Wer sich im Shitstorm befindet, muss auch neue Wörter lernen. Karrikatur: Stuttmann / Tagesspiegel
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Im Shitstorm Was ich erlebte, als ich über Antirassismus schrieb

Wer sich kritisch mit Identitätspolitik befasst, lernt die kryptische Wut der Twitter-Blase kennen. Über „Victim Blaming“, „Tokens“, „Allys“ und eine neue Form der Rassenkunde.

Am 15. Januar erschien im Tagesspiegel mein Text „Wenn Weiß-Sein zum Makel gemacht wird“. Er wurde auch Online veröffentlicht und löste dort einen Shitstorm aus. Es ging in dem Text auch um Rassismus, und ich möchte hier schildern, was ich seitdem erlebt habe.

Nach dem Erscheinen des Textes auf der Tagesspiegel-Homepage gingen dort und via Twitter erste Kommentare ein, das sei ja mutig. In meiner Naivität – ich hatte zu diesem Zeitpunkt 300 Twitter-Follower und habe mehrheitlich juristische Texte geschrieben, die dort kaum wahrgenommen wurden – in meiner Naivität also fragte ich mich, was damit wohl gemeint sein könnte.

Kurz darauf wusste ich es: persönliche Angriffe aller Art, Beschimpfungen, die Unterstellung, dass ich ein Rassist wäre, außerdem ein Antisemit, was man aus meinem arabisch klingenden Namen ableiten wollte. Abenteuerlich. Mit dem Inhalt meines Textes hatte sich kaum jemand wirklich auseinandergesetzt.

In dem Text, einer Kolumne im Ressort Meinung, versuchte ich im Wesentlichen zwei Punkte zur Diskussion zu stellen: Ich äußerte die Vermutung, dass die Art, wie antirassistisches Engagement derzeit läuft, nur wenigen nützt. Vor allem denen, die damit ihr Auskommen sichern. Während es die vielen anderen, die von Rassismus betroffen sind, nicht weiterbringt, sondern im Gegenteil verhindert, dass Menschen unbefangen mit ihnen umgehen können, weil sie immer befürchten müssen, gleich wieder in eine Falle zu laufen.

Wer profitiert von Antirassismus?

Dazu griff ich auch noch den Vorwurf der „kulturellen Aneignung“ auf, der gegen eine weiße Frau erhoben worden war, die in Berlin gegen Rassismus demonstriert hatte.

Meine zweite These war, dass viele, die sich marginalisiert fühlen, für sich eine Sonderrolle beanspruchen, und dass dies dazu führt, dass sie ihre eigene Gleichstellung behindern. Das brachte mir den Vorwurf der Täter-Opfer-Umkehr ein.

Für eine Menge Leute auf Twitter war ich damit ein Rassist. Dieser Vorwurf lässt sich aus meinem Text nicht begründen. Eine große Menge von Menschen begriff das und übernahm meine Verteidigung, zum Teil bewundernswert konstruktiv. Darunter waren mehrere Schwarze (sie bezeichneten sich selbst so).

Die andere Gruppe war aber viel größer. Aus ihr wurde mir „Victim Blaming“ vorgeworfen. Ich würde also den Opfern die Schuld geben für ihre Situation.

Wer sich als Migrant eingliedert, ist ein "Token"

In meinem Text schreibe ich, dass man es aus Sicht der Antirassisten als Weißer nicht richtig machen kann. Sie finden immer etwas, das nicht geht. Mir warfen sie nun vor, ich sei ein „Token“. Überhaupt musste ich einige neue Vokabeln lernen. Ein „Token“ ist ein Migrant, der im Establishment angekommen ist.

In meinem Weltbild ist das eine gute Sache, wenn Migranten in der Gesellschaft ankommen. In dem Weltbild meiner neuen Gegner jedoch nicht, ein Token hat sich nämlich sozusagen selbst versklavt, durch Überanpassung an die Unterdrücker, das ist natürlich schlecht. Aber was ist denn dann gut? Ausgegrenzt sein ist schlecht, aber drin sein – ist auch schlecht? Ein Token arbeite an seiner eigenen Unterdrückung mit, hieß es. Ich fühle mich aber nicht unterdrückt, sondern frei.

