Isabel Vollrath verwandelte das Kraftwerk in Kreuzberg in einen Dschungel. Foto: Getty for Nowadays
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Fashion Week Berlin Ab auf die Bühne!

Auf der Berliner Fashion Week machten die Designer konkrete Vorschläge, wie wir den nächsten Sommer verbringen könnten.

Wir drehen durch
Diese Vorhersage trifft ja nicht allein auf die Mode zu, aber mit Kleidung kann sie besonders gut zum Ausdruck gebracht werden. Aufs Durchdrehen bereiten sich auch die Designer in Berlin schon mal vor. Keine Kollektion, in der nicht ein glitzerndes Kleid aus Pailletten auftauchte. Am besten silbern, so kann man als mobile Diskokugel gleich die richtigen Signale aussenden. Bei Kilian Kerner erinnern die Kleider an die sorglosen Zeiten, als Tom Ford in den neunziger Jahren Gucci zu einer erotischen Ausstrahlung verhalf. Das kann man auch, indem man den Körper wieder sichtbarer macht: Die Silhouetten rücken näher an die Konturen heran, gern als hautenger Catsuit, etwa mit passenden Sechziger-Jahre-Mustern bedruckt wie bei Florentina Leitner. Bei Malaikaraiss glitzert der Anzug von oben bis unten. Marcel Ostertag nutzte transparenten Stoff von Spitze über Tüll bis Folie, um den Körper möglichst sichtbar zu machen. Auch er legt die maximale Entfernung zwischen die Jogginghose und seine Entwürfe, um keinen Zweifel daran zu lassen, dass wir das nächste Jahr nicht auf dem Sofa verbringen werden.

Das Glitzerkleid von William Fan war eines der elegantesten der Modewoche. Foto: Janine Sametzky Vergrößern
Das Glitzerkleid von William Fan war eines der elegantesten der Modewoche. © Janine Sametzky

Ich bin ein Kunstwerk
Die Lust, sich wieder zu zeigen, gipfelt im nächsten Sommer darin, sich selbst zum Kunstwerk zu machen. Dass sich Mode und Kunst in Berlin so nahestehen, war bisher ja vor allem eine Behauptung. Jetzt verwandelten gleich mehre Designer ihre Kleider in wandelnde Leinwände. Malaika Raiss druckte auf weite, weiße Kleider Zeichnungen der Künstlerin Anna Zimmermann. Michael Sontag erledigte den künstlerischen Prozess bei einer dreistündigen Performance im Schaufenster einer Galerie in der Potsdamer Straße. Die Models verteilten vom Designer gepflückte Holunderbeeren auf weißen Stoffbahnen, pressten die Früchte direkt auf ihren Kleidern aus und räkelten sich im Holundermatsch, sodass sich ein Muster aus dunkelroten Schlieren bildete, changierend zwischen Splattermovie und Rorschachtest. Das Duo Richert Beil arbeitete mit der Fotografin Letizia Guel zusammen. Die castete auf der Straße unterschiedliche Menschen, um von ihnen Porträts in den Mänteln von Richert Beil zu machen. Dazu druckte das Designerpaar ein Zertifikat, das an einen lappigen Ausweis erinnert. Darin wird festgestellt, dass es keiner Zustimmung bedarf, unterschiedliche kulturelle Hintergründe, religiöse Grundwerte, Geschlechteridentitäten, sexuelle Orientierungen und individuelle Schönheit zum Ausdruck zu bringen.
Im Hangar vier des ehemaligen Flughafens Tempelhof zeigten 20 Designer:innen auf der Kunstmesse Positions, wie nah die Mode der Kunst inzwischen kommt. Da hängt ein Mantel für vier Personen, eine ganze Kollektion wird durch Reißverschlüsse verbunden und aus feiner Gaze genähte Schuhe stellen dar, wie sich gesellschaftliche Normen selbst in der Absatzhöhe zeigen. Diese Mode ist zwar tragbar, aber es ist trotzdem gut, als Selbstversicherung den Ausweis von Richtert Beil bei sich zu tragen.

Auf den Holunder! Michael Sontag überließ seinen Models den kreativen Prozess. Foto: Peter Wolff Vergrößern
Auf den Holunder! Michael Sontag überließ seinen Models den kreativen Prozess. © Peter Wolff

Ich mach Geschäfte
Die Losung für dieses Jahr lautete: Der Anzug ist tot, es lebe die Jogginghose! Im nächsten Frühjahr können wir sie einfach umdrehen. So ein Anzug hat ja auch immer etwas von Aufbruch und Geschäftigkeit und zeugt davon, dass man Wichtiges zu tun hat. Lustigerweise scheint er zum ersten Mal für Frauen wichtiger zu werden als für Männer. Und so einfach zurückkehren können wir natürlich auch nicht zum Businessoutfit. Die Jacketts sind groß, oft zweireihig und haben gepolsterte Schultern, die Hosen sind überlang und in Bundfalten gelegt. Beim Hamburger Label Fassbender, das seine Premiere auf der Fashion Week feierte, wurden die gestreiften Anzüge mit Gürteln in der Taille zusammengerafft, bei William Fan verbanden sich Jacke und Hose zu einem ärmelloser Einteiler. So könnte das Geschäftemachen zu einer spielerischeren Angelegenheit werden.

Der Anzug vom Hamburger Label Fassbender funktioniert auch ohne Gürtel. Foto: Fassbender Vergrößern
Der Anzug vom Hamburger Label Fassbender funktioniert auch ohne Gürtel. © Fassbender

Ich bin dann mal weg ...
... und zwar im Dschungel. So fühlte man sich bei der Schau von Isabel Vollrath. Der fensterlose Betonbau des Kraftwerks war in diffuses grünes Licht getaucht, Zikaden zirpten vom Tonband und die Kleider trugen fast alle ein expressives Muster aus Pflanzen, Blüten und exotischen Tieren. Das war ein gekonnter Salto vorwärts in eine expressive Zukunft, die das Motto „Zurück zur Natur“ mitnimmt, das während der Krise so viele Menschen bei Laune gehalten hat. Andere Designer lebten ihren Eskapismus in großen Mänteln und Capes aus, die als zweites Zuhause dienen könnten. Dabei wurde Schwarz viel dezenter eingesetzt als in den Saisons davor, stattdessen dominierten knallige Farben und große Muster. Es ist nicht die Zeit für dystopische Gedanken in der Mode – im nächsten Sommer soll es knallen!

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