Bismarck und Moltke: Der eine Macher, der andere skrupulöser Denker

Gedenkfeier im Bendlerblock am 20. Juli 2014 Foto: dpa
20. Juli 1944, Attentat auf Hitler Bismarck und Moltke: Nur einer überlebte

Viel spricht daher für die These, dass Potsdam neben Berlin und Paris am 20. Juli 1944 der dritte Brennpunkt des Geschehens sein sollte. Im Bereich des Regierungspräsidenten befanden sich große Truppenübungsplätze und Wehrmachtsschulen, unter anderem eine Panzereinheit, die sich aus Krampnitz auf dem Weg zum Berliner Regierungsviertel befand, ehe sie angehalten wurde.

Moltke war im Gegensatz zu Stauffenberg, Tresckow und Bismarck kein Tätertypus, sondern ein Planer, ein skrupulöser Denker und Moralist. Dietrich Bonhoeffer, der mit ihm im Krieg eine Norwegenreise unternahm, verstand sich mit Moltke nicht, „der ihn etwas langweilte und ungeduldig machte“. Moltke hatte kein Programm für die rasche Herbeiführung eines Waffenstillstandes, sondern Ideen für die Zukunft Deutschlands und Europas. Seit der Formulierung des alliierten „unconditional surrender“ waren derartige Pläne aber illusorisch, der deutsche Widerstand besaß in den Planungen der kommenden Siegermächte keinen Stellenwert. Allerdings beeinflussten Moltkes Ideen die europäischen Widerstandsbewegungen und wurden nach 1945 in gewisser Weise doch noch geschichtsmächtig.

Eine Ermordung Hitlers lehnte Moltke ab. Einige Mitglieder des Kreisauer Kreises entschieden sich am Ende, zur Stauffenberg-Gruppe überzuwechseln. Als Eugen Gerstenmaier im Gefängnis die Tat des 20. Juli rechtfertigte, widersprach Moltke nicht mehr. „Er sagte nicht ja. Er sagte auch nicht nein.“

Warum ließ Hitler Bismarck am Leben? Ein Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes hielt in jenen Tagen in seinem Tagebuch fest: „Der Freispruch erspart dem Regime die Hinrichtung eines Enkels von Bismarck. Dagegen hört man nicht, dass anderen Verschworenen Pardon gegeben werde.“ Viel spricht dafür, dass es genauso war. Hitler, nicht Himmler, war in den letzten Tagen des Dritten Reiches der wahre Herr über Leben und Tod. Er hatte in diesen Wochen einen dritten „Kandidaten“ im Auge: Georg Elser. Dieser hatte es 1939 beinahe geschafft, Hitler mit einer Bombe im Münchner Bürgerbräukeller zu töten. Der Diktator hielt ihn seitdem wie einen Kanarienvogel im Käfig und ließ ihn im April 1945 ermorden, als sich US-Truppen München und dem KZ Dachau, in dem er einsaß, näherten. Gegen Moltke hatte sich der Daumen bereits gesenkt, nur Bismarck überlebte. Hitler räumte damit ein, dass dieser Name, die verbliebenen Fetzen der Kulturnation Deutschland stärker waren als das Tausendjährige Reich.

Bismarck war, obwohl er die KZ-Haft überlebt hatte, nach dem Kriegsende ein gebrochener Mann. Er machte sich Vorwürfe wegen seines anfänglichen Opportunismus gegenüber dem Regime. Sein enger Draht zu Himmler hatte ihm Anfang 1944 noch den Rang eines SS-Brigadeführers eingebracht und damit einen Spielraum, den er zur Rettung von Potsdamer Juden und Regimegegnern entschlossen nutzte. Auch am 20. Juli 1944 hätte diese Camouflage-Möglichkeit eine Bedeutung haben können.

Gottfried Graf von Bismarck kam am 14. September 1949 zusammen mit seiner Frau Melanie bei einem Verkehrsunfall in der Nähe von Verden an der Aller ums Leben. Sein einziger Sohn, Schwiegervater von Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg, hatte als 8-Jähriger seine Eltern davonfahren sehen. Das Schicksal seines Vaters trieb ihn zeitlebens um. Andreas Graf von Bismarck starb am 20. Juli 2013.

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