Besonderes Geschichtserlebnis. Mit der Gedenkstätte Hohenschönhausen hat IntoVR einen 360-Grad-Film produziert, bei dem Zuschauer die Rolle eines Häftlings der DDR-Staatssicherheit übernehmen können. Foto: IntoVR
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Virtual-Reality-Konferenz Mittendrin statt nur davor

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Die Konferenz VR Now schaut mit 360-Grad-Blick in die Zukunft. Bis 2020, hofft die Branche, könnten eine Viertel Milliarde Menschen die Technik nutzen.

„Bilden Sie sich ja nicht ein, dass wir diese konterrevolutionäre Situation nicht in den Griff bekommen“, sagt der Stasi-Offizier anfangs noch ganz leise, um sich dann ganz nah vor den Häftling zu stellen und ihn anzuschreien: „Was wollten Sie in der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik?“ Nach dem Verhör geht es ins Stasi-Gefängnis. „Ausziehen, runter mit der Hose. Backen auseinander, wir wollen auch Ihre Geschlechtsteile sehen“, wird der Häftling aufgefordert, dann gibt es eine Decke für die Nacht. Die Szenen sind Teil eines neun Minuten langen Videos. Gezeigt wird es den Besuchern der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen als so genannter 360-Grad-Film. Der Betrachter setzt sich dafür eine VR-Brille auf und wird so für kurze Zeit selbst zum Häftling im Stasi-Knast. Um Projekte wie dieses geht es auf der zweitägigen Veranstaltung VR Now, die am Mittwoch mit einer Konferenz in Potsdam begann und am Donnerstag mit einem Workshop in Berlin fortgesetzt wird.

Der Stasi-Film wurde von der Berliner Firma IntoVR hergestellt, die sich mit einem sechsköpfigen Team auf die Auftragsproduktion von journalistischen VR-Projekten spezialisiert hat. Auch für den Schweizer „Blick“ waren die Berliner tätig, haben VR-Reportagen aus der Ost-Ukraine, dem Irak und den Banlieus von Paris produziert. Mit ähnlichen Reportagen vom Kampf gegen den IS hatte auch die "New York Times" für Aufsehen gesorgt. CNN hat im Frühjahr sogar eine eigene VR-Nachrichteneinheit ins Leben gerufen.

Die VR Now findet zum zweiten Mal statt. Mit der Konferenz und dem VR Now Award will die Region Berlin-Brandenburg die Kompetenz in diesem Wachstumsmarkt demonstrieren. „Wir müssen uns nicht hinter großen Namen aus den USA oder China verstecken“, sagt Stephan Schindler, Chef des Interessenverbandes Virtual Reality Berlin Brandenburg, der die vom Medienboard Berlin-Brandenburg geförderte Konferenz veranstaltet.

Dem VR-Verein gehören mehr als 50 Partner aus der Region an

Dem Verein mit seinen über 50 Mitgliedern gehören die Ufa und das Studio Babelsberg genauso an wie die Filmuniversität Konrad Wolf, das Hasso-Plattner-Institut, der RBB sowie große Technologiefirmen wie Microsoft und die Telekom und VR-Spezialisten wie Exozet, INVR Space und Wonderlamp. Als wichtiger Vorteil der Region gilt die räumliche Nähe von Berlin und Potsdam. „Hier trifft die Erzählkompetenz der Film- und Fernsehproduktionsfirmen rund um Babelsberg auf die starke High-Tech-Start-up-Szene in Berlin. Während zwischen Hollywood und San Francisco eine Flugstunde liegt, braucht man in der Hauptstadtregion nur ein paar Minuten mit der S-Bahn von Berlin nach Potsdam“, sagt Schindler.

Der VR-Now-Hauptpreis, der am Mittwochabend vergeben wurde, ging an das Pionierprojekt „Foren Method“ von The Vrain, das auch in der Kategorie Impact siegreich war. Mittels VR-Unterstützung öffnet es einen neuen und revolutionären Weg in der Behandlung von neurologischen Schäden. Die VR-Erfahrung hilft dabei, physische Schäden wie Wirbelsäulenverletzungen, die Folgen eines Schlaganfalls, Multiple Sklerose und andere Krankheiten zu lindern und die Heilung nachhaltig zu unterstützen.

Das Exit-Game "Huxley" gewinnt den VR Now Award 2017 in der Kategorie Entertainment. Screenshot: Exit VR/Promo
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Ein VR Now Award für Berlin

Ein Preis geht auch nach Berlin. Das VR-Game „Huxley“ von Exit VR wurde in der Kategorie Entertainment ausgezeichnet. Bei dem Location Based Entertainment-System wird die virtuelle Welt gemeinsam als Team erlebt, um in diesem Fall die Menschheit zu retten. Den VR Tech Award erhielt HolodeckVR. Dabei handelt es sich um eine Echtzeit- und Hochpräzisions-VR Technologie, die große Räume in virtuelle Umgebungen transformiert, die man gleichzeitig mit einer großen Anzahl von Nutzern betreten kann.

