Martin Winterkorn bestreitet, von den Manipulationen gewusst zu haben. Foto: Odd Andersen/AFP
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Nach dem Dieselskandal Späte Zündung - Anklage gegen Ex-VW-Chef Winterkorn

Er gilt als Kontrollfreak, will aber von Betrug nichts gewusst haben. Davon muss Ex-VW-Chef Martin Winterkorn jetzt auch die Justiz überzeugen.

Freundschaft bewährt sich in der Krise. Und Männerfreundschaften erst recht. Als im September 2015 die Abgasmanipulation aufflog, wurde es eng um den Vorstandsvorsitzenden der Volkswagen AG. Doch Martin Winterkorn hatte zwei mächtige Männer an seiner Seite: den Kapitalisten Wolfgang Porsche als wichtigsten Vertreter der Anteilseigner im VW-Aufsichtsrat und Bernd Osterloh, als VW-Betriebsratschef eigentlich Klassenfeind von Porsche und ebenfalls eine lautstarke Figur im Aufsichtsrat. Die beiden wollten „Wiko“ unbedingt halten.

Was sollte der pedantische Unternehmenschef schon mit der Softwaremanipulation zu tun haben? Und wer sollte den riesigen Weltkonzern führen, wenn Winterkorn weg wäre? Durchhalten war die Parole, die jedoch beim kommissarischen Aufsichtsratsvorsitzenden Berthold Huber und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil nicht verfing.

Der ehemalige IG-Metall-Chef Huber hatte als Siemens-Aufsichtsrat ein paar Jahre zuvor die Korruptionsaffäre des Münchener Konzerns aufgearbeitet und wusste genau, wie erbarmungslos US-Behörden mit Lug und Trug umgehen. Und der Politiker Weil ahnte, welche Welle auf VW zurollte. Beide organisierten eine Mehrheit im Aufsichtsrat – schließlich gaben auch Porsche und Osterloh Winterkorn auf.

Dreieinhalb Jahre und ungefähr 30 Milliarden Euro später ist der Dieselbetrug noch immer nicht überstanden. Für Winterkorn nicht und auch nicht für Volkswagen. Der größte Autohersteller der Welt muss weitere Milliarden zurücklegen für mögliche Strafen und Schadenersatzzahlungen. Winterkorn braucht jetzt eine Prozessstrategie, nachdem am Montag Anklage gegen ihn und vier weitere Manager erhoben worden ist und ihnen Gefängnis droht.

Für die Braunschweiger Staatsanwaltschaft steht nach mehr als dreijährigen Ermittlungen fest: „Dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Dr. Martin Winterkorn wird tateinheitlich ein besonders schwerer Fall des Betrugs, ein Verstoß gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb sowie eine Untreue vorgeworfen.“ Untreue deshalb, weil Winterkorn die Diesel-Manipulationen nicht umgehend Behörden und Kunden mitgeteilt habe, nachdem er davon erfahren habe. Dies muss nach Ansicht der Staatsanwälte an einem Wochenende Ende Mai 2014 der Fall gewesen sein. In Unterlagen, die Winterkorn über das Wochenende mit nach Hause nahm, war der Abgasbetrug offenbar detailliert geschildert. Er unternahm nichts dagegen. Dies habe seinem Konzern aus Sicht der Staatsanwälte großen Schaden zugefügt. Winterkorn habe sogar versucht, den Betrug durch ein Softwareupdate zu verschleiern, das „nutzlos war“.

„Ich bin bestürzt über das, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen- Konzern möglich waren“, sagte Winterkorn anlässlich seines Rücktritts am 23. September 2015 und machte dann deutlich, wie sehr ihm das Ende in Wolfsburg zu schaffen machte. „Volkswagen war, ist und bleibt mein Leben.“

Schöner hätte es Ferdinand Piëch nicht formulieren können. Der große Alte hatte seit Anfang der 1990er Jahre in Wolfsburg regiert und Volkswagen zu einem Weltreich mit mehr als 100 Fabriken, einem Dutzend Marken und einer halben Million Mitarbeiter gemacht. An Piëchs Seite über viele Jahre: Martin Winterkorn. Die beiden PS-Freaks hatten sich in den 1980er Jahren bei Audi kennen- und schätzen gelernt. Winterkorn, 1947 in Leonberg bei Stuttgart geboren und zehn Jahre jünger als Piëch, folgte diesem erst an die Spitze der VW-Tochter Audi und 2007 dann auf den Posten des Konzernchefs in Wolfsburg.

Der Aufsichtsratsvorsitzende Piëch und der Vorstandsvorsitzende Winterkorn führten VW an die Weltspitze. Mit dem technologischen Ehrgeiz der Ingenieure, dem Machtbewusstsein der Eroberer und der Durchsetzungskraft der Diktatoren. Vor Piëch hatten alle Angst in Wolfsburg, und Winterkorn wurde nicht nur „Wiko“, sondern auch „Ajatollah“ genannt. Wenn ihm Entwicklungen zu langsam gingen, ließ er die Ingenieure auch schon mal morgens um sechs Uhr zur Besprechung antreten.

