Gastkommentar Arabischer Frühling: Aufstand der Baby-Boomer

Die Staatschefs der arabischen Welt ließen sich auf dieses Spiel gern ein. Die meisten waren, auch aus eigenem Interesse, nur zu bereit, sich den USA als Partner im Kampf gegen Al Qaida oder auch in der Auseinandersetzung mit Iran anzubieten und sich dafür auch unterstützen zu lassen. Den Europäern gegenüber präsentierten sie sich vor allem als Stabilitätsgaranten: Die einzigen Alternativen zur eigenen Herrschaft seien die Machtübernahme durch islamistische Extremisten oder das Chaos. Ägyptens Präsident Mubarak und Tunesiens Ben Ali waren in dieser Hinsicht besonders erfolgreich.

Tatsächlich hat vieles dazu beigetragen, dass die versteinerten politischen Verhältnisse in der Region seit Anfang 2011 dann rasch in Bewegung gerieten. Dazu gehören technologische, weltwirtschaftliche, politische und soziostrukturelle Faktoren: das Satellitenfernsehen und die neuen „sozialen“ Medien haben eine Rolle bei der schnellen Verbreitung der Proteste gespielt; steigende Lebensmittelpreise haben den Protest der Armen genährt; einige Wikileaks-Berichte mögen bestätigt haben, was an Gerüchten und Vermutungen über die Korruption der Herrscher in Tunesien und anderen arabischen Ländern ohnehin kursierte.

Die wichtigste erklärende Variable für den Umbruch dürfte aber in der demografischen Entwicklung liegen: Die arabische Revolte von 2011 ist vor allem ein Aufstand der Jugend. Die Gruppe der 20- bis 35-Jährigen, der zwischen 1975 und 1990 Geborenen also, macht mehr als 30 Prozent der Gesamtbevölkerung in den arabischen Staaten aus. Mit anderen Worten: Wir haben es hier mit den Baby-Boomern der arabischen Welt zu tun, die in den Jahren des höchsten Bevölkerungszuwachses geboren wurden.

Es wundert nicht, dass Mitglieder dieser Generation die wesentlichen Träger der Revolte in Tunesien, Ägypten und anderen arabischen Staaten wurden: Sie sind allgemein besser ausgebildet als ihre Vorgänger, und sie sind in vielfacher Hinsicht vernetzter und global orientiert. All dies ist vor allem ein Ergebnis des Ausbaus des Bildungswesens, den die arabischen Staaten in den vergangenen Jahrzehnten auf den Weg gebracht haben. Im Ergebnis ist heute die Jugendarbeitslosigkeit in den arabischen Staaten höher als in anderen Weltregionen.

Es ist auffällig, wie sehr die heute 20- bis 35-Jährigen in der arabischen Welt eine von gemeinsamen Erfahrungen geprägte Generation bilden. Von Rabat bis Riad, so lässt sich vereinfachend sagen, quer durch die arabische Welt, ist dies eine Generation, die sich um ihre Chancen zur wirtschaftlichen, sozialen und politischen Teilhabe betrogen gesehen hat. Weil sie kein oder wenig Einkommen haben, können sie keine eigene Wohnung anmieten. Ohne eigene Wohnung können sie keine Familie gründen. Je konservativer die Gesellschaft, desto schwieriger ist es, auch unverheiratet eine sexuelle Beziehung zu pflegen. Sie erleben, dass die Einkommensschere sich öffnet und dass Politik bestenfalls ein Geschäft – oft tatsächlich ein Geschäft – der Eliten ist, zu dem sie nicht eingeladen sind, wenn sie nicht gerade zu einer der eng mit der Herrschaftselite verbandelten Familien gehören. Sie können, weil sie täglich mit dem Internet umgehen, in den Wikileaks lesen, für wie korrupt amerikanische Diplomaten die politische Führung ihrer Länder halten. Sie haben oft erlebt, wie willkürlich Polizei und Behörden mit jungen Leuten, mit Landbewohnern, mit Arbeitern oder mit Dissidenten umgehen.

Wenn die gleichzeitigen Erfahrungen die Mitglieder dieser Jahrgänge zu einer Generation gemacht haben, so wurden sie seit 2011, mit dem Beginn des Aufstands in Tunesien, dann in Ägypten und in anderen arabischen Ländern zu einer politischen Generation, die sich als Akteur versteht und von anderen auch so verstanden wird.

Dazu passt, dass die Forderungen, die von den Protestbewegungen gestellt wurden, fast überall dieselben sind – sich aber von Slogans, die man hier in den 80er, 90er Jahren des 20. Jahrhundert bei oft ebenfalls zornigen Protesten hören konnte, deutlich unterscheiden. Von wenigen Einzelfällen abgesehen hieß es eben nicht „Der Islam ist die Lösung“, nicht „Nieder mit Imperialismus und Zionismus“. Die Aufstände waren, auch das unterschied sie von früheren Revolten in verschiedenen arabischen Staaten, unideologisch und, wie der französische Islamwissenschaftler Olivier Roy es nannte, post-islamistisch, brauchten offensichtlich auch keine der Ideologien, die in der arabischen Welt hauptsächlich im Angebot waren: Islamismus und arabischer Nationalismus.

Lesen Sie mehr über die Revolutions-Generation auf Seite 3.

Zur Startseite