Mode aus Südafrika von Clive Rundle auf der Fashion Week. Foto: MBFW
© MBFW

Fashion Week in Berlin Mode aus Südafrika - Land gewinnen

Ingolf Patz

Vier Designer aus Südafrika eröffneten die Fashion Week. Ihre Kollektionen in kräftigen Farben unterscheiden sich klar vom europäischen Stil. Von der Show erhoffen sie sich Anerkennung zu Hause.

Kann man mit über 37 Jahren im Business noch als Talent gelten? „Ja klar,“ meint der südafrikanische Designer Clive Rundle. „In Europa bin ich das.“ Rundle ist der Senior des Quartetts südafrikanischer Designer, die die Mercedes-Benz-Fashion Week eröffnen. Lezanne Viviers, einzige Frau in der Show der Mercedes-Benz Fashion Talents, mit denen das Kraftwerk Mitte als neuer Ort für die Modenschauen eingeweiht wurde, erklärt: „Clive ist der Pate der Mode in Südafrika. Er hat uns gezeigt, wie man Mode als Business betreibt, begründete eine neue Identität für südafrikanische Mode und befreite uns von den Erwartungen, wie afrikanische Mode auszusehen hat.“ Rich Mnisi und Floyd Manotoana komplettieren die Gruppe, die Johannesburgs Modeszene repräsentiert.

Johannesburg mag Südafrikas Modehauptstadt sein, alle erkennen aber an, dass Lagos in Nigeria das Modezentrum des afrikanischen Kontinents ist. In Johannesburg läuft alles entspannter. Rundle weiß es durchaus zu schätzen, unbemerkt an seinen Textilcollagen zu tüfteln. Aber jetzt ist er in Berlin und überzeugt, dass das kein Zufall ist: „Noch vor fünf Jahren hätte sich keiner für uns interessiert. Aber ich habe das Gefühl, dass wir gerade einen entscheidenden Punkt erreicht haben. Nachhaltigkeit ist das große Thema – und in Südafrika gibt es keine Fast Fashion. Alles entsteht handwerklich und in kleiner Auflage. Deshalb stehen wir plötzlich im Mittelpunkt.“ Damit geht auch eine gewisse Angst einher, überrannt zu werden.

Überraschenderweise sind die vier Designer nicht nach Europa gekommen, um hier das große Geschäft zu machen. Als Beyoncé 2019 auf ihrer Afrika-Tour ein Outfit von Rich Mnisi trug, wollten kurze Zeit alle dieses Design. „Ich habe nicht gleich darauf reagiert, also hatte sich das schnell erledigt. Ich halte nichts davon, dass 7000 Menschen das Gleiche tragen“, sagt er. Auch Lezanne Viviers müsste ablehnen, wenn jemand 1000 Stücke bestellen wollte. „Ich würde sagen: Nein danke, mein Lieferant hat gar nicht genug Stoff vorrätig. Sagen wir 20 Stück.“

Mode aus Südafrika von Viviers auf der Fashion Week. Foto: MBFW Vergrößern
Mode aus Südafrika von Viviers auf der Fashion Week. © MBFW

Materialbeschaffung und Produktion sind ein großes Problem in Südafrika, seit billige chinesische Importe ab den siebziger Jahren die heimische Textilindustrie zum Erliegen brachten und das Knowhow verlorenging. Viviers glaubt, dass es ohne Fachleute aus Europa, die ihr Wissen teilen, nicht gelingen kann, die Textilfabriken in Südafrika wieder zum Laufen zu bringen. Bis dahin hält sie ihre Kollektionen klein und veredelt die verfügbaren Stoffe selbst. Das Verarbeiten von Restposten und Vintagestoffen hat auch den Stil von Clive Rundle geprägt, den Mangel merkt man seinen üppigen Kreationen aber nicht an.

Dass südafrikanische Mode auf internationalen Laufstegen und Magazinen zu sehen ist, ist dennoch wichtig. Floyd Manotoana, der in Soweto zu Hause ist, erzählt, dass er als Modemacher erst respektiert wurde, als die Medien über sein Design-Kollektiv Smarteez und ihr Motto „Wir sind innen braun und außen bunt“ berichteten. „Ein Erbe der Apartheid ist eine Verunsicherung in unserem Land. Unsere Selbstsicht ist so befleckt, dass wir immer die Bestätigung von außen brauchen. Um ehrlich zu sein, fehlt in Südafrika eine Kultur, die eigenen Produkte zu kaufen. Lokal produzierte Mode wird häufig immer noch als weniger wertvoll angesehen als etwas von H&M.“ Sehnsüchtig blicken die vier nach Nigeria. Den Nigerianern geht die eigene Mode über alles, erzählen sie. Dort stellt es einen Mehrwert dar, die eigene Mode zu tragen.

Mode aus Südafrika von Viviers auf der Fashion Week. Foto: MBFW Vergrößern
Mode aus Südafrika von Viviers auf der Fashion Week. © MBFW

„Ob wir wollen oder nicht,“ sagt Rich Mnisi, „wir brauchen immer noch die Zustimmung aus Europa. Und das ist traurig. Wir haben 40 Prozent Arbeitslosigkeit. Wenn unsere Show hier hilft, dass unsere Arbeit zu Hause mehr gewertschätzt wird, dann ist es wichtig, sie hier zu zeigen. Denn wenn wir nicht anfangen, unsere eigenen Produkte zu konsumieren, werden wir weitere Jobs verlieren. Aber es ist schwierig, das in die Köpfe der Leute reinzubekommen. Und auch unsere Regierung schläft.“

Doch die Begeisterung für ihre Mode überwiegt alle Frustration.

Clive Rundle schichtet seine kleinteiligen Stoffflächen subtil zu Explosionen von Farben und Mustern. Rich Minisi zitiert diese Collagen in reduzierter Form in seinen kräftig bunten Drucken. Eindeutig traditionelle Stoffe kommen bei allen eher als Zitat vor. Bei Lezanne Viviers durchdringen sich erzählerisch Schichten der afrikanischen Geschichte und Natur. Manchmal sind ihre Kleider nur wie eine fast durchsichtige Hülle. Wie eine Form, die mit neuen Geschichten gefüllt werden will.

Zur Startseite