Beste Weine, rustikales Ambient mit Hunderten leergetrunkener Flaschen: Bis zum Ende blieb das Weinstein praktisch unverändert - und sich selbst auf seine unverstellte Art treu Foto: Andreas Baldauf
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Nachruf auf ein Berliner Original Ein letztes Glas auf das "Weinstein"

Ein Vierteljahrhundert war es ein Fixpunkt der Weinszene. Nun ist das "Weinstein" in Prenzlauer Berg geschlossen. Eine Erinnerung

Zwei Wochen ehe das „Weinstein“ für immer seine Türen schloss, vermeldete die Schiefertafel neben dem Tresen: „Alles hat ein Ende! Feiert und trauert mit uns am 31. 7. 2019.“ So kurzfristig die Ankündigung, so unprätentiös das Ende. Aber das passte: Viel Gewese hat Berlins älteste Weinbar nie um sich gemacht. Und trotzdem wurde das Lokal in Prenzlauer Berg eine Institution, eine Schule der Weinkultur, ein Treffpunkt für Kenner und Prominente.

Roy Metzdorf war der Denker und Lenker des „Weinstein“, auch wenn er selbst nur selten hinterm Tresen stand. Sein Tod im Jahr 2017 markierte den Wendepunkt. Foto: Andreas Baldauf Vergrößern
Roy Metzdorf war der Denker und Lenker des „Weinstein“, auch wenn er selbst nur selten hinterm Tresen stand. Sein Tod im Jahr 2017 markierte den Wendepunkt. © Andreas Baldauf

Die Geschichte begann 1993. Roy Metzdorf beschließt, sich fortan nur noch einer Vision zu widmen: eine Bar, in der nur ausgeschenkt wird, was ihm persönlich schmeckt. Er kündigt seinen bürgerlichen Beruf, findet Gleichgesinnte und eröffnet die erste Weinschenke im Ostberlin der Nachwendezeit. Roy ist in der DDR groß geworden, seine familiären Wurzeln liegen in Prag. Naheliegend, dass im „Weinstein“ zunächst nur mährische Weine ausgeschenkt werden. Dazu gibt’s „Topinky“, eine tschechische Spezialität, in Fett gebackenes und mit Knoblauch bestrichenes Schwarzbrot. Weinwissen hat er nicht – woher auch? Man feiert bis in den Morgen und zapft Wein aus Plastikbeuteln.

Aus Kneipe mit Wein zum Selbstzapfen wird eine profilierte Weinbar

Aber Roy und sein Team, das sich über die Jahre kaum verändert, lieben Wein und gieren danach, das nachzuholen, was ihnen so lange verwehrt wurde. Sie probieren, lesen Bücher, Roy lernt den extrovertierten und schon damals bekannten Weinkritiker Stuart Pigott kennen. Diese Freundschaft führt direkt in die Welt des Weinwissens, das Team beginnt gezielt zu probieren, macht Ausflüge zu Rainer Schulz, jahrzehntelang Wirt der Westberliner Weininstitution „Kurpfalzweinstuben“. Seine Philosophie, enge Beziehungen zu Winzern zu pflegen, große Mengen abzunehmen und die liegen zu lassen, um sie dann gereift über mehrere Jahre im Sortiment zu haben, inspiriert das Team. Schulz wird zum Vorbild, bei ihm lernen sie restsüße Rieslinge kennen und lieben. Es folgen Ausflüge zu Weingütern und Weinmessen, sie lernen Winzer kennen, kaufen Weine, die ihnen schmecken, und schenken sie ebenso leidenschaftlich wie kompromisslos ihrer wachsenden Kundschaft aus. „Top-Rieslinge lösten die mährischen Weine ab, wir quälten unsere Gäste mit Restsüße, bis sie das Zeug geliebt haben“, erinnert sich Lutz Nebiger, der bis zum Schluss am Tresen stand. Der restsüße 93er Riesling Herrenberg von Maximin Grünhaus wird der bestverkaufte Wein in der Geschichte des „Weinstein“.

Nicht nur die Weine auch die Küche wird immer besser

Die Szene wird aufmerksam. Wer sind diese Jungs aus Ostberlin, die palettenweise unmoderne Weine verkaufen? Winzer der großen Güter besuchen jetzt das „Weinstein“ und werden zu Freunden: Große Weine von Heymann-Löwenstein, Clemens Busch, Reinhold Haart und J. B. Becker zieren nun die Karte, die mit Lagen- und Jahrgangstiefe mehr und mehr an Profil gewinnt. Roy bestellt, der Keller füllt sich, Flaschen müssen ausgelagert werden, um reifen zu können. Auch die Küche wird besser, „Topinky“ wird gestrichen, stattdessen stehen Maräne vom Stechlin, Käse vom Capriolenhof und andere handverlesene Brandenburger Produkte auf der Karte, die man 20 Jahre später „hyperregional“ nennen würde. Zur Jahrtausendwende steht Dietmar Priewe, heute Küchenchef der Sylter „Sansibar“, am Herd. Das spricht sich herum, Botschafter, Bürgermeister, TV- und Musikstars werden Stammgäste, aber nie bevorzugt behandelt – das „Weinstein“ steht für eine lakonische Bodenständigkeit, das Team bewahrt sich das Ost-Egalitäre, das kein Aufsehen um eine Person kennt, geschweige denn Werbung in eigener Sache. Das schummrige Ambiente aus rustikalen Holzbänken, Weinfässern und leergetrunkenen Flaschen bleibt über all die Jahre. Sich aufhübschen? Wo käme man denn da hin! Das „Weinstein“ bleibt sich treu.

Der Kiez verändert sich, nicht nur wirtschaftlich wird es schwierig

Berlin verändert sich ab 2005. Viele Stammgäste kehren dem Kiez den Rücken, wer jetzt als Gastronom nicht von sich reden macht, wird von den neuen Nachbarn nicht mehr wahrgenommen. Bis 2010 bleibt das „Weinstein“ von den Fliehkräften des sich schneller drehenden Gastrokarussells unberührt, es kommen weniger Gäste, aber wer kommt, trinkt hochwertiger. Und Roy Metzdorf hat ein Talent dafür, Winzer davon zu überzeugen, seinen Keller weiter mit großen Weinen aufzufüllen. Die Großzügigkeit aber, die Teil seiner Vision ist, hat einen Haken: Er weigert sich, die Lagerkosten auf die Flaschenpreise umzulegen. Roy ist ein charismatischer Weinenthusiast, aber kein genialer Geschäftsmann. Nachkäufe werden weniger, die Abende mehr und mehr aus dem Bestand bestritten.

Weinkritiker Stuart Pigott war Freund und Förderer des "Weinsteins". Hier traf er sich auch mit uns für die Kolumne "Auf eine Flasche Wein mit ..." Foto: David Heerde Vergrößern
Weinkritiker Stuart Pigott war Freund und Förderer des "Weinsteins". Hier traf er sich auch mit uns für die Kolumne "Auf eine Flasche Wein mit ..." © David Heerde

Die Zäsur folgt 2017: Metzdorf stirbt mit 53 Jahren überraschend. Die Weinwelt ist erschüttert, der Abschied lang und bewegend. Das Team versucht weiterzumachen – und gibt schließlich auf. Mit dem „Weinstein“ verliert Berlin einen der wenigen Orte, die altes Weinwissen jenseits der Moden mit lebendiger Leidenschaft und ansteckender Begeisterung vermitteln konnten. Und der seiner unverstellten Wesensart auf wohltuende Art treu blieb – man nennt das wohl „Berliner Original“.

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