„Ich bin auf Distanz zu Winterkorn.“ Mit diesem donnernden Satz versuchte Piëch im Frühjahr 2015 seinen Nachfolger abzuschießen. Die Autowelt war erschüttert. Der Alte hatte Erfahrung und Erfolg mit solchen Attacken, denen unter anderem der frühere Porsche- Chef Wendelin Wiedeking oder auch Bernd Pischetsrieder zum Opfer gefallen waren. Wiedeking war Piëch zu eigensinnig geworden beim Versuch der Übernahme von VW. Und Pischetsrieder, den Piëch einst an die VW-Spitze geholt hatte, war so tollkühn gewesen, sich mit dem damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff gegen den Aufsichtsratsvorsitzenden Piëch zu verbünden.

Piëch schlug zurück und ersetzte ein paar Monate später Pischetsrieder durch seinen Vertrauten Winterkorn. Wulff, der wie jeder niedersächsische Ministerpräsident wegen des Landesanteils von rund 20 Prozent am Konzern im Aufsichtsrat saß, legte sich nie wieder mit Piëch an.

Winterkorn hatte das nie nötig. Er und Piëch, das war keine Beziehung von Herr und Diener, das Duo war kongenial. Zwei überragende Autoingenieure, die mit und für Volkswagen viel erreicht haben. Und die beide vom Hof gejagt wurden. Denn mit der „Distanz zu Winterkorn“, hatte sich der Alte verkalkuliert: Sein Vetter Wolfgang Porsche stellte sich ebenso vor Wiko und gegen Piëch wie andere Aufsichtsratsmitglieder.

Osterloh und die Arbeitnehmervertreter waren immer für Wiko, der zwar seine Manager hart anpackte, aber viel von Autos verstand und die Interessen der Belegschaft im Blick hatte. Es wurde und wird gutes Geld verdient bei VW. Als Winterkorn für das Geschäftsjahr 2014 ein Rekordgehalt von fast 16 Millionen Euro bekam, fand das Osterloh richtig. Die Motivation  Piëchs für die damalige Distanzattacke auf den Weggefährten bleibt rätselhaft. Vielleicht wusste der Alte von den Abgasmanipulationen und wollte deshalb Winterkorn stürzen.

Aber Piëch verlor im Frühjahr 2015 den von ihm angezettelten Konflikt und zog sich nebst Gattin aus dem Aufsichtsrat zurück. Ein halbes Jahr später flog der Dieselbetrug auf und seitdem fragen sich Automobilisten und Hobbydetektive, ob und wann das VW-Management von der manipulierten Abgasbehandlung gewusst haben könnte. Vor allem natürlich: Wann wusste Winterkorn was? Als dann auch noch die Höhe der Pension des zurückgetretenen, mutmaßlichen Schurken bekannt wurde – Winterkorn bekommt von VW rund 3000 Euro pro Tag – brüllte nicht nur der Boulevard empört auf: Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen.

Tatsächlich gibt es zwei Sichtweisen der Wikologen: Der Ingenieur galt als extrem detailversessen und kümmerte sich um Spaltmaße und Lackschattierungen. Kaum vorstellbar, dass der Kontrollfreak von einer gravierenden Manipulation der Abgasnachbehandlung nichts gewusst hat.

Denn die hatte es in sich: VW ist Weltklasse bei der Dieseltechnologie, kam jedoch in den USA nicht richtig voran mit dem Absatz von Dieselautos, weil die Amerikaner vor allem den Stickoxidausstoß regulieren und weniger die CO2–Emissionen, wie die Europäer. Die findigen Ingenieure entwickelten eine Software, die registriert, wenn sich nur zwei Räder eines Fahrzeugs drehen, das Auto sich also auf einem Prüfstand befindet. Nun wird eine Flüssigkeit in den Motor gespritzt, die Schadstoffe auflöst. Im normalen Verkehr passiert das nicht, weshalb die Stickoxidbelastung auf der Straße um ein Vielfaches über den Grenzwerten lag.

Winterkorn hat nichts gewusst von der Sauerei, weil sich keiner getraut hat, ihn einzuweihen. Das ist, kurz gesagt, die Version zugunsten des damaligen VW- Chefs. Schwer zu glauben, aber auch nicht völlig abwegig. Wie in totalitären Systemen üblich, hatten die Wolfsburger Vasallen Angst vor dem Herrscher. Wiko forderte steigende Absatzzahlen und Abgaslösungen von seinen Ingenieuren. Legal war beides nicht zu machen – aber niemand traute sich, das dem Chef zu sagen.

Winterkorn ist Schwabe. Rostbraten, dazu Lemberger Wein und hinterher eine Zigarre und der Mann ist zufrieden. Auch ein gutes Spiel von Bayern München macht ihn glücklich. Audi ist seit Jahren Sponsor und Anteilseigner des Vereins und Winterkorn saß bis Ende letzten Jahres im Aufsichtsrat. 2013, als Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung erst in die Bredouille und dann in den Knast kam, hielt Winterkorn zu seinem Vereinsfreund. Wie jetzt und umgekehrt Hoeneß. „Martin Winterkorn wird immer ein Freund unseres Vereins und auch von mir persönlich bleiben“, verkündete Hoeneß anlässlich des Wiko-Rückzugs aus dem Aufsichtsrat im vergangenen Dezember. Echte Freundschaften überstehen eben auch Karriere- und Gesetzesbrüche.

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