Hommage an Aldi. Lars Eidinger. promo
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Lars Eidinger im Interview Eidinger: „Wenn ich ehrlich bin zu mir selbst, nehme ich eine Tüte!“

Die Aldi-Tüte stand Pate für die Tasche, die Schaubühnenstar Lars Eidinger zusammen mit Philipp Bree entwarf. Ein Gespräch zur Fashion Week in Berlin.

Lars Eidinger und Philipp Bree sitzen in der hintersten Ecke der Paris Bar, neben ihnen liegt eine Tasche, die einer Alditüte verdächtig ähnlich sieht. Nur ist sie aus Rindsleder und kostet 550 Euro. Lars Eidinger hat sie zusammen mit Philipp Bree entworfen. Der Name Bree steht für Taschenkompetenz, bis 2011 war Philipp zusammen mit seinem Bruder Axel Bree Geschäftsführer, jetzt hat er sein eigenes Taschenlabel PB 0110.

Herr Bree, Sie haben Lars Eidinger eine Tonaufnahme geschickt, um ihn zur Zusammenarbeit zu bewegen.
PHILIPP BREE: Ich habe davon geträumt, dass ich Lars in München getroffen habe und wir durch den Park gejoggt sind. Ich konnte mich am nächsten Morgen an alle Details erinnern und habe den Traum auf mein Telefon gesprochen. Meine Frau hat gesagt: Das kannst du auf keinen Fall verschicken.
LARS EIDINGER: Ich habe seitdem allen erzählt: Wenn ihr jemanden für euch gewinnen wollt, ist es ein guter Trick zu sagen: Ich habe von Dir geträumt.

Schicksal!
EIDINGER: Philipps Traum ging so weiter: Wir haben auf einer Bank gesessen und ich habe ihm eine Ledertasche gezeigt, in der viele Fächer und ein kleiner Kalender waren. Finde ich interessant im Zusammenhang mit der Tasche, die es dann geworden ist.

Es ist einfach nur ein Beutel.
EIDINGER: Und weil ich auch gar keinen Kalender führe. Ich habe alle meine Termine im Kopf. Dadurch, dass ich so viel mache, weiß ich immer nur, was am nächsten Tag dran ist.

Es hat Sie überzeugt, dass man von Ihnen geträumt hat.
EIDINGER: Philipp hat meine Nummer von der Designerin Ayzit Bostan bekommen, da gab es eine Verbindung, sonst wäre das schwieriger gewesen. Natürlich muss man da an den Schauspieler im Frühstücksfernsehen denken, der erzählt, er macht jetzt auch Schmuck.

Das haben Sie schon öfter erzählt.
EIDINGER: Ja. Ich finde, man schränkt sich unnötig ein. Ich arbeite gerade an der Schaubühne an ,Peer Gynt’. Bei der Vorstellungsrunde habe ich bemerkt, wie sehr sich jeder bemüht, zu sagen, was er schon alles gemacht hat. Ich sträube mich zu sagen: Ich bin Schauspieler und darf nichts anderes machen. Und wenn der Schauspieler sagt, ich lege jetzt Platten auf, wird er gefragt, warum legst du jetzt auch Platten auf, du nimmst den anderen den Job weg.

Er macht es nur, weil er Schauspieler ist?
EIDINGER: Sonst würde sich keiner für ihn interessieren. Ich lege mindestens genauso lange auf, wie ich Schauspieler bin und interessiere mich genauso für Fotografie und Kunst. Das monochrome Blau von Yves Klein inspiriert mich viel mehr, als wenn ich einem Schauspieler zugucke. Es gibt schon welche, die ich bewundere, aber was mich wirklich zum Spielen, zur Kreativität anregt, ist Kunst.

"Wenn ich ehrlich bin zu mir selbst, nehme ich eine Tüte"

Wie ging die Zusammenarbeit mit Philipp Bree vor sich?
EIDINGER: Die erste Tasche, die ich im Kopf hatte, war aus braunem Leder mit einem langen Gurt, das Klischee einer Ledertasche. Aber wenn ich zur Probe gehe, nehme ich oft Tüten mit, und ich brauche auch nur ein Fach. In der Schule habe ich immer am ersten Schultag meine Stifte noch in die Hülsen des Etuis gesteckt, am zweiten alles nur noch reingestopft. Selbst beim Sakko bin ich so zwanghaft, dass ich die Taschen immer zulasse, damit ich bloß nichts reintue, weil sonst das Sakko ausbeult. Ich meine natürlich Jacke und nicht Sakko. Ich habe mal gelernt: Adelige sagen nicht Sakko, nicht Toilette und auch nicht lecker. Die sagen schmeckt vorzüglich, Jacke und Klo.

Also, Sie mögen Tüten.
EIDINGER: Wenn ich ehrlich bin zu mir selbst, nehme ich eine Tüte. Das fand ich immer schon eine ansprechende Ästhetik und ich mag dieses Understatement. Dann fiel mir auf, dass die Plastiktüte vom Aussterben bedroht ist – zu Recht. Es ist noch nicht lange her, dass man gefragt wurde: Wollen sie eine Plastiktüte? Und man hat sie immer genommen. Eine Zeit lang habe ich, auch wenn ich sehr viel zu tragen hatte, immer nein gesagt. Einfach, um mich selber zu bestrafen, damit ich nie wieder ohne Tüten oder Beutel aus dem Haus gehe.