Dass ich Migrant bin, halte ich auch nicht für ausgemacht. Ich habe einen arabisch klingenden Namen, weil mein Vater Jordanier war. Er kam zum Studium nach Münster und wurde ein angesehener Arzt. Er hat viel Rassismus erlebt. Meine Mutter ist aus der DDR, sie ist drei Tage vor dem Mauerbau in den Westen geflüchtet, studierte ebenfalls in Münster und wurde eine beliebte Ärztin.

Meine Kindheit spielte in den Siebzigern in der westfälischen Provinz, meine Migrationserfahrung beschränkt sich auf die Strecke Ostwestfalen – Hamburg – Berlin. Nicht im Traum wäre ich auf die Idee gekommen, dass man mich für einen Migranten halten könnte, bis man mir in Berlin erklärte, dass ich einen Migrationshintergrund hätte. Die Frage hat mich im Grunde nie interessiert.

Die Welt auf Twitter ist ein Paralleluniversum

Auch meine Geschichte hat Implikationen, mit denen ich mich zum Teil erst heute auseinandersetze. Ich glaube, das ist bei den meisten Menschen so, dass manche Themen aus der Kindheit im Erwachsenenalter erst ihre ganze Bedeutung zeigen. Man kann aber jetzt selbst entscheiden, wovon man sich beherrschen lässt.

Ich wurde in den Twittersturm, der über mich hereinbrach, wie in eine Parallelwelt katapultiert. Sie besteht aus Freund oder Feind, Zwischentöne wie in der Wirklichkeit gibt es nicht. Im echten Leben wird Kommunikation entschärft – durch Blicke, Lächeln, Gesten. Dort nicht.

Die meisten Bundesbürger sind nicht auf Twitter, die meisten Journalisten dagegen schon. Die meisten Deutschen leben also in dem glücklichen Zustand, die dortige Meinungsblase nicht zu kennen. Vermutlich haben einige von ihnen aber schon deren Auswirkungen zu spüren bekommen. So zum Beispiel die Entschuldigung der „Süddeutschen Zeitung“ bei dem Pianisten Igor Levit für eine im Blatt erschienene Kritik. Über den Text konnte man streiten, doch wäre es ohne Twitter undenkbar gewesen, dass eine Zeitung sich für so etwas entschuldigt. Ich habe das als Tiefpunkt empfunden.

Es gibt nicht den Willen, sich ernsthaft mit Argumenten auseinanderzusetzen, auch keine wohlwollende Auslegung von Äußerungen. Stattdessen gibt es Unterstellungen und viel Neid und Bösartigkeit. Mir wurde unterstellt, ich würde es billigen und begünstigen, dass einer auf Twitter aktiven Frau nach dem Leben getrachtet wird. Unglaublich. Ich würde auf Beifall aus der rechten Ecke spekulieren. Abwegig. Als „Rechts“ galt in meinem Fall im Übrigen alles, was nicht gleicher Ansicht ist wie die Kritiker.

Ich mache mir Sorgen um die Pressefreiheit

Diese meinungsstarke Gruppe ist eine Gefahr für die Pressefreiheit, davon bin ich inzwischen überzeugt. Sie ist bestens in den Redaktionen vernetzt und entwickelt ungeheure Diskursmacht, mit der sie tief in die öffentliche Meinungsbildung eingreift.

Da Meinungsvielfalt und der Wettbewerb um die besten Ideen die Grundlage für den Erfolg der Demokratie bilden, ist sie auch eine Gefahr für die Demokratie. Irritiert hat mich, dass auch Mitarbeiter der öffentlich-rechtlichen Sender hierbei mitmachten. Journalisten sollen in alle Richtungen Distanz halten, das ist meine Überzeugung. Sie dürfen keine Aktivisten sein.

Die Eiferer auf Twitter halten sich für die besseren Menschen, sind dabei aber gnadenlos intolerant. Ich kann mir jetzt vorstellen, dass Autoren sich einen Text wie meinen eher verkneifen, um sich Ärger zu ersparen.

