Kennt Mode in allen Facetten: Diane Pernet. Foto: Ruven Afanador
© Ruven Afanador

Die erste Modebloggerin der Welt Diane Pernet - die Visionärin der Mode

Bettina Homann

Designerin, Bloggerin, Filmemacherin – mit allem, was sie tut, ist Diane Pernet ihrer Zeit weit voraus. So auch mit der Gründung eines Modefilmfestivals

Manchmal brandet Jubel auf, wenn Diane Pernet aus dem Flugzeug steigt. Das liegt dann daran, dass sie einmal wieder mit der spanischen Sängerin Martirio verwechselt wird. Das lange schwarze Kleid, die dunkle Sonnenbrille, die hochgetürmten Haare unter dem schwarzen Schleier – was für die Sängerin ein Bühnenoutfit ist, ist für Pernet der Alltagslook. Ein bisschen Jubel stünde ihr aber durchaus zu, ist sie doch seit Jahrzehnten als Impulsgeberin, Talentscout, Beraterin und vor allem Förderin und Mutmacherin von kreativen Talenten unterwegs. Gedankt wird ihr das, obwohl sie in der Modeszene jeder kennt und sie überall dabei ist, eher selten. Und bezahlt noch seltener – unter ihren vielen Talenten ist das zum Geldverdienen gering ausgeprägt.


Merkwürdiger Gegensatz zu den vielen Instagram-Stars, die außer Selbstvermarktung offenbar wenig draufhaben. Auf Instagram funktioniert Pernet nicht so gut, da es ihr nicht darum geht, sich selbst zu inszenieren, sondern darum, über Dinge zu erzählen, die sie spannend findet. Verbittert ist sie darüber nicht. „Ich liebe Kreativität!“, sagt sie, und: „Ich bin immer noch neugierig auf Neues.“
Das ist sie schon ihr Leben lang. Nachdem sie Film studiert und als Fotografin gearbeitet hatte, begann die gebürtige Amerikanerin, die seit 30 Jahre in Paris lebt, ein Modedesignstudium. Schon nach ein paar Monaten hatte sie keine Lust mehr auf Theorie und gründete Ende der 70er Jahre ihr eigenes Label. „Ohne jede Ahnung“, wie sie sagt. Aber mit gutem Gespür. Ihre eleganten und ein wenig strengen Entwürfe bildeten einen gewissen Gegensatz zum New Yorker Disco-Glamour, der sie umgab.

Diane Pernet ist mit ihren Ideen immer ein bisschen früh dran

Aus ihrer Zeit als Designerin stammt ihr ikonischer Look, dem sie seit Jahrzehnten treu bleibt. Wechselnde Outfits, Farben und Muster kollidierten mit ihrem kreativen Flow, wie sie feststellte. Und so entschied sie sich, wie viele Designer, für eine Art Uniform. Ihre besteht aus schwarzen Kleidern, Plateauschuhen und hohen Frisuren, die sie mit Schleiern und Spinnenbroschen krönt. Damit wirkt die 1,57 kleine Frau größer, als sie ist, was ihr gefällt.


Anfang der 1990er zog sie nach Paris, weil sie die Heruntergekommenheit, Drogen und Gewalt in New York nicht mehr aushielt. Sie arbeitete als Kostümdesignerin, Journalistin und Filmemacherin. Sie gründete eine Art soziales Netzwerk für Modeschaffende, lange vor Facebook. Keiner verstand so richtig, was das sollte. „Dianes Tragik ist“, sagt Fashion Consultant Florian Müller, der mit Pernet befreundet ist, „dass sie mit ihren Ideen immer ein bisschen zu früh dran ist.“ Früh dran war sie auch mit der Idee, auf einer eigenen Seite im Internet über Mode zu berichten – über wen, wann und wie sie wollte.
2005 gründete sie ihren Blog „A Shaded View on Fashion“ und wurde damit zur ersten Modebloggerin der Welt. Auf dem Blog berichtet sie bis heute von ihren Modeerkundungen auf der ganzen Welt. Unermüdlich reist die inzwischen über 70-Jährige von Fashion Week zu Fashion Week.

Szene aus einem Modefilm, der auf dem Festival von Diane Pernet läuft. Foto: Gianluca Matarrese Vergrößern
Szene aus einem Modefilm, der auf dem Festival von Diane Pernet läuft. © Gianluca Matarrese

Wenn man mir ihr spricht, ist man überrascht von ihrer Zartheit und Freundlichkeit, die in der Modeszene eher selten zu finden sind, und es drängt sich der Eindruck auf, dass ihr Outfit mit der obligatorischen schwarzen Brille auch eine Rüstung ist gegen die Härte und den Zynismus der Welt. Ihre Stimme ist leise und rauchig und man muss schon aufmerksam sein, damit man ihre pointierten Beobachtungen und treffend witzigen Bemerkungen unter den Laut-Sprechern, die sie umgeben, nicht verpasst.


„Ich kenne Diane seit 20 Jahren“, sagt Müller, „und habe sie noch nie zickig erlebt, das kommt in der Mode selten vor.“ Sie ist zugewandt und interessiert – vor allem an Talent, für das sie ein untrügliches Gespür hat. Ob Mattieu Blazy, neuer Kreativdirektor von Bottega Veneta, oder Vetements-Gründer und Balenciaga-Kreativdirektor Demna Gvasalia, Pernet kennt sie seit deren Uni-Abschluss-Shows. Da geht sie, anders als die meisten Moderedakteurinnen, nämlich hin.

Ohne Budget hat Pernet ein beeindruckendes Programm zusammengestellt


So ist es nicht erstaunlich, dass sie sich für Filme über Mode interessierte, lange bevor jede große Marke begann, ihre Kollektionen in bewegten Bildern zu inszenieren. 2006 gründet sie das „ASVOFF“-Filmfestival, das seither regelmäßig stattfindet. Obwohl sie kein Budget hat – auch diesmal gibt es keine Sponsoren –, gelingt es ihr, ein beeindruckendes Programm zusammenzustellen.


Die Liste der Beitragenden und Jurymitglieder, darunter Musikerin Roisin Murphy, Influencer Bryanboy und Tate-Modern-Kurator Osei Bonsu, liest sich wie ein Who’ who künstlerischer, musikalischer und modischer Avantgarde. Jurypräsident ist der Filmemacher Bruce LaBruce, wichtiger Protagonist des New Queer Cinema, der im Rahmen des Festivals seinen neuen Spielfilm vorstellen wird.

Ein Wettbewerbsfilm für das Festival "A Shaded View on Fashion Filmfestival" von Monica Menez. Foto: Monica Menez Vergrößern
Ein Wettbewerbsfilm für das Festival "A Shaded View on Fashion Filmfestival" von Monica Menez. © Monica Menez

Neu dazugekommen sind Kategorien wie „Black Spectrum“ und „Digital Fashion“. Das Programm reicht von Filmen zu und von einzelnen Designern, wie „Folk Horror Tale“, in dem John Galliano seine Kollektion für Margiela in Szene setzt, über Experimentelles wie Susanne Deekens „The Hairy Notion of a Green Afternoon“ über eine sich ständig wandelnde weibliche Gestalt.


Bei aller Unterschiedlichkeit der Beiträge, alle haben „eine künstlerische Aura und die wahrnehmbare Einzigartigkeit“, sagt Diane Pernet. So wird sie in diesen ersten Dezembertagen wieder alle zusammenbringen und für alle da sein. Einfache weil sie es so liebt, dazu beizutragen, dass etwas Aufregendes, Schönes, Neues in die Welt kommt.

A Shaded View on Fashion Filmfestival
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