Modefoto von Fotograf Rico Puhlmann von 1967. Foto: © Rico Puhlmann Archive, Repro: Anja Elisabeth Witte
© © Rico Puhlmann Archive, Repro: Anja Elisabeth Witte

Ausstellung Modebilder - Kunstkleid Mode zum Atmen und Denken

Eine große Modeausstellung in der Berlinerischen Galerie versucht einen Rundumschlag.

Subversiv sieht es nicht unbedingt aus, wie sich Anna Muthesius auf einem Gemälde von 1904 durch den Nachmittag stickt. Dabei kann das geistige Arbeit und echte Kunst sein – wenn die Stickerin mehr auf den Stoff bringt als öde Blümchenmuster. Ein „abstraktes Formgefühl“ fordert stattdessen die Dada-Künstlerin Hannah Höch 1918 in der „Stickerei- und Spitzen-Rundschau“, die Handarbeit auf ein anderes Niveau heben wollte. Und egal, ob Anna Muthesius, die wie Höch in der Metropole Berlin lebte, deren bissiges Manifest gelesen hat: Ihre Ansichten gingen in eine ähnliche Richtung. Kleidung symbolisierte für sie eine zutiefst individuelle gestalterische Moderne.


Damit gehört der Sängerin und Designerin der erste Raum in der Ausstellung „Modebilder – Kunstkleider“ der Berlinischen Galerie. Hier rückt das sogenannte Eigenkleid von Muthesius ins Zentrum, ein reformerische Garderobe ohne einschnürendes Korsett, die Platz zum Atmen und Denken ließ. Kein Kittel, wie ihn etwa der Wiener Jugendstil-Star Gustav Klimt trug. Sondern ein aufwändig gearbeites "Piece", das als Rekonstruktion aus rotem Seidentaft die Blicke auf sich zieht. Jede Frau, so die Idee von Anna Muthesius, sollte sich Ähnliches nach eigenen ästhetischen Kriterien schneidern.

Bild von Lotte Laserstein "Dame mit roter Baskenmütze" um 1931, Berlinerische Galerie. Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Foto: Anja Elisabeth Witte Vergrößern
Bild von Lotte Laserstein "Dame mit roter Baskenmütze" um 1931, Berlinerische Galerie. © © VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Foto: Anja Elisabeth Witte

Flankiert wird das Material über die Avantgardistin und Frau des Architekten Hermann Muthesius, der ebenfalls in der Reformbewegung aktiv war, von Arbeiten zeitgenössischer Künstler:innen wie Ursula Sax, Martin Assig, Wiebke Siem oder Alexandra Hopf. Sie alle befassen sich in der Ausstellung mit Textilien wie auch der Analyse von Mode-Phänomenen. Sax’ „Luftkleider“ stülpen federleichte geometrische Formen über den Körper und verfremden ihn. Siem kreiert Hüte, die eigentlich Skulpturen und dennoch irgendwie tragbar sind, was Fotografien beweisen. Hopf ist mehrfach vertreten, beschränkt sich im ersten Teil der Ausstellung jedoch auf eine Motivserie zum „Passagenwerk“ des Philosophen Walter Benjamin. Dessen visuelle Ästheik, seine Gedanken zur Krinoline, stimulieren Hopfs zeichnerische Fantasie.

So scheint gleich am Beginn der Schau mit Fotografie, Malerei und Mode von 1900 bis heute ein Thema auf, das sich spannend durch alle Dekaden deklinieren ließe. Wie Künstler:innen mit Kleidung umgehen und welche überraschenden Aspekte Kleidung durch solche Reformations- wie Deformationsprozesse zeigt. Denn auch die nächsten Räume, in denen unter anderem Hannah Höchs fließendes „Gesellschaftskleid“ (1925- 1927) die Bedürfnisse der Künstlerin nach Beinfreiheit über gesellschaftliche Normen stellt, scheinen diese These fortzuschreiben. Künstler:innen gehen anders mit Mode um, weil sie ihre kreativen Konzepte von der Leinwand buchstäblich in den Alltag tragen.