Der Sturm begann Freitag früh, tobte das ganze Wochenende über und bekam Montag nochmal neuen Schub, weil sich drei Personen, die sich angegriffen gefühlt hatten, hingesetzt und Entgegnungen geschrieben hatten – eine davon erschien hier im Tagesspiegel. Keiner von ihnen hatte meinen Text so verstanden, wie er gemeint war. Ich hatte den Verdacht, dass sie aus eigener Betroffenheit zu nah dran sind, um noch aus der Distanz draufschauen zu können.
Oder hatte ich mich wirklich so missverständlich ausgedrückt?

Andererseits gab es ja auch massenhaft Leute, die mich richtig verstanden haben. Es muss also zumindest zum Teil von der Brille abhängen, die jemand beim Lesen aufhat.

Eine neue Form der Rassenkunde

Die Debatte auf Twitter ist schrill und wird immer verstiegener, die geäußerten Forderungen entfernen sich damit zugleich immer mehr von jeder Realisierbarkeit. Ich las schräges Zeug wie: „Rechtschreibregeln und Grammatik sind ein kolonialrassistisches Tool von white supremacy um BiPoCs zu unterdrücken“. (Ein Schüler kommentierte, ob das vielleicht mal jemand seinem Deutschlehrer sagen könne.)

Wer sich mit den Antirassisten verbündet, ist ein „Ally“. Manche geißeln sich selbst für ihr Weißsein. Zu erleben ist auch eine neue Form der Rassenkunde. Es gibt die unterschiedlichsten Klassifizierungen von Hautfarbe und Diskussionen darüber, wer wen wie nennen darf. Es gibt auch Klassifizierungen nach Sozialisation. Wer Jahrhunderte der Benachteiligung durch Kolonisation hinter sich hat, ist ein top Opfer. Auch sonst, je unterdrückter, desto besser im Opfer-Ranking. Wer es im Leben gut hatte, hat es hier plötzlich schlecht, wegen Privilegien.

"Die" oder "Wir", dabei sind wir eine Gesellschaft

Es läuft immer auf „die“ und „wir“ hinaus, die Unterdrücker und wir Geknechteten, wobei lebhaft darum gerungen wird, wer wozu gehört. Ich denke: Ihr macht euch auch selbst zu Sklaven.

„Kümmer’ dich doch einfach nicht drum!“, will ich ihnen zurufen. Guck mal, du liegst gar nicht in Ketten. Wieso ist es wichtig, von irgendwem anerkannt zu werden? Wessen Support kann deine Wunde heilen, die du so öffentlich zur Schau trägst? Das kannst du nur selbst. Mach einfach dein Ding. Es gibt ja auch viele erfolgreiche Menschen mit nichtweißer Hautfarbe, die diesen Weg gegangen sind.

Oder mache ich es mir damit zu einfach? Vielleicht habe ich nicht genug Schlimmes erlebt? Es geht hier auch um Identitätskonstruktion. Gar nicht so einfach, positiv zu bestimmen, wer man ist. Es ist viel einfacher, dies durch Abgrenzung von anderen zu tun.

Ich glaube über mich sagen zu können: Ich mache es mir als Autor nicht leicht. Ich überprüfe mein Denken immer wieder, halte es für möglich, dass ich mich irre und bin bereit, mich zu revidieren. Aber hier bin ich mit meinen Möglichkeiten am Ende.

Meine neuen Bekannten auf Twitter behaupten, sie könnten die Diskussion nicht auf Augenhöhe führen, da mein Text schrecklich unterkomplex sei und meine Augenhöhe auf Fußleistenniveau liege. Andere empfinden das Gegenteil.

Ich weiß keine Lösung. Ein guter Schritt wäre es aus meiner Sicht, dass nicht „Täter“ und „Opfer“ ins Gespräch kommen sollten, denn dann kommen wir nicht zusammen.

Heutige Weiße können sich mit vergangenem Unrecht auseinandersetzen, aber sie können es nicht ungeschehen machen. Heutige Nichtweiße können versuchen, ihre Geschichte nicht mehr von anderen schreiben zu lassen. Alle zusammen können dazu beitragen, in Zukunft besser miteinander umzugehen.

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