Das Wintersportgebiet Schreiberhau im Riesengebirge verzaubert die Besucher durch seine atemberaubende Schneelandschaft. Foto: Martin Hildebrandt
© Martin Hildebrandt

Magazin Winter Piste für die Städter

Martin Hildebrandt

Nach Jahren der Vergessenheit ist die Stadt Szklarska Poreba im Riesengebirge auf dem besten Weg wieder zum beliebten Reiseziel zu werden.

Dunkle, mächtige Holzbalken schützen die Fassade des zweistöckigen Hauses mit seinen kleinen Fenstern. Die Wände dick wie die einer Burg. Seit fast 100 Jahren trotzt die Pension "Jas I MaLgosia" den langen Wintern in Szklarska Poreba. Hänsel und Gretel heißt der Name übersetzt. Passend für ein Holzhaus in der verwunschenen, sagenumwobenen Bergregion am Rande von Polen, Tschechien und Deutschland. Die Herberge liegt über dem Stadtzentrum auf rund 700 Höhenmetern, am Fuße des 1 362 Meter hohen Bergs mit dem Namen Reifträger, polnisch Szrenica. Noch im Juni kann im Riesengebirge Schnee fallen - nur drei Stunden von Berlin entfernt.

Szklarska Poreba gehört zu den boomenden Städten Polens. Investoren aus dem In- und Ausland bauen seit einigen Jahren Wellnesshotels mit wohlklingenden Namen wie "Blue Mountain", "Cristal" oder "Kristina Spa".

Polen erlebt ein Wirtschaftswunder und wer partizipiert, gönnt sich Urlaube oder Wochenenden hier. In luxuriösen, aber für westeuropäische Verhältnisse noch günstigen Herbergen, bei Zimmerpreisen zwischen 30 und 100 Euro. Wie beliebt der Ort geworden ist, verdeutlichen auch die Zahlen des Tourismusbüros von Szklarska Poreba. Danach hat es 2010 350 000 Gäste gegeben, 2017 zählte man bereits 785 000 Gäste, also doppelt so viele. Und im nächsten Jahr könnte die Millionenmarke geknackt werden.

Angesichts der Architektur versteht man warum diese Person "Hänsel und Gretel" heißt. Foto: Martin Hildebrandt Vergrößern
Angesichts der Architektur versteht man warum diese Person "Hänsel und Gretel" heißt. © Martin Hildebrandt

Kleine, familiengeführte Pensionen wie "Jas I MaLgosia" haben es da immer schwerer mitzuhalten. "Wir haben das Haus 2001 von der Regierung gekauft und saniert", erzählt die 35-jährige Majka Pietrzak. Damals gab es vor allem staatliche Gruppenunterkünfte und einfache Pensionen in Szklarska. Dank vieler Stammgäste, die den persönlichen Kontakt schätzen, konnten sie sich aber über Wasser halten. Auch wegen der Nähe zu den Liftanlagen. Dennoch ist der Wandel offensichtlich, verändert sich das Aussehen der Gemeinde doch rasant. Spätestens 2004 mit dem Beitritt zur Europäischen Union kam der Aufschwung - beziehungsweise ein Investor nach dem anderen. Wo die einen aufbauen, reißen die anderen ab. So verschwinden Bausünden aus der sowjetisch geprägten Zeit, werden Plattenbauten abgetragen und durch schmucke Häuser ersetzt.

Künstler aus Berlin faszinierte die Schönheit der Natur

Dass Szklarska Poreba so beliebt ist, kommt nicht von ungefähr. Anfang des letzten Jahrhunderts waren es die Berliner Dichter, Maler und Schriftsteller, die von der Schönheit der Natur fasziniert waren und sich in Schreiberhau, dem heutigen Szklarska Poreba, niederließen. Der bekannteste war der Dichter Gerhart Hauptmann. "Eines Tages, während einer Bergwanderung, erblickte ich aus der Höhe jenes Tal und dachte mir, dass es gut wäre, hier ein Haus zu bauen. Von dieser Idee begeistert und geblendet ging ich durch die Wälder, lief auf dem Steg zwischen den Wiesen hinunter und innerhalb von einigen Stunden erledigte ich den Kauf des Dorfhauses mit zugehörigem Grund, Wiese, Hain und kleinen Quellen." 1890 kaufte Hauptmann das Haus in Schreiