Tagesspiegel Mobil Morgens im Abendland

Antje Lang-Lendorff

Wie arrangiert man sich mit Klassenkameraden, die Muslime sind, wenn man selber keiner ist? Es gibt verschiedene Möglichkeiten

Sagt ein Mädchen zu seiner Freundin: „Isch fahr mit Bus, und du?“ Die antwortet: „Isch will noch an Hermannplatz.“ Berlin-Neukölln im Frühling, Schulschluss, Bezirk mit hohem Ausländeranteil, solche Sätze hört man hier oft. Nur: Die beiden Mädchen heißen Daniela und Sandra, haben deutsche Eltern und besuchen eine Schule, auf der in deutscher Sprache gelehrt wird.

Die beiden schlendern die Straße hinunter Richtung Haltestelle. Sie tragen eng anliegende Jeans und weiße Turnschuhe. Sie unterhalten sich laut. „Weißt du was, ey, isch muss dir was erzählen.“ Es klingt aggressiv, wie sie mit „ey“ von einem Satz zum nächsten springen.

Sandra und Daniela besuchen die Rütli-Schule in Neukölln. Der Anteil der Jugendlichen aus Einwandererfamilien liegt an der Hauptschule bei 80 Prozent, das ist ein normaler Schnitt in dieser Gegend. Die beiden Mädchen haben den Slang der Mehrheit, der türkisch- und arabischstämmigen Neuköllner, übernommen. Sie sprechen ein „sch“ anstelle eines „ch“ und lassen bei Substantiven öfter den Artikel weg. Ein paar ihrer Mitschüler haben sich noch etwas anderes angeeignet.

Mehrheit, Minderheit, in einigen Teilen Neuköllns ist die Lage spiegelverkehrt zu der im restlichen Berlin. Hier ist die muslimische Minderheit die tonangebende Mehrheit. Ein Rütli-Schüler, seine Eltern kommen aus dem Libanon, formuliert das so: „Woanders muss man als Ausländer höflich sein zu den Deutschen. In Neukölln nicht. Hier sind die Straßen und Läden eh alle in arabischer und türkischer Hand.“

In der Pause. Die Jugendlichen strömen aus der Schule, einem dreistöckigen Altbau. Sandra, Daniela und ihre Freunde fallen zwischen ihren Mitschülern auf: Danielas Haare sind hellbraun, die von Sandra wasserstoffblond. Sie stellen sich dahin, wo sie meistens stehen, etwas abseits, an den Zaun. „O Mann, ey, isch hab meine Periode immer noch nisch“, sagt eines der Mädchen. Sandra wendet sich genervt von ihr ab. „Die hat schon’n Test gemacht und glaubt trotzdem, dass sie schwanger ist.“ Ein deutscher Kumpel kommt dazu. „Wieso, bei dir und dem Typ, da lief doch gar nix“, sagt er zu dem Mädchen. Die Antwort: „Das denkst du.“ So reden sie, wenn sie unter sich sind. In der Klasse halten sie sich zurück.

Eine Stunde in der zehnten Klasse. Die Direktorin Brigitte Pick nimmt den Mord, den so genannten Ehrenmord, an einem Neuköllner Mädchen zum Anlass, um mit den Schülern über Gleichberechtigung zu sprechen. Brigitte Pick ist 58 Jahre alt, seit 26 Jahren unterrichtet sie hier, aus Überzeugung, wie sie sagt. Die grauen Haare trägt sie kurz.

Sie fragt einen libanesischen Jungen, was er tun würde, wenn seine Schwester kein Kopftuch tragen wollte. „Isch würd ihr schon beibringen, es zu tragen“, sagt er. „Wir Männer in der Familie haben schließlich für die Frauen zu entscheiden.“ Eine deutsche Schülerin meldet sich. „Warum dürfen Männer bei euch mit jemandem schlafen, Frauen aber nicht?“, fragt sie ihre Klassenkameraden. „Isch darf auch keinen Sex haben vor der Ehe“, antwortet ein muslimischer Junge. „Ja, aber wenn ein Junge Faxen macht, kommt er wieder hoch. Wenn ein Mädchen so tief gesunken ist, kommt es nicht mehr hoch“, sagt eine irakische Schülerin. Direktorin Pick schreibt noch das Wort Toleranz an die Tafel. Dann klingelt es.

Wie geht man als vom Westen geprägtes Mädchen oder auch als Junge mit den vielen muslimischen Klassenkameraden und ihren Regeln und Vorstellungen um? Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das zu tun.

Zum Beispiel die der wasserstoffblonden Sandra. Sandra weicht ihren Mitschülern aus, so gut es geht. An der Diskussion mit der Schulleiterin hat sie sich nicht beteiligt. „Die haben schon oft gesagt, dass isch meine Fresse halten soll, isch bin ja sowieso ’ne dreckische Deutsche“, sagt sie. Dreckig, das sind Mädchen, die unverheiratet sind, aber nicht mehr Jungfrau. Sandra ist19. Mit 17 wurde sie schwanger. Es ließ sich nicht verbergen. Alle in der Klasse sahen es. Sie bekam das Kind, es war tot. Und sie bekam viel zu hören. Ein Mitschüler erzählt: „Erst waren alle ganz nett, aber dann haben sie gestänkert. Zum Glück ist dein Kind tot, du Schlampe.“ Sandra hört zu, nickt, beißt sich auf die Lippe und sagt: „Sollen se sagen, Schlampe, is mir egal.“

Sandra hat ein weiches Gesicht, und sie ist groß und schwer. Sie ist angreifbar, schon wegen ihrer Figur. Sandra kann sehr vergnügt sein, dann lacht sie hell und quatscht, was ihr gerade in den Kopf kommt. Wenn es ihr nicht gut geht, und das passiert öfter, schaut sie besorgt in die Welt, ein bisschen hilflos. Weil sie sich in der Schule nicht wohl fühlt, lässt sie sich häufig krankschreiben. Zweimal ist sie sitzen geblieben, auch wegen der Schwänzerei. „Sandra ist mindestens einen Tag in der Woche nicht da. Es gibt keinen Körperteil, an dem sie noch nichts hatte“, sagt ihr Klassenlehrer.

