Die Autoren, alle Autisten und ADHSler, fand Linke über Twitter und Blogs

"Nummer" - ein Magazin von und für Autisten Der Sinn fürs Besondere

Innerhalb von drei Monaten sammelte Linke so 10 000 Euro, genug für eine Startauflage von 2500 Stück. Auch sonst spielte das Netz eine maßgebliche Rolle bei der Entstehung von „Nummer“. Weil Autisten mitunter sehr empfindlich auf taktile Reize reagieren, fragte Linke in sozialen Netzwerken, wie das Papier beschaffen sein solle. Nicht zu dünn und nicht zu rau, lautete die Antwort, eine Firma spendete dann das passende Papier. Graphosilk, 90 Gramm pro Quadratmeter.

Das geplante Cover fanden einige im Netz unangenehm, weil zu grell, also veränderte Linke die Farbgebung. Und auch die Autoren, alle selbst Autisten und ADHSler, entdeckte Linke über ihre Blogs und Twitterbeiträge. Zum Thema der ersten Ausgabe machte sie ein Gefühl, das man Autisten gemeinhin nicht zutraut. In allen Artikeln geht es um Facetten der Liebe. Um Onlinedating und die Chancen, die das Autisten bietet, die Frage, wann man in einer Partnerschaft die Diagnose thematisiert und die Beziehung zwischen Müttern und ihren autistischen Kindern.

Bei Ballspielen die Punkte zählen

Als Denise Linke zur Welt kam, war ihre Mutter erst 25, weitere Kinder bekam sie nicht. „Ein Glück“, sagt die Tochter, „mit einem Bruder oder einer Schwester zum Vergleich wäre bestimmt aufgefallen, dass mit mir was nicht stimmt.“ So froh sie über ihre Diagnose auch war: Dass ihr Verhalten nie pathologisiert wurde, dafür ist Linke dankbar. So ist sie eben, sagte die Mutter, wenn Denise sich nicht auf ihren Schoss setzte, nachdem sie sich weh getan hatte, sondern lieber unter den Tisch kroch. So ist sie eben, sagte sie auch, wenn Denise sich erst einmal auf der Toilette einschloss, sobald andere Kinder zum Spielen kamen. So ist sie eben, sagte sie auch dann noch, als Denise auf dem Spielplatz einmal ohne Unterlass schrie, und das nur weil ein anderer Vater ihr aufhelfen wollte, nachdem sie hingefallen war. Trotzdem gingen sie weiter auf den Spielplatz, trotzdem wurden weiter Kinder eingeladen. „Meine Mutter“, sagt Linke, „hat mich gefordert, aber nie zu etwas gezwungen.“

Eine ähnliche Strategie hatten auch die Lehrer an der integrativen Gesamtschule im schleswig-holsteinischen Elmshorn, an der Linke Abitur machte. Vom Sportunterricht, den sie hasste, wurde sie befreit, musste dafür aber bei Ballspielen die Punkte zählen. In Biologie durfte sie einen Vortrag zur europäischen Schlafkrankheit halten, weil die sie so interessierte, obwohl die Klasse eigentlich gerade das Thema Ökologie durchnahm.

Außergewöhnlicher Sinn für Details

Wie wäre es also, wenn sich nicht nur die Autisten der Welt anpassten, sondern auch die Welt ihnen? Autisten unterstellt man ja starres Verhalten, aber wie flexibel ist eigentlich ihre Umgebung? Ist es nicht auch ein Stereotyp, dass man seinem Gegenüber immer die Hand geben und ihm in die Augen schauen muss? Und ist es nicht auch eine Bereicherung, wenn einer dank Autismus diesen außergewöhnlichen Sinn für Details hat? Im Wald nicht nur Bäume, sondern etliche Grüntöne sieht? Und beim Kochen Reis nicht einfach in den Topf füllt, sondern erst einmal wie Perlen durch die Hände rieseln lässt?

Das sind Fragen, die Linke interessieren und die sie im Heft thematisieren will. Organisationen wie „Autism Speaks“ stecken ihr Geld in Pränataldiagnostik und Ursachenforschung, so als sei Autismus etwas, das man tilgen müsse. „Nummer“ soll eine Gegenstimme sein. „Wir waren viel zu lange viel zu leise“, schreibt Linke in ihrem Editorial.

Einen Tag nach dem großen Kleben hat Denise Linke die 493 Umschläge zur Post gebracht. Saß dann dort in der Filiale auf dem Boden und frankierte. Zahlte dafür insgesamt 750 Euro. Seitdem gab es 300 neue Bestellungen. Noch 1700 weitere, rechnet sie aus, dann wäre die zweite Auflage finanziert. Vier Artikel hat sie sicherheitshalber schon bestellt.

Das Magazin ist bestellbar unter: https://nummer-magazin.de. Dieser Text erschien auf der Dritten Seite.

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