Nazeeha Saeed, Journalistin aus Bahrain. Foto: Stefan Weger
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Mein EXIL Ich habe mehr zu bieten

Nazeeha Saeed

Nazeeha Saeed konnte in Bahrain nicht frei berichten - und in Deutschland findet sie keinen Job. Dabei gibt es so viele Themen, über die sie schreiben möchte

Zwei Jahre nachdem ich begonnen hatte, als Journalistin in Bahrain zu arbeiten, verkündete der König Großes: Es würde politische Reformen geben, die die kleine Insel im Golf von Arabien in eine konstituionelle Monarchie verwandeln würden. Wir würden ein Parlament, Pressefreiheit, Demokratie haben! Das hoffte ich damals, vor zwanzig Jahren. Doch dann sahen wir, wie die Gesetze so gemacht wurden, dass das Königshaus die Kontrolle über den Wahlprozess behielt und entscheiden konnte, wer ins Parlament kam und wer nicht. In dieser Zeit gewöhnte ich mich an die Schere im Kopf, an Selbstzensur, ich wusste, über welche Themen ich schreiben konnte und welche ich besser ignorieren sollte.

Ich lernte alle Tricks, um keinen Ärger zu bekommen

Ich bin eine gute Journalistin, schnell, recherchestark, ich finde leicht den Weg zu Menschen und Geschichten. Aber ich konnte nicht über die Menschen berichten, die gegen die undemokratischen Wahlen protestierten, weil die Zeitung, für die ich arbeitete, diese Geschichten nicht haben wollte – genausowenig wie das Königshaus.

Als ich begann, für internationale Medien zu arbeiten, gewann ich etwas mehr Freiheit. Ich lernte, auch kritische Geschichten so zu schreiben, dass die Behörden keinen Anstoß daran nahmen – sonst hätten sie mich mit Berufsverbot bestraft. Im Laufe der Jahre lernte ich alle Tricks, welche Wörter ich benutzen durfte und welche nicht, um Ärger mit den Behörden zu vermeiden. Hin und wieder bekam ich dennoch Anrufe oder Besuche, in denen mir mitgeteilt wurde, dass ich dieses oder jenes Thema besser nicht behandeln solle, wenn ich weiter als Journalistin arbeiten wolle.

Die Behörden erteilten mir Berufsverbot

Der Wendepunkt für mich kam 2011. Zehntausende gingen damals auf die Straße und demonstrierten für Freiheit und Demokratie, und es war logisch für mich, dass ich über diese größte politische Bewegung in Bahrain in den letzten fünfzig Jahren berichten musste, den Menschen eine Stimme geben, ihre Forderungen weitertragen musste, jenseits der offiziellen Stellungnahmen und Pressekonferenzen. Aber dafür wurde ich bestraft, verhaftet, gefoltert. Ich war nicht die einzige, viele Kolleginnen und Kollegen wurden verhaftet, weil sie über die Demokratiebewegung geschrieben hatten. Meine Geschichte in Bahrain endete 2016, als die Behörden ihre Drohung wahrmachten, mir meine Akkreditierung entzogen und mir Berufsverbot erteilten.

Der Kampf ist nicht vorüber

Ich habe daraufhin mein Land verlassen, mit einem einzigen Ziel: meine Arbeit fortzuführen. Mir war egal, in welches Land ich gehen würde, sofern ich dort die Freiheit finden würde, die Geschichten zu schreiben, die ich wichtig finde. Nie wieder sollten mich Behörden anrufen, um sich über meine Artikel zu beschweren und mich zu bedrohen!

In Deutschland ist das zum Glück nicht der Fall. Aber das heißt nicht, dass der Kampf vorüber ist. Im Exil gibt es andere Herausforderungen. Wir gehen ins Exil, weil wir zu Hause nicht sicher sind, weil wir unsere Arbeit nicht tun können – und wir treffen auf andere Schwierigkeiten: Wie sollen wir hier einen Job finden, wenn wir die Sprache nicht perfekt beherrschen, wenn die Medienhäuser uns höchstens als gelegentliche Freie beschäftigen möchten? Ich werde immer als Journalistin vom Golf angesehen – ja, das bin ich, und ich liebe es, über die arabische Welt und über Genderthemen zu schreiben. Aber heißt das, dass ich nur über diese Themen berichten darf? Ich habe viel mehr zu geben. Mich interessieren so viele Themen in dem Land, das meine neue Heimat geworden ist.

Aus dem Englischen von Dorothee Nolte. Dieser Text erscheint im Rahmen des gemeinsamen Projekts "Stimmen des Exils" von Tagesspiegel und Körber Stiftung. Der Tagesspiegel hat seit 2016 regelmäßig Texte von Exiljournalist:innen unter dem Titel #jetztschreibenwir veröffentlicht. Die Körber-Stiftung führt Programme durch, mit denen die journalistischen, künstlerischen und politischen Aktivitäten exilierter Menschen in Deutschland gestärkt werden. Dazu zählen Kooperationen mit den Nachrichtenplattformen "Amal, Berlin!" und "Amal, Hamburg!" Weitere Formate sind das "Exile Media Forum", die "Tage des Exils" und "Exil heute".

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