Gefühlte Nähe. Angela Merkel ließ sich im September 2015 mit dem Geflüchteten Shaker Kedida aus Mossul fotografieren. Foto: Picture Alliance/Bernd von Jutrczenka
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Möglichkeiten und Gefahren im Journalismus Von „Wir schaffen das“ bis Hetze

Annette Leyssner

Ein Forschungsprojekt des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft macht auf emotionale Berichterstattung im Zusammenhang mit Geflüchteten aufmerksam und gibt Anregungen für Verbesserungen.

„Neutral und distanziert sein – dieses Selbstbild vieler Journalistinnen und Journalisten ist eine Illusion“, sagt Débora Medeiros. Die Postdoktorandin arbeitet zusammen mit zwei weiteren Mitarbeiterinnen in dem von Professorin Margreth Lünenborg geleiteten Projekt „Journalismus und seine Ordnung der Emotionen“, das bis Juni 2023 läuft. Ausgewertet werden die Fernseh- und YouTube-Beiträge über neun Ereignisse, die mit Migration und Flucht zu tun haben, beginnend bei den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992 über die sexualisierten Übergriffe in der Silvesternacht 2015/2016 in Köln bis zum rechtsextremen Anschlag von Hanau im Jahr 2020.

Es sei eine narrative Strategie für Medienschaffende, Emotionen als Teil der Berichterstattung zu komplexen Problemen einzusetzen, in der Annahme, die Zuschauenden dadurch am besten zu erreichen, sagt Débora Medeiros. Soziale Medien hätte dies noch verstärkt. „Es ist ein Anreiz, Aufregung und andere emotionale Reaktionen zu erzeugen, damit ein Beitrag zirkuliert. Mittlerweile ist selbst die Tagesschau bei TikTok vertreten.“

Journalismus liefert auch emotionale Interpretationen

Für die Berichterstattung über Geflüchtete insgesamt gilt, dass meist über sie gesprochen wird, aber nur selten mit ihnen. Dadurch würden die Emotionen der Geflüchteten oftmals nicht gezeigt, sagt die Wissenschaftlerin. Das führe zu einer Ent-Individualisierung, die durch visuelle Darstellungen verstärkt würden. So nutzte beispielsweise der Spiegel das Bild des übervollen Bootes 1991 auf seiner Titelseite: Ein schwarz-rot-goldenes Schiff wird von einer ameisenartig gezeichneten Masse gekapert. Unter dem Titel „Ansturm der Armen“ wird das vermeintliche Bedrohungsszenario in Deutschland visualisiert. In der aktuellen Berichterstattung über Geflüchtete im Mittelmeer taucht das Bild des Bootes erneut auf: Fotografien aus der Vogelperspektive zeigen überfüllte Schlauchboote, in denen die große Anzahl von Menschen zur bloßen Masse wird.

„Journalismus bietet der Gesellschaft auch eine emotionale Interpretation der Ereignisse an – welche Emotionen werden bei einem bestimmten Thema für gültig und ,in Ordnung‘ erklärt, welche nicht?“, sagt Débora Medeiros. So könne zum Beispiel die Tagesschau durch ihren nationalen Fokus eine „nationale emotionale Gefühlseinordnung“ bewirken. In den Berichten über den Anschlag von Hanau habe diese gelautet: „Alle Menschen, die in Deutschland leben, sind vereint in nationaler Trauer.“

Begriffe wie „Flut“ oder „Welle“ erzeugen negative Vorstellungen

Dann sei wiederum im Zusammenhang mit Geflüchteten immer wieder von „Wellen“ oder einer „Flut“ die Rede. Diese Metaphern erzeugten Vorstellungen bedrohlicher Dynamik. Politische Interventionen zum „Eindämmen“ erschienen dadurch unverzichtbar, konstatiert die Forscherin. „Solche visuellen und sprachlichen Darstellungen sind eine Form der De-Humanisierung“, sagt Débora Medeiros. Als Kontrast zu den „gesichtslosen Massen“ werden bestenfalls einzelne Geflüchtete in Porträts sichtbar gemacht. Vielfach sind es Mutter-Kind- Bilder, die die Hilflosigkeit der Geflüchteten symbolisieren. „Migrierte, Geflüchtete und generell People of Color erscheinen in Deutschland in der Berichterstattung oft als problembelastet, bestenfalls mitleiderregend“, sagt Débora Medeiros. Viel zu selten gingen Medienschaffende darauf ein, wie Menschen sich fühlten, die nur noch als „Geflüchtete“ gesehen werden – also nicht mehr als „berufstätig“ oder „kompetent in etwas“ wie in ihrer Heimat. „Das Etikett ,geflüchtet‘ verdeckt Individualität. Menschen sind aber komplex. Es wäre positiv, darauf stärker einzugehen.“

Was sind also die Ziele des Projektes der Freien Universität? „Wir wollen die emotionalen Interpretationen im Journalismus sichtbar machen und verdeutlichen, an wen sie sich richten und an wen nicht“, sagt Débora Medeiros. Noch würden die meisten Fernsehbeiträge produziert mit dem Gedanken im Hinterkopf: Was bedeutet ein bestimmtes Geschehen, zum Beispiel eine Flüchtlingsbewegung, für weiße Deutsche? „Dabei haben mehr als ein Viertel der Bevölkerung dieses Landes einen Migrationshintergrund und konsumieren natürlich auch Nachrichten.“

Débora Medeiros Foto: Miriam Klingl Vergrößern
Débora Medeiros © Miriam Klingl

Um Medienschaffende zu sensibilisieren, bietet Débora Medeiros Workshops zusammen mit der Journalistin Sheila Mysorekar (Neue deutsche Medienmacher*innen) an. Diskriminierungsarm zu berichten, heiße zunächst, sich von der Idee zu verabschieden, dass neutral berichtet werden könnte. „Diskriminierungsfrei ist nicht möglich, da man durch seinen Hintergrund geprägt ist, zum Beispiel als weiße Mittelschichtsperson“, erläutert die Wissenschaftlerin. Das lasse sich nicht abschalten, aber man müsse sich dessen bewusst sein. Sie sieht positive Tendenzen in der Medienlandschaft: „Immer mehr Medienschaffende mit Migrationsgeschichte erreichen ein breiteres Publikum durch ihre Arbeit in großen Redaktionen und mit Angeboten wie Podcasts oder YouTube-Kanälen.“ In den Medien wählten inzwischen viele selbstbewusst ihre Themen. Etwa Pinar Atalay, früher Moderatorin der ARD-„Tagesthemen“, jetzt bei RTL. „Sie ist Allrounderin und wird nicht als ,Migrationsexpertin‘ wahrgenommen – obwohl sie sich natürlich auch zu diesem Thema äußert“, sagt Débora Medeiros.

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