Wie kommt Aldi ins Spiel?
EIDINGER: Die Aldi-Tüte ist das Erste, woran ich bei Tüten denke. Die Form ist relativ unorthodox, viel zu groß. Unsere Tasche hat die gleichen Maße, die kommt einem viel zu groß vor.
BREE: Aber das Maß funktioniert gut. Das ist ein Readymade, das Maß kann man unter einem Strichcode bestellen, das ist keine Aldi-Erfindung.

Das darf man einfach verwenden?
EIDINGER: Was man nicht benutzen darf, ist der Druck von Günter Fruhtrunk. Das war der nächste Punkt, dass wir uns in der Faszination für einen Künstler wie Fruhtrunk getroffen haben, weil man Spaß daran hat, das zu entdecken. Wer weiß schon, dass er mit der Aldi-Tüte ein Kunstwerk durch die Gegend trägt.

Was kostet der Beutel?
EIDINGER: Es wird Leute geben, die sagen: Ich werde bestimmt nicht für eine Aldi-Tüte aus Leder 550 Euro ausgeben. Aber der Preis steht im Zusammenhang mit dem Aufwand. Wir bezahlen den Künstler für das Motiv, wir zahlen die Verarbeitung, das Material. Das ist überhaupt nicht als Luxusartikel gedacht, sondern eher als Hommage an die Dinge des täglichen Gebrauchs.

Nicht zynisch gemeint?
EIDINGER: Das ist nicht zynisch gemeint. Man kauft sich manchmal was, gibt dafür wahnsinnig viel Geld aus und das hängt dann nur im Schrank. Bei anderen Sachen des täglichen Gebrauchs ist man viel zu sparsam. Wenn ich mitbekomme, wie mein Bruder hin und her überlegt, wieviel er für eine Brille ausgibt, die er jeden Tag im Gesicht hat! In eine Tasche, die man täglich benutzt, kann man durchaus investieren. Und sie ist ein Statement zu Fast Fashion. Deshalb war es uns so wichtig, den Aufdruck „Mehrzwecktasche zum mehrmaligen Gebrauch“ von der Aldi-Tüte zu übernehmen.

Sie beschäftigen sich auch sonst mit dem Thema Mode?
EIDINGER: Das ist für mich eins, ich liebe ja auch Fotografie, mache Kunst und stelle aus, ich habe inzwischen eine Galerie.

Hat das angefangen mit der Ausstellung Ihrer Instagrambilder?
EIDINGER: Nein. Es ärgert mich immer eher, wenn geschrieben wird: Der veröffentlicht seine Instagrambilder. Es ist umgekehrt. Ich habe Instagram als eine Plattform entdeckt, wo ich meine Kunst zeigen kann. Das passt jetzt nicht so richtig rein, aber wenn wir uns ausgetauscht haben, hat Philipp immer wieder gesagt, gutes Auge. Auf der einen Seite habe ich etwas Zwanghaftes. Ich weiß genau, wie gewisse Sachen für mich zu sein haben und merke, wie ich nervös werde, wenn das anders ist. Da habe ich nicht so eine Großzügigkeit. Das ist besser geworden mit dem Alter, früher war das ganz schlimm.

"Wenn ich mich einer Figur nähern will, die ich spiele, gehe ich vom Kostüm aus"

Also auch, wie etwas auszusehen hat?
EIDINGER: Wie was zu stehen hat. Wie ein Komponist ein absolutes Gehör hat, habe ich ein absolutes Bewusstsein dafür, wie Sachen arrangiert sein müssen. Wenn ich mit vier Kollegen auf der Bühne stehe, weiß ich genau, wer wo steht und wo ich mich hinstellen muss, um die größtmögliche Präsenz zu haben, um das Arrangement in der Ausgewogenheit zu halten und eine Dynamik zu erzeugen.

Kleidung ist ein wichtiger Faktor in Ihrem Beruf. Wie wichtig ist das Verkleiden für Sie?
EIDINGER: Das kommt als Erstes. Man kann jetzt denken, das hat etwas mit Eitelkeit zu tun und da ist bestimmt auch etwas dran. Wenn ich mich einer Figur nähern will, die ich spiele, gehe ich vom Kostüm aus. Zum Beispiel sind die Schuhe für mich immer ganz wichtig. Beim Film sagen sie immer: Du kannst deine privaten Schuhe anziehen, weil die Schuhe fast nie im Bild sind, wenn man mal drauf achtet. Aber für mich ist die Absatzhöhe total wichtig für die Art, wie sich eine Figur bewegt.

Ist Ihnen Kleidung auch privat wichtig?
EIDINGER: Manchmal ist es schon interessant, dass ich beruflich sehr lang über Ärmellängen, Schulterpolster und Nähte diskutiere und privat eher Konfektion trage. Da würde ich nicht anfangen, Sachen zu ändern. Bei einer Naziuniform für eine deutsch-englische Produktion habe ich gesagt, ich hätte die gern einen Tick zu eng. Ich hätte erwartet, dass sie sagen, eine Uniform ist eine Uniform, die kannst du nicht verändern. Aber die fanden das super.

Das Kostüm hat also Auswirkungen auf die Darstellung?
EIDINGER: Wenn ich eine Nachlässigkeit über die Kleidung erzähle, hat das Konsequenzen für den Charakter. In einer Inszenierung hatte ich einen Pullover, der zu heiß gewaschen worden war. Ich konnte die Figur nicht mehr spielen. Es war elendig, wie die versucht haben, einen anderen Pulli zu finden. Dann musste Thomas Ostermeier den ganzen Tag diesen zu heiß gewaschenen Pullover tragen, weil der ja ein bisschen größer ist als ich, damit das Ding weiter wird.

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