Moltke hatte hoffen können freizukommen

Gedenkfeier im Bendlerblock am 20. Juli 2014 Foto: dpa
20. Juli 1944, Attentat auf Hitler Bismarck und Moltke: Nur einer überlebte

In einem Brandenburger Polizeigefängnis kreuzten sich wenige Wochen später die Lebensschicksale von Bismarck und Moltke. Denn in der Polizeistation von Drögen, in der Nähe von Fürstenberg/ Havel, sahen die beiden ihre Ehefrauen wieder. Moltke war Insasse des nahe gelegenen Konzentrationslagers Ravensbrück, Bismarck wurde im Dezember 1944 von Flossenbürg dorthin überstellt und von einer Sonderkommission befragt, die „Spezialfälle“ wie den von Canaris behandelte. Anschließend verlegte man Bismarck zurück in das Gestapo-Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße, das ein britischer Luftangriff am Tag seiner Ankunft zerstörte. Am 7. Februar 1945 wurde Bismarck in das KZ Buchenwald transportiert, wo ihm ein SS-Mann bei der Ankunft eröffnete, dass er seine Habseligkeiten nicht auszupacken brauche. Er werde nicht bleiben. Schon einen Tag später wurde er freigelassen. Während sich Bismarcks Ehefrau, vorübergehend selbst inhaftiert, bei Gestapo-Chef Heinrich Müller nach dem Verbleib ihres Mannes erkundigte, stand der Ex-Regierungspräsident bereits vor der Haustür.

Moltke hatte kurz vor dem 20. Juli 1944, ähnlich wie Hans von Dohnanyi, hoffen können, freizukommen. Müller hatte ihm bei einem Besuch in Ravensbrück anstelle einer Rückkehr ins Oberkommando der Wehrmacht einen Fronteinsatz als Infanterist oder Fallschirmjäger in Aussicht gestellt. Nach dem 20. Juli war alles anders, die Kerngruppe des deutschen Widerstandes fand sich zum Teil in Ravensbrück wieder. Über den „Flurfunk“ hörte Moltke, dass einige der engsten Weggefährten wie Peter York von Wartenburg, Julius Leber und Wilhelm Leuschner nur ein paar Meter von ihm entfernt Zellen bezogen hatten.

Am 27. September 1944 wurde Moltke von Ravensbrück mit kurzem Zwischenaufenthalt im Wehrmachts- und Polizeigefängnis in der Lehrter Straße in die Justizvollzugsanstalt nach Tegel gebracht, in die Nähe seines späteren Hinrichtungsortes. Am 8. Januar 1945 erhielt der 37-Jährige seine Anklageschrift, der Prozess vor dem Volksgerichtshof begann einen Tag später. Zwei Tage bevor die Rote Armee mit dem Sturm auf Ostpreußen begann, wurde am 11. Januar 1945 gegen 16 Uhr das Todesurteil gegen Moltke verkündet.

Entgegen der üblichen Praxis transportierte man Moltke nicht sogleich zum Hinrichtungsort, es sah nach einer Parallele zum Fall Bismarck aus. Moltke hatte vom „Freispruch“ Bismarcks erfahren. Daraus schöpfte er Hoffnung für sich selbst. Der Briefwechsel mit seiner Frau zeigt, dass er bis zur letzten Sekunde gehofft hat, als Träger eines ähnlich großen Namens, als Nachfahre des kongenialen Partners von Bismarck, wie dessen Enkel verschont zu werden. Aber Moltke sollte nicht das Glück haben, das Bismarck zuteil wurde.

Am späten Vormittag des 23. Januar 1945, als sich neue Hoffnung zu regen begann, als nahezu zwei Wochen seit der Urteilsverkündung ins Land gegangen waren, wurde Moltke mit einem Auto abgeholt, das ihn zum Hinrichtungskomplex von Plötzensee beförderte. Nach dem Protokoll der Vollzugsanstalt wurde Helmuth James Graf von Moltke gegen 16 Uhr gehängt, seine Asche gemäß einer Anordnung Himmlers auf Rieselfeldern verstreut.

Beide Fälle, so kann gemutmaßt werden, befanden sich monatelang auf Hitlers Schreibtisch. Gelegentliche Frontbesuche hatten zur Folge, dass sich die Entscheidung über ihr Schicksal immer wieder hinauszögerte. Der zeitliche Ablauf, das Hinausschieben der Hinrichtungsanordnung für Moltke, die nochmalige intensive Befragung von Bismarck durch eine Sonderkommission in Drögen, lassen vermuten, dass der Würfel zugunsten von Bismarck erst in letzter Sekunde fiel. Das Verhalten des Diktators nach dem 20. Juli 1944 legt nahe, dass er eigentlich beide hinrichten lassen wollte.

Mit Sicherheit war der „Fall“ Bismarck für das Regime der „schwerwiegendere“ als die Sache Moltke. Die von Freisler gegen Moltke erhobenen Vorwürfe waren absurd: in Kreisau seien Dinge besprochen worden, „die zur ausschließlichen Zuständigkeit des Führers gehören“. Der Enkel des Reichskanzlers hatte hingegen seit Ende 1942 zum Kreis um Stauffenberg gehört. An seinem Dienstsitz und auf dem Landsitz in Pommern hatten entscheidende Gespräche der Verschwörer stattgefunden. Und: in einem Schließfach im Potsdamer Regierungspräsidium befand sich das Material für Stauffenbergs Bombe. Eine Verwandte des Regierungspräsidenten hatte den übrig gebliebenen Sprengstoff nach dem 20. Juli und nach Bismarcks Verhaftung unter glücklichsten Umständen beiseiteschaffen können.

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