Die Polizei hält Andreas Schaller (Sabin Tambrea, links) für schuldig. Psychiater Joe Jessen (Ulrich Noethen) aber hat große Zweifel. Foto: dpa/ZDF
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ZDF-Krimi "Neben der Spur" Durchs Seelenland

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Der neue „Neben der Spur“-Krimi ist intensiv. Es geht um die großen P's: Polizei, Psychiater, Parkinson, Psychopath

Da sind sie alle versammelt, die großen P’s: Polizei, Psychiater, Parkinson, Psychopath. Die Polizei, das ist der Hamburger Kommissar Vinvent Ruiz (Juergen Maurer), der einen Mord an einem Ehepaar aufklären muss. Und er hat schnell einen Schwerstverdächtigen, den Angestellten Andreas Schaller (Sabin Tambrea). Schaller will am Tatort einen „blonden Engel“ und einen „Schneemann“ gesehen haben. „Der Verdächtige ist ein Fall für den Psychiater“, erkennt Maurer. Also bittet er Joe Jessen (Ulrich Noethen) um dessen Einschätzung. Jessen ist unwillig, seine Liaison mit der Polizei dürfte ihn seine Ehe gekostet haben. Für den Psychiater kommt Schaller als Täter nicht in Frage, zu strukturiertem Denken, Voraussetzung für den Mord, dürfte er nicht in der Lage sein.

Ruiz, der ermittelnde Grobmotoriker, und Jessen, der analysierende Feinmechaniker, geraten aneinander. Das ist einer der Fixpunkte für die Krimireihe „Neben der Spur“ nach den Romanen von Michael Robotham. „Sag, es tut dir leid“ ist Nummer fünf, Jürgen Werner und Mathias Klaschka haben die Vorlage fürs Zweite adaptiert. Fehlt noch das vierte P: Jessen leidet an Parkinson, die Krankheit macht sich mehr und mehr bemerkbar. Und dann sind dann noch die Trennung von seiner Frau Nora (Petra van de Voort) und die gemeinsame Tochter Charlotte (Lilly Liefers). Charlotte scheint an mit dem Vater gemeinsam verbrachten Stunden wenig Interesse zu haben, was Joe Jessen auch nicht gerade aufbaut. Dann verschwindet die Tochter, ist unauffindbar, der Vater fühlt Panik in sich aufsteigen.

Der Fall der "Elbemädchen"

Weil sich in Charlottes Verschwinden der Fall der beiden „Elbemädchen“ spiegelt. Sie sind vor zwei Jahren verschwunden, eine von ihnen ist erschlagen an den Elbestrand gespült worden. Jessen sieht eine Verbindung zwischen den Morden. Kommissar Ruiz geht davon aus, dass das zweite Mädchen noch lebt, nicht anders Jessen, der vom Täterprofil her eine akute Lebensgefahr für Pia Hansen sieht: „Ein Einzelkämpfer gegen eine verkommene Welt. Er sehnt sich nach Ordnung, ist sehr diszipliniert, anpassungsfähig, aber ohne jeden moralischen Kompass.“ Anders: Die Zeit drängt, sie drängt sehr, die Ermittler sehen sich unter enormem Druck. Ruiz bebt, treibt seine Kollegin Anna Bartholomé (Marie Leuenberger) wie das ganze Team an. Jessen schnauzt er an: „Doktor, ich warne Sie - ich bin gerade in der Stimmung, jemandem die Fresse zu polieren.“

Der Psychiater reagiert nach außen gelassen, im Inneren sucht ein gebrochener Mann nach Halt und Haltepunkten. Was außer seinem professionellem Können ist ihm noch geblieben? Er bewegt sich in der Spur und neben der Spur.

Der aktuelle Fall „Sag, es tut dir leid“ lässt die spannende Ermittlung und die Spannung in den Zentralfiguren geschickt und überzeugend ineinanderfließen. Die Szenen, die Pia Hansen in ihrem Gefängnis zeigen, kommen klar aus der Opferperspektive, der Sadismus des Täters wird nicht visuell ausgeschlachtet.

Blauschwarz ist Hamburg

Natürlich setzt Regisseur Thomas Roth auf tiefwühlende Emotion, wie auch anders, wenn es um entführte, gequälte und ermordete Teenager geht, Hauptfigur Jessen physisch und psychisch schwer angegriffen ist und die Freie und Hansestadt Hamburg wieder und wieder in blauschwarze Düsternis getaucht wird. „Neben der Spur“ ist ein Krimi und zugleich eine Reise durch seelische Dispositionen. Gute-Laune-Freaks kann das nicht empfohlen werden.

Juergen Maurer spielt seinen Kommissar Ruiz konsequent „bullig“. Er hat in seinem Beruf zu viele Leichen gesehen. Humorlos und kraftvoll, aber eben nicht von einer überragenden Souveränität. Wie soll das auch funktionieren, wenn eine erfolgreiche Fahndung nur die Fahndung nach dem nächsten Täter ist?

Ulrich Noethen setzt seinen Joe Jessen seiner Krankheit und seinen offenbar scheiternden Lebensumständen aus. Natürlich hat der Psychiater brillante Momente, assoziiert scheinbar unzusammenhängende Fakten und Beobachtungen zu Beweiskette und Gesamtbild. Noethen hat seine Figur fest im Griff, die sich wiederum nicht im Griff hat. Das ist nicht weniger als superbe Schauspielkunst.

„Neben der Spur: Sag, es tut dir leid“, ZDF, Montag, 20 Uhr 15

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