Birgit Krah und Franziska Henning mit ihren flach gewebten bunten Teppichen. Foto: Reuber Henning
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Atelierbesuch bei Reuber Henning Vom Teppich aus gedacht

Die Entwürfe von Reuber Henning sind von erstaunlicher Leichtigkeit. Statt Statussymbolen schaffen Franzika Reuber und Birgit Krah Experimente mit Materialien.

Nur wenn an diesem trüben Wintertag ein Sonnenstrahl durchs Fenster fällt, sieht man die Seidenfäden im Teppich schimmern. Auch das Muster wirkt auf den ersten Blick fast zufällig. Wie hingetupft sind hellgelbe Flecken auf dem grauen Teppich verteilt, unregelmäßige Linien ziehen sich durch den feinen Flor. Aber ja, das könnte eine Lilie sein, ein sich verästelnder Zweig, ein Blütenblatt. Genauso mögen es Birgit Krah und Franziska Henning: zurückhaltend und leicht, aber mit lang anhaltender Wirkung. „Ein floraler Teppich, der nicht als solcher zu erkennen ist“, sagt Birgit Krah.


Die beiden Macherinnen des Teppichlabels Reuber Henning kämen nie auf die Idee, einen Teppich wie eine Leinwand zu verwenden. „Motiv auf Textil“ nennt das Birgit Krah und muss sich ein wenig schütteln, so abwegig findet sie es, etwas auch nur entfernt Fotorealistisches in ihre Teppiche einweben zu lassen.

Der erste Teppich war als künstlerisches Experiment gedacht


Auch Trends und die Arbeit anderer interessieren sie nur mäßig – dafür umso mehr das Material. Wie fein sich eine Wolle knüpfen lässt, wie das zum Muster passt, wie sich auch in einem monochromen Teppich ein Farbspiel mit handgefärbten Fäden erreichen lässt, sich Farben aneinanderreihen und wie Seide die Oberfläche verändert.

Ihre Herangehensweise wird dadurch beeinflusst, dass beide freie Künstlerinnen sind. So war der erste Teppich von Franziska Reuber auch als künstlerisches Experiment gedacht. Sie wollte die Liebe zu englischen Gärten mit der für Teppiche verbinden. Es war das erste Mal, dass sie als Künstlerin ein Werk nicht komplett selbst fertigte. Mehrere Monate dauerte es, bis der Teppich, der im Iran geknüpft wurde, bei ihr ankam. „Das hat mich so überwältigt, da wusste ich, ein zweiter muss folgen.“ Kurze Zeit später gründete sie mit ihrem Mann „Reuber Henning“. Birgit Krah kam 2006 erst als Stylistin dazu, wurde aber schnell fester Bestandteil des Labels. Inzwischen lassen sie ihre Teppiche in Nepal in einer Manufaktur knüpfen, in der vor allem Tibeter arbeiten, die aus ihrem Land vertrieben wurden. „Die haben sich schnell auf eine anspruchsvolle Kundschaft eingespielt“, sagt Franziska Reuber.

Das hat Hand und Fuß. Die Teppiche Rib von Reuber Henning. Foto: Reuber Henning Vergrößern
Das hat Hand und Fuß. Die Teppiche Rib von Reuber Henning. © Reuber Henning

Vor Corona fuhren sie mindestens einmal im Jahr nach Nepal, um zu sehen, wie und von wem ihre Teppiche gefertigt werden. Im Moment müssen sie sich auf Step verlassen, eine Schweizer Agentur, die die Betriebe vor Ort für sie kontrolliert und zertifiziert.


Die Art, wie Reuber Henning Teppiche entwirft und herstellen lässt, ist recht neu. Lange legte man sich einen echten Perser ins Wohnzimmer. Das war ein Statussymbol, das man verstehen musste wie im Eichenfass gereiften Rotwein. Irgendwann sollte dann mit Einzug des skandinavischen Lebensstils alle Muffigkeit aus den Wohnungen verschwinden, erst die Auslegeware, dann die geknüpften Teppiche. Stattdessen wollte man Holz oder, noch besser, gegossenen Beton unter den Füßen spüren.
In den vergangenen zehn Jahren drehte sich das. Der Teppich kehrte ins Wohnzimmer zurück. Alte Stücke wurden von jungen Händler:innen kuratiert, die ausgesuchte Teppiche aus dem Iran oder der Türkei mitbrachten. Dazu kamen moderne Arbeiten mit abstrakten Mustern, ungewöhnlichen Materialien in neuen Formen und zu Preisen, die den antiken Teppichen in nichts nachstehen.

So wie Reuber Henning entwerfen immer mehr deutsche Marken Designteppiche

Die beiden Frauen sind selbst erstaunt, wie sich in Deutschland einige junge Designunternehmen etablieren konnten. Dazu gehören das von Jan Kath und Rug Star, deren Produkte so gar nichts mit der Stapelware bei Kibek zu tun haben.
Noch etwas haben sie festgestellt: Inzwischen ist der Teppich nicht mehr nur ein Dekorationselement wie Vorhänge oder Kissen, um einen eingerichteten Raum zu vervollständigen. „Viele Architekten, die mit uns arbeiten, denken zuerst über den Teppich im Raum nach“, sagt Birgit Krah.

Gerade haben sie ihre erste Kooperation mit einem anderen Duo vorgestellt, dem Designerpaar Besau Marguerre, das für seine Möbelentwürfe in knalligen Farben bekannt ist. Herausgekommen sind Teppiche in drei Designs und vier Farbstellungen in Gelb und Lila, aber auch in zurückhaltenden Grautönen mit dicken Schussfäden, die ein Streifenmuster bilden. Auf jeden Fall eine Bereicherung in der Welt von Reuber Henning.

Der Teppich entstand zusammen mit dem Hamburger Designerduo Marguerre Besau. Foto: Reuber Henning Vergrößern
Der Teppich entstand zusammen mit dem Hamburger Designerduo Marguerre Besau. © Reuber Henning

In der kommen erstaunlich oft Fehler vor. Solche, die zum Beispiel entstehen, wenn sie für ihre Streifenteppiche einen Zufallsgenerator aus dem Internet entscheiden lassen, wie sich welche Farben aneinanderreihen. Weil, auf das „schreckliche Umbra“ wären sie ja niemals selbst gekommen – aber das gibt den besten Kontrast.


Noch konzentrierter wird es bei der Kollektion „Curated Colour“: Da machen sie sich nur über Farben Gedanken, nicht über Muster. Inzwischen gibt es die flachgewebten Wollteppiche in 50 Farben, die in ihrem Schöneberger Showroom bunt übereinandergestapelt sind.


Dort hängt der neue Teppich „Tiger“, der Bezug nimmt auf ein altes Tigermuster aus Tibet. Auch hier ist das Prinzip von Reuber Henning umgesetzt: Das Fell des Tigers ist so weit abstrahiert, dass man zweimal hinschauen muss, um es zu erkennen. Und natürlich sind Fehler eingewebt.

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