Das Model Gloria Friedrich posiert im Theater des Westens. Foto: Rico Puhlmann/Interfoto
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60 Jahre Mauerbau Zwischenmeister - das wichtigste Rad im Getriebe

Der Ruf der Berliner Mode war lange einem einzigartigen System geschuldet – dem der Zwischenmeister. Der Mauerbau besiegelte das Ende einer Tradition

Nach dem Krieg konnte es den Berliner Modemachern gar nicht schnell genug gehen. Schon im September 1945 gab es die erste Modenschau in Berlin – die „Flickenkleider“ von Walter Friedrich Schulz wurden aus Stoffresten zusammen gesetzt. Der aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrte junge Modemacher Heinz Oestergaard ließ 1946 die ersten Kleider aus alten Wehrmachtsuniformen nähen, die Modelle hießen „Schwarzmarkt“, „Stromsperre“ und „Knappheit“.

Aber es waren nicht so sehr die Kleider, die vor den Trümmern des Zweiten Weltkriegs vorgeführt wurden, die Berlin in kürzester Zeit den Ruf einer Modestadt zurückbrachten. „Ohne die Zwischenmeister wäre Berlin nichts!“, zitierte „Die Zeit“ 1956 einen Berliner Modemacher. Die Journalistin Sabina Lietzmann suchte nach dem Grund für dieses „erstaunliche Comeback der Berliner Modeindustrie, die wieder stilbildend für Deutschland ist“. Sie fand ihn bei den Zwischenmeistern.
Wie der Name vermuten lässt, fertigten diese Schneiderinnen und Schneider nicht direkt für die Kunden, sondern für die Modehäuser. Schon Ende 1946 gab es laut dem Berliner Magistrat wieder 662 Kleidungsbetriebe mit 50.000 Beschäftigten. Im Jahr 1953 verließen 22.222 Kreation die Stadt für den Export.

Darauf baute die immer pragmatisch ausgerichtete Modeindustrie in Berlin auf. Und das schon weit vor dem ersten Weltkrieg. Die Schneider:innen sorgten schon im 19. Jahrhundert dafür, dass aus Berlin eine überaus gut funktionierende Modestadt wurde, die bald Kleidung nach Schweden, in die Schweiz, die Niederlande und nach Skandinavien verschickte.

Bei den Zwischenmeister:innen landeten die Entwürfe der großen Modehäuser, die wiederum ihre Anregungen aus Paris hatten, wo man sich Ideen und Schnitte kaufen konnte. In Berlin wurden die allzu künstlerischen Entwürfe der französischen Modeschöpfer auf einen tragbaren Kompromiss gebracht, der von den Zwischenmeister:innen vervielfältigt und verarbeitet werden konnte.

Sie zeichneten die Schnitte, schnitten die Stoffe zu. Die wurden an die abertausend Heimarbeiterinnen verteilt, von denen viele um den Rosa-Luxemburg-Platz und das Schönhauser Tor im Osten der Stadt lebten, in engen Wohnungen in lichtlosen Hinterhöfen, die tagsüber zum Arbeiten und nachts zum Schlafen herhalten mussten. Ganze Familien nähten Pelze, Miederwaren, Seidenkleider, erst mit der Hand, später mit den ersten Nähmaschinen, die Ende des 19. Jahrhunderts aus England kamen.
Um 1914 gab es 4200 Zwischenmeister-Betriebe, für die 50.000 Arbeiterinnen nähten. Sie sorgten dafür, dass Kleidung in den eleganten Salons vorgeführt und in den großen Warenhäusern zum Kauf angeboten werden konnte.

Dass die Berliner Mode so lange so gut funktionierte, lag also nicht in erster Linie daran, dass die Entwürfe so außergewöhnlich und extravagant waren. Den Erfolg brachten die hohe Qualität der Verarbeitung, der solide Preis und die Alltagstauglichkeit der Kleidung. All das gewährleisteten die Zwischenmeister:innen, die es so in keiner anderen Stadt gab, sie waren eine Berliner Erfindung.

Und nur mit ihnen waren die Berliner Konfektionshäuser auch nach dem Krieg überlebensfähig. Das System mit Zwischenmeistern und Heimarbeiterin funktionierte wie ein Uhrwerk. Der Mauerbau störte das System empfindlich, über Nacht verloren die Betriebe rund 7000 Mitarbeiterinnen. Die Modehäuser saßen rund um den Kurfürstendamm oder in feudalen Villen im Grunewald, viele der Näherinnen aber lebten im Osten der Stadt.

