Gastkommentar Arabischer Frühling: Aufstand der Baby-Boomer

Die 2011er ist auch eine skeptische Generation. Sie ist jedweder Ideologie gegenüber skeptisch, auch der der Islamisten. Viele sind religiös, betrachten aber den Islam als Religion, nicht als Ideologie. Diese Generation glaubt vor allem nicht mehr, was die offizielle Propaganda der autoritären Systeme verbreitet. Und warum sollte sie dies auch. Erlebten sie doch, wie zynisch auch die Generation ihrer Eltern und Lehrer mit den Bekenntnissen umgingen, die die Regierungen zu vertreten vorgaben oder bei öffentlichen Anlässen einforderten: Wenn jeder wusste, dass die Teilnahme und Abstimmung bei Präsidentschaftswahlen in Ländern wie Syrien, Ägypten oder Tunesien, die in den Staatsmedien als „Huldigung“ des Amtsinhabers gefeiert wurden, keinen Unterschied machte; wenn Regierungs- und Staatsparteien sich „demokratisch“ nannten, faktisch aber die Macht einer kleinen Clique absicherten; wenn regelmäßige Antikorruptionskampagnen ebenso regelmäßig an den bekannten Größen und Günstlingen der Regime vorbeigingen; wenn überall von arabischer Solidarität und von der Unterstützung der Palästinenser gesprochen wurde, praktisch aber der größte Staat der arabischen Welt, Ägypten, seine Grenze zum Gaza-Streifen geschlossen hielt und damit die israelische Blockade unterstützte; wenn die herrschenden Regime sich mit vergangenen Erfolgen zu schmücken suchten, die für die Lebenswirklichkeit der Menschen keine Bedeutung hatten.

Die arabischen Aufstände von 2011 waren nirgendwo auch nur ansatzweise eine islamische Revolution. Gleichwohl wird der politische Islam eine Rolle spielen. In praktisch allen arabischen Staaten gäbe es eine Basis für eine konservative Volkspartei religiöser Prägung nach dem Modell der türkischen AKP. Aber auch hier wird die Bandbreite zunehmen. Die Öffnung der politischen Systeme zwingt auch das politisch-islamische Spektrum pluralistischer zu werden. In Ägypten zeigt sich das sehr deutlich mit den Spaltungen und Abspaltungen von der Muslimbruderschaft, deren Mitglieder nicht mehr unter dem Druck der Illegalität zusammengepresst und auch zusammengeschweißt werden. Eine solche Ausdifferenzierung im politisch-islamischen Spektrum ist im Grunde ein gesunder Prozess, der die Pragmatiker und Reformer von den Fundamentalisten trennen kann.

Eine der wirklich guten Nachrichten der arabischen Aufstände und Revolutionen ist, dass sie auch eine Absage an die Ideologie eines gewaltsamen, terroristischen Dschihad war, wie Al Qaida ihn verkörpert. Die Forderungen der Protestbewegungen nach individueller Freiheit und Demokratie standen in radikalem Gegensatz zur Ideologie der Al Qaida. Der Versuch von Ayman al Zawahiri, dem Stellvertreter und späteren Nachfolger Usama bin Ladens, den Menschen in Ägypten in einer Video-Botschaft drei Monate nach ihrer Revolution zu erklären, dass diese unvollständig sei, sofern sie keinen vollständig islamischen Staat errichteten, traf dort offensichtlich nicht auf Widerhall. Das ideologische Angebot Al Qaidas wirkt auf die heutige Generation der zornigen jungen Leute schlicht schal. Die Macht des „Volkes“, das „Veränderung will“, ist attraktiver als terroristische Gewalt.

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