Foto von Jacob Hilsdorf von Anna Muthesius in einem Reformkleid von 1911. Foto: Jacob Hilsdorf, Anna Muthesius, 1911 © Urheberrechte am Werk erloschen, Repro: Anja Elisabeth Witte Vergrößern
Foto von Jacob Hilsdorf von Anna Muthesius in einem Reformkleid von 1911. © Jacob Hilsdorf, Anna Muthesius, 1911 © Urheberrechte am Werk erloschen, Repro: Anja Elisabeth Witte

Anschaulich macht dies wieder Alexandra Hopf mit ihrer geschneiderten Rekonstruktion jener „Patenthose“, die Dadaist Raoul Hausmann um 1929 auf gleich mehreren Fotos trägt. Ein weißes, weites Ding aus Baumwollköper, das seinem Träger tänzerische Freiheit und darüber hinaus Distinktion verleiht: Es macht sein Anderssein weithin sichtbar.

So könnte es weitergehen. Durch das Kapitel der „künstlerischen Ambivalenzen modisch-männlicher (Selbst-)Inszenierung“, die einem dandyhaften Porträt von George Grosz aus dem Jahr 1928 ein Bildnis des zeitgenössischen Künstlers Marc Brandenburg im Schottenrock gegenüberstellt. Das neusachliche Gemälde von Christian Schad mit den androgynen Zügen eines Schriftsteller kulminiert in Bertram Hasenauers Männergesicht von 2008: schön und bis zur Ausdruckslosigkeit den Idealen einer cleanen Projektionsfläche gehorchend. Die Überspitzung jener „Transformer in Tüll“, denen sich ein weiterer Raum über das queere Westberlin ab 1979 widmet.

Modezeichnung von Gerd Hartung, der später auch für den Tagesspiegel zeichnete. Paar in Abendrobe, 1932. Foto: © Stiftung Stadtmuseum Berlin, Foto: Michael Setzpfandt, Berlin Vergrößern
Modezeichnung von Gerd Hartung, der später auch für den Tagesspiegel zeichnete. Paar in Abendrobe, 1932. © © Stiftung Stadtmuseum Berlin, Foto: Michael Setzpfandt, Berlin

Hier gerät die Ausstellung leicht außer Atem, weil sie ebenso noch auf Berliner Fashion-Ikonen wie Claudia Skoda, die performative Künstlergruppe Die Tödliche Doris , das legendäre Ostberliner Magazin „Sibylle“ oder den Fotografen Rolf von Bergmann aufmerksam machen will. Dessen Nachlass, ein Koffer voller extravaganter Kleidung, gehört der Berlinischen Galerie. Bergmann selbst war Teil der Szene um die Kreuzberger Galerie am Moritzplatz mit prominenten Protagonisten wie Rainer Fetting oder Salomé.

Diese Konzentration auf die eigene Sammlung, der Kuratoin Annelie Lütgens viel Zauberhaftes abgerungen hat, erweist sich mit Blick auf die Modefotografie dann allerdings auch als Problem. So attraktiv die Abzüge von F.C. Gundlach oder Herbert Tobias, so fashionable die Illustrationen eines Gerd Hartung auch sein mögen: Sie dokumentieren den anderen Strang der Geschichte, die nach 1945 auf eine rasche Rückkehr zur Normalität drängte – auch wenn man die opulenten Kleider vor den Ruinen Berlins inszenierte.

So verläppert sich der Anspruch einer Ausstellung, die vor allem im zweiten Teil vieles antippt. Der rote Faden reißt, zurück bleibt Unbehagen. Dabei hätte Lütgens mit dem Verzicht auf die leichtgängige Modefotografie um einiges mehr Platz gehabt, sich das vielgestaltige Verhältnis von Kunst und Kleidung vorzunehmen.


Modebilder – Kunstkleider. Fotografie, Malerei und Mode 1900 bis heute“, Berlinische Galerie, bis zum 30. Mai.

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