Beim Lisim-Simulator für Turmdrehkrane von Stoll von Gáti, der den VR Industry Award gewann, handelt es sich um eine Mixed-Realtiy-Anwendung, mit der Kranführer durch die Kombination der realen Steuerelemente mit der virtuellen Umgebung einer künftigen Baustelle unter verschiedenen Schwierigkeitsstufen und Wetterbedingungen einen künftigen Kraneinsatz trainieren können. Der Award wurde ebenso wie die Konferenz von Booster Space durchgeführt.

Beim Lisim Simulator für Turmdrehkrane sieht der Kranführer durch die Brille seinen künftigen Einsatzort. Auf der Brille befindet sich eine Kamera, so dass er zudem beobachten kann, wie er mit seinen Händen die realen Instrumente benutzt. Foto: Stoll von Gáti
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Virtual Reality gilt als Wachstumsmarkt. Optimistische Prognosen rechnen damit, dass im Jahr 2020 eine Viertel Milliarde Menschen die Technik nutzt und dass mit VR 60 Milliarden Dollar verdient werden. Die Anwendungsfelder reichen von Games sowie Film und Fernsehen über Forschung und Wissenschaft und Wirtschaft (Simulationen, Entwicklung) bis hin zum Journalismus. Doch genauso groß ist die Vielfalt der technischen Systeme. Neben grafisch besonders anspruchsvollen VR-Brillen wie Oculus Rift oder HTC Vive gibt es weniger kostspielige VR-Systeme, bei denen ein Smartphone in eine dafür geeignete Halterung gesetzt wird wie bei Samsung Gear oder Googles Daydream. Die Vielzahl der Geräte hemmt allerdings die Entwicklung des Marktes, da die Anwendungen an jedes System angepasst werden müssen. Einen einheitlichen Standard vergleichbar mit der Internet-Konvention HTML gibt es nicht.

Für National Geographics hat das Unternehmen Black Dot Films VR von Max Salomon bereits mehrere beeindruckende VR-Reportagen erstellt. In einem zweiteiligen Film kann der Betrachter zum Beispiel mit zwei Wissenschaftler auf die 3000 Jahre alten Sequoia-Baumgiganten in Kalifornien klettern. Auf Facebook haben bereits 20 Millionen Menschen den Film gesehen, mit dem den Zuschauern vor Augen geführt werden soll, was der Verlust dieses einmaligen Ökosystems bedeutet. Die 40.000 Facebook-Kommentare unter den Filmen zeigen nach Salomons Worten, was für eine Debatte ein VR-Film anstoßen kann - auch unter Menschen, die den Klimawandel nicht wahrhaben wollen. Die Meisten haben sich den Film allerdings mit einem Smartphone oder Tablet angesehen, nicht durch die VR-Brille. "Noch werden aus Millionen Tausende", bedauert der VR-Pionier.

"VR wird ein fester Bestandteil des Fernsehens"

Qualitativ hochwertige Produktionen, in die die Zuschauer eintauchen können, stehen bei den TV-Sendern in der Prioritätenliste zwar nicht ganz oben, sagt Maria Courtial, die mit ihrer Produktionsfirma Faber Courtial bereits seit Jahen aufwändige VR-Projekte unter anderem für das ZDF ("Hapes Helden", "Volcanos VR") herstellt. "Aber VR wird ein fester Bestandteil des Fernsehens werden", ist sie sicher. Erfolgreich sind solche Produktionen allemal, so wie das bislang größte VR-Projekt des WDR. Das mit einem Grimme-Online-Award ausgezeichnete 360-Grad-Projekt Dom360 lädt zu einer Zeitreise mit dem Kölner Dom ein. Gerade noch steht der Zuschauer im Hier und Jetzt auf der Domplatte, wenn plötzlich die Häuser rund um den Dom in Schutt und Asche liegen, weil man sich nun in der Zeit direkt nach dem Ende des zweiten Weltkrieges befindet und dann noch weiter zurück ins Mittelalter reist.

Ein schneller Erfolg der VR-Technik wird vor allem durch die noch sehr geringe Verbreitung der nötigen Technik behindert. Erst acht Prozent der Deutschen besitzen eine VR-Brille, hat Next Media Hamburg in einer Studie herausgefunden. Das Interesse an der neuen Technik ist allerdings vorhanden. 83 Prozent der Befragten haben bereits eine VR-Brille ausprobiert oder wollen dies in Zukunft tun. Jeder fünfte Befragte gab an, dass er sich im kommenden Jahr eine VR-Brille entweder für den privaten oder beruflichen Einsatz anschaffen will. Damit würde Ende 2018 jeder vierte Deutsche über die nötige Technik verfügen.

Darauf hofft auch das Berliner Start-up Staramba, das derzeit ein soziales Netzwerk für fotorealistische Avatare entwickelt. Die Nutzer sollen damit in der virtuellen Welt mit ihren Idolen interagieren können. Das Unternehmen baut dafür eine Datenbank unter anderem mit Fußballern vom FC Bayern München, der deutschen Nationalelf und Real Madrid auf, auch Stars aus Musik und Entertainment sollen in das VR-Netzwerk integriert werden. Derzeit kann man zusammen mit Elvis Presley singen oder ihn am Schlagzeug begleiten. Das ist dann auch weniger erschreckend als ein Besuch im Stasi-Knast.

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