Das war nicht immer so gewesen. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war das Zentrum der Berliner Mode der Hausvogteiplatz. Erst nach dem Krieg zogen die meisten Modemacher nach West-Berlin – vielleicht auch, um vergessen zu machen, dass viele der Konfektionäre Juden gewesen waren und ihren Besitz zu einem Spottpreis hatten verkaufen müssen, oft an ihre früheren Mitarbeiter. So hieß das Modehaus Horn einst Gerson, Auerbach & Steinitz wurde zu Gehringer & Glupp und R.Löwenberg & Dannenbaum zu Seger & Corves – alle maßgeblich für den Ruf der Berliner Mode in den fünfziger Jahren verantwortlich.

Die neuen Häuser machten ihre Geschäfte rund um den Kurfürstendamm für einen erlesenen Kundenkreis. Die Konfektion hatte mit der heutigen Massenproduktion so viel zu tun wie ein Happy Meal mit einem Essen im Sterne-Restaurant. Je exquisiter die Ware, desto kleiner die Stückzahlen.

Auch der jüngste der damaligen Modemacher, der im Juli verstorbene Uli Richter, entwarf seine Mode für einen erlesenen Kreis von Kundinnen. In jeder Stadt nur ein Kleid, das war die Vorgabe, nach der die Modelle gefertigt wurden.
Auch die Mode des jungen Heinz Oestergaard war nur für ein paar Hundert Kundinnen gemacht und nicht für Millionen. Das wurde erst zu seinem Anspruch, als er 1967 Berlin verließ, um als Modeberater bei „Quelle“ die Massen einzukleiden. Wenig später entwarf er auch die Uniformen der Polizei und Kleidung für den ADAC.

Uli Richter hielt am längsten durch, wohl auch, weil er 1962 das Atelier der berühmtesten Schneiderin Berlins, Käthe Strebe, samt Näherinnen aufkaufte. Die nähten standesgemäß in einem Altbau mit Deckenmalerei und Stuckverzierung am Kurfürstendamm 218. Frau Strebe kümmert sich fürsorglich um ihre Kundschaft. Der ebenfalls kürzlich verstorbene Fotograf F.C. Gundlach, der in den fünfziger Jahren regelmäßig die Berliner Modewoche „Durchreise“ besuchte, um die neuesten Modelle zu fotografieren, erzählte in einem Interview mit dieser Zeitung: „Es gab eine Schneiderin, um die buhlten alle Designer: Käthe Strebe, eine typische Berlinerin, ein bisschen füllig, die war die Beste. Käthe kam in die Salons, sah sich die Kollektion an und sagte: Jungchen, mach mal deine Striche, ick mach das schon.“ Gundlach erinnerte sich, dass sich die Designer ganz auf die Qualität der Kleidung verließen. Auf die Idee, außerhalb von Berlin zu produzieren, wäre keiner gekommen.
Gut zehn Jahre nach dem Mauerbau sah die Situation völlig anders aus. Von den ehemals rund 2500 Zwischenmeistereien waren 1969 nur gut 800 übrig. Der Mauerbau beschleunigte das Ausbluten des einmaligen Berliner Modesystems. Der Wandel der Mode hin zur Massenware, die sich viel günstiger in Fernost nähen ließ, tat ein Übriges. Dabei galt: Je höher die Stückzahl, desto weiter weg.

Heute gibt es keine einzige Zwischenmeisterei mehr in Berlin, die ihre Wurzeln in den glorreichen Zeiten hat. Dafür gab es vor einigen Jahren eine zarte neue Blüte kleiner Produktionsstätten. Junge Berliner Modelabels, die sich in den vergangenen 15 Jahren rund um die Fashion Week gründeten, brauchten wieder Schneider:innen, die ihre Entwürfe in kleinen Stückzahlen in der Nähe ihrer Ateliers fertigten. So entstanden eine Handvoll kleiner Betriebe.

Dass im vergangenen Jahr mehrere Modedesigner wegen Corona aufgaben, ging auch an der Produktion nicht spurlos vorbei, einige Schneider:innen gaben auf. Heute gibt es nur noch eine Produktionstätte in Berlin, die an die alten Blütezeiten der Zwischenmeister erinnert.

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