Sandras Freundin Daniela nimmt sie in der Schule in Schutz. In der Pause stellt sie sich zu ihr. Daniela ist 16. Sie ist ein fröhliches Mädchen, meistens gut gelaunt und hilfsbereit. Aber sie kann auch austeilen. „Moppel“, ruft sie auf dem Flur einem dicklichen Klassenkameraden hinterher. „Du bist auch fett, ey, popp disch schlank“, ruft der zurück. „Popp disch selbst schlank.“

Zu Besuch bei Daniela. Anders als Sandra, die zu Hause ausgezogen ist, hat Daniela die Unterstützung der Eltern. Der Vater ist Kranführer und seit drei Jahren arbeitslos. Die Mutter verdient als Glasbearbeiterin ihr Geld. Ob sie überlegt haben, Daniela auf eine Schule zu schicken, auf der der Anteil von Kindern aus muslimischen Familien kleiner ist? Der Vater schüttelt den Kopf. „Solange sie nicht nur Türkisch lernt, ist das egal.“ Die Mutter schaut verständnislos. „Die Ausländer sind doch überall, du hast ja gar keine Schule mehr ohne“, sagt sie. Das Mädchen gar in einem anderen Stadtteil zur Schule gehen lassen? Der Vater wird energisch. „Das Kind soll bequem zur Schule kommen. Woanders hinschicken? Nee, die hat doch so schon genug zu buckeln.“

Selbst wenn man sich wie Daniela wehren kann, ist der Alltag an der Rütli- Schule ein bisschen anders als an anderen Schulen. Die Sprachprobleme der Jugendlichen drücken auf das Unterrichtsniveau. Beim Pisa-Test erfüllten fast drei Viertel der Rütli-Schüler nicht den Mindeststandard. Oder der Sportunterricht: Viele Mädchen weigern sich, das Kopftuch abzulegen und Sportkleidung anzuziehen. Man muss sie in der Halle einschließen, denn wenn ein Junge seinen Kopf zur Tür hereinsteckt, ist das Geschrei sonst groß.

Es gibt noch einen anderen Weg, an der Rütli-Schule zurechtzukommen als den der austeilenden Daniela oder den von Sandra, die sich abschottet. Man kommt auch zurecht, indem man nicht nur die Sprache der Klassenkameraden übernimmt, sondern auch deren Meinung.

Auf dem Spielplatz gegenüber der Schule, nach dem Unterricht. Ein paar arabisch- und türkischstämmige Jungen stellen sich im Halbkreis auf, breitbeinig, die Hände in den Hosentaschen. Einer von ihnen ist kein Einwandererkind. Man sieht es erst auf den zweiten Blick, er ist dunkelhaarig und trägt wie seine Freunde eine dicke Halskette. „Er ist korrekt, er gehört zu uns“, sagt einer der Jungen. Was sie von den Mädchen an der Schule halten? „Die meisten hier sind dreckisch“, sagt derselbe Junge. Der Deutsche nickt zustimmend. Ob er eine Schwester hat? Er nickt wieder. Was würde er tun, wenn sie mit einem Jungen schlafen würde? Sein Blick wandert unruhig hin und her. „Dann würd isch sie schlagen und den Typen umbringen“, sagt er.

Meint er das ernst? Oder muss er im Kreis seiner Kumpels beweisen, dass er es wert ist dazuzugehören? Er ist weder dumm noch chaotisch. Seine Noten sind in Ordnung, und er kommt regelmäßig zur Schule. Vielleicht gerade deshalb, weil er anders als die meisten Deutschen bei seinen Klassenkameraden einen guten Stand hat.

Später, in einem Einzelgespräch. Ob er tatsächlich seine Schwester schlagen würde? „Isch hab keine Lust mehr, darüber zu reden.“ Er antwortet auf keine Frage, sagt hilflos immer nur diesen einen Satz.

Für ein Mädchen kann die Anpassung an muslimische Ehrvorstellungen noch andere Folgen haben. Ein Lehrer einer benachbarten Gesamtschule berichtet von einer deutschen Schülerin, die mit einem muslimischen Jungen befreundet war. Als Gerüchte aufgekommen seien, sie habe Sex mit ihm gehabt, habe sie sich vom Arzt ihre Jungfräulichkeit nachweisen lassen. Zum Schrecken der eigenen Mutter, wie der Lehrer berichtet.

An so einen Fall erinnert sich die Direktorin der Rütli-Schule nicht. „Aber gegeben hat es das hier bestimmt schon“, sagt sie. Von ihrem Zimmer im Erdgeschoss kann Brigitte Pick die Straße, den Spielplatz und die Jungs darauf beobachten. Durch das Fenster sorgt sie für Ordnung vor dem Gebäude, ein Megafon liegt griffbereit auf der Fensterbank.

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