaffeetassen sitzen und sie nicht anrühren, sind Routiniers und ratlos. Nebenan, sagt Geier, gebe es einen Raum, so groß wie sein Direktionsbüro, und der sei bis unter die Decke mit Akten gefüllt. Alles Spuren in diesem Fall, den sie „Bosporus“ nennen. Auf über 5600 schätzt er die überprüften Personen.

Die drei Männer bewegen sich kaum. Ihre Anspannung ist mit Händen zu greifen. Wie sollen sie begreiflich machen, dass selbst die Arbeit von 160 Beamten im gesamten Bundesgebiet, die von diesem Ort aus koordiniert wird, sowie Vögelers 400 Überstunden nicht genügen, um einen Einzeltäter zu schnappen. Wie über einen Fall reden, in dem sich Fragen über Fragen türmen, ohne wichtige Details preiszugeben? Der Druck von außen ist erheblich, gibt Geier zu. 300 000 Euro sind als Belohnung ausgesetzt. Das letzte Mal wurde eine solche Summe während der RAF-Fahndungen versprochen.

Geier und sein Chef-Ermittler Albert Vögeler bringen es zusammen auf 57 Dienstjahre. Oft erschließt sich ihnen das Mordmotiv schon am Tatort. An Enver Simseks Blumenstand glaubten sie an eine Familientragödie. Wollte der Schwager des Toten das Geschäft an sich reißen? Die Nachforschungen im Umfeld des Opfers gestalteten sich schwierig. Simya erzählt, wie sehr sie die Verhöre der Beamten, deren Unterstellungen so kurz nach dem Unglück als Zumutung empfand.

Für die Ermittler ist die türkische Welt unzugängliches Terrain. Lange vermuteten sie das organisierte Verbrechen hinter den Morden, doch ließ sich das nirgends belegen. Auch einen rechtsradikalen Hintergrund schließt die Polizei mittlerweile aus. Entsprechende Gruppierungen könnten kein politisches Kapital schlagen. Außerdem begingen Überzeugungstäter zu viele Fehler, heißt es.

Vor zwei Wochen rang sich die Polizei überraschend zu einer Offensive durch: Der Gesuchte werde im Südosten von Nürnberg vermutet, hieß es, wo drei der Morde begangen wurden. Er führe wahrscheinlich ein unauffälliges Leben. Von Nachbarn, Verwandten oder Freunden könnte er als jemand betrachtet werden, dem man so eine kaltblütige Brutalität niemals zutraut. Berufliche Gründe dürften ihn zu den entfernteren Tatorten geführt haben.

Das brachte Bewegung in den Fall. Etwa 160 Hinweise gingen bei der Polizei ein. „Es sind viele Personen namentlich genannt worden“, berichtet Geier. „Leider mussten wir alle ausschließen.“ Da sollten nur alte Rechnungen beglichen werden.

Dabei bedarf es vielleicht solch eines Verrats. Gut möglich, dass der Täter verheiratet ist und sein Doppelleben vor der eigenen Frau versucht geheim zu halten. Die Polizei muss darauf hoffen, dass es die Gattin – falls es eine gibt und falls sie von den Taten des Mannes weiß – über sich bringt, Anzeige zu erstatten und ihre eigene Welt niederzureißen. Denkbar ist allerdings auch, dass es sich um zwei Täter handelt, die beim ersten Mal gemeinsam auftraten und nun einander abwechseln. Oder führt da einer das Vermächtnis eines anderen fort? Ging der Mordserie ein schlechtes Erlebnis des Täters mit einem Türken voraus, so dass er jetzt willkürlich Sündenböcke sucht?

Plötzlich zieht Geier aus einer Plastiktüte ein mit der Tatwaffe baugleiches Ceska-Modell. Es sieht klobig und martialisch aus mit dem riesigen Schalldämpfer, der auf einem verlängerten Lauf sitzt. Man weiß, dass die tödlichen Schüsse aus einer solchen Tüte heraus abgegeben werden. Vermutlich merken die Opfer nicht einmal, was passiert. Doch die Schmauchgase blasen die Tüte schon nach dem ersten Schuss wie einen Ballon auf, der Täter kann nicht mehr über den Lauf zielen. Er muss seine Schusstechnik trainieren, sonst trifft er nicht richtig. Da die Überfälle den Charakter einer Kommandoaktion haben, könnten sie auch von einem Spezialisten begangen werden, einem Mann aus den eigenen Reihen also. Geier atmet tief durch. Ausschließen könne er das nicht. Aber es spreche nichts dafür.

Vielleicht werden nur Computer diesen Fall lösen können. Mehrere Gigabyte umfasst die Datei mittlerweile. Und sie wird weiter gefüttert mit den elektronischen Fußabdrücken, die der moderne Mensch hinterlässt. Ein „easy“ ausgesprochenes Programm klopft die Spuren nach dem unscheinbaren verbindenden Element ab. Welche Fahrzeuge, Telefonanschlüsse, Straßen, Personennamen tauchen in mehr als einem Verfahren auf? Es ist eine Schnitzeljagd. „Vielleicht ist in dem großen Topf der Täter schon drin“, macht sich Kripomann Geier Mut, „so dass wir ihn extrahieren können.“ Wie beim Sieden. Am Ende bleibt der Sud übrig, eine Datenklumpung.

Auch für den freundlichen Kriminaldirektor Geier ist es nicht einfach, Zuversicht zu verbreiten. Er steckt in einem Dilemma. „Bei Serien hofft die Polizei immer, dass sie nicht einfach abbrechen“, sagt er, „weil dadurch die Chancen zur Ergreifung größer werden.“ Doch ein weiteres Menschenleben würde ausgelöscht. Die Polizisten geben es ungern zu: Der Täter muss einen Fehler machen.

Und die Erfahrung lehrt es ja – Massenmörder entwickeln Allmachtsfantasien, weil ihnen ein riesiger Apparat auf den Fersen ist. Mit der ersten Tat überwinden sie eine Schwelle, die fortan immer leichter zu nehmen ist. Die Serie wird ihr Gesetz. Sie gibt ihnen Halt. „Warum“, fragt Geier, „soll der Täter so ein schönes Gefühl aufgeben?“

Warum? Diese Frage kreist einem Mann in Kassel ständig im Kopf herum. Warum, fragt sich Ismael Yozgat, hat er sich nur verspätet an jenem Tag im April? Als er auf die Uhr sah, war es fünf nach fünf und er war noch 50 Meter vom Internetcafé seines Sohnes entfernt. Längst hätte Halit losgemusst zur Abendschule. Die Eltern saßen oft im Laden, um dem Sohn, der sein Abitur nachmachen und später Informatik studieren wollte, Zeit freizuschaufeln. Doch dann saß Halit nicht an seinem Platz zwischen den Telefonkabinen. Ismael Yozgat bemerkte ein paar rote Tropfen auf dem Tisch. „Hast du gestrichen?“, rief er. Antwort erhielt er nicht. Stattdessen sah er den Sohn auf dem Boden liegen, das Gesicht blutverschmiert, leblos.

Yozgat kann die Räume, die er seinem Sohn für dessen Internetambitionen einrichtete, nicht mehr betreten. Die Kraft fehlt. Schon ein Foto anzusehen, lässt ihn bitterlich weinen. „Ich dachte“, sagt er, „dass Deutschland das sicherste Land der Welt wäre. Ich kann nicht glauben, dass sie den Mörder nicht finden können.“

Der Fall stellt das Verhältnis von Türken und Deutschen auf die Probe. Nach Halits Tod organisierten Freunde in Kassel eine Demonstration. 4000 Leute zogen schweigend zum Rathaus. Auf einem Transparent stand „Kein 10. Opfer“. Auch die Deutschen sollen sich verantwortlich fühlen. Warum reagiert man auf solche Taten nicht wie auf Terroranschläge, fragen sich die Hinterbliebenen. Und warum wurden nach den ersten sieben Toten nur 3000 Euro für Hinweise geboten? Ist das Leben von Türken so billig?

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