Gefährdet, weil sie Juden sind? Zwei Jungen mit Kippa in Hamburg Foto:Daniel Bockwoldt/picture alliance-dpa
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Religiöses Mobbing an Schulen Nachhilfe in Religion und Demokratie ist nötig

Wegschauen und sich schämen hilft nichts: Religiös motiviertem Hass muss entgegengetreten werden. Egal von wem er kommt. Ein Kommentar.

Nicht nur, weil Ostern gerade hinter uns liegt, lohnt sich der Blick aufs Religiöse. Die Schlachtfelder von Glaubenskriegen haben sich in den letzten Jahren schrecklich vermehrt. Und anscheinend gibt es nicht nur die, auf denen gemordet und gestorben wird. Verbale und auch ganz handgreifliche Gewalt, zu deren Rechtfertigung angeblich göttliche Gebote herangezogen werden, wird auch auf deutschen Schulhöfen geübt, unter Kindern und Jugendlichen. Dass für Berlin gleich zwei Geistliche, Rabbi Teichtal und der Neuköllner Imam Sabri, bestätigen, dass sich die Fälle mehren, lässt aufhorchen.

Ein Tabu steht in Frage

Junge Menschen, die als nicht richtig gläubig, als Ungläubige, als jüdisch beleidigt und bedroht werden: Das scheint allen Fortschritt zunichtezumachen, den Deutschland und Europa in Sachen Säkularisierung und religiöser Vielfalt und Toleranz in den letzten Jahrzehnten erlebten. Am schlimmsten ist, dass Antisemitismus sich wieder offen ausspricht und ausagiert. Er war nie überwunden, aber er wurde in Nachkriegsdeutschland durch ein weitgehend akzeptiertes Tabu eingehegt. Das steht jetzt in Frage. 

Und es scheint eine Scham auszulösen, die verständlich ist, aber absolut kontraproduktiv. Die Schulleitungen haben in den bekannt gewordenen Fällen fast immer hilflos reagiert, Fälle religiösen, vor allem antisemitischen Mobbings, heruntergespielt oder gar nicht wahrhaben wollen. Nur nicht diesen Vorwurf! Dabei genügt doch einfaches Rechnen. In diesem Land leben mehr denn je Menschen, in deren oft diktatorisch regierten Herkunftsländern Judenhass, oft im Gewand der Feindschaft gegen Israel, offizielle Politik ist. Es wäre ein Wunder, wenn diese ideologischen Lasten beim Übertreten der Grenzen zurückgelassen würden – und nicht irgendwann auch an europäischen Schulen landeten. Es kann also nur darum gehen, dem entgegenzutreten, hier. Und zu entscheiden, wie das gehen kann: Mehr Demokratie-Unterricht oder mehr Religionsstunden, vielleicht mit Hilfe jüdisch-muslimischer Seelsorge-Teams an den Schulen?

Unmögliche Sehnsucht nach einer einförmigen Welt

Der Streit darüber ist müßig, alles zusammen ist nötig. Religiöse Nachhilfe nützt denen, die sich ihren Blick auf Judentum, Christentum und Islam aus Internetversatzstücken zusammenbasteln, das Reden über demokratische Spielregeln und Vielfalt denen, die keine Religion brauchen, um, nur zum Beispiel, gegen die Gleichheit von Mann und Frau zu sein. Man kann bedauern, dass sich kultureller, sozialer Fortschritt nicht auf ewig bewahren lässt. Wichtiger wäre, immer wieder darum zu kämpfen, dass er nicht zurückgedreht wird. Und dass die Wut auf Vielfalt, die verrückte, weil unmögliche Sehnsucht nach einer Uniformität der Welt, die es nie gab, nicht immer wieder neue Opfer findet. Zum Beispiel eine FDP-Kandidatin in Schleswig-Holstein, die doch tatsächlich ein Kopftuch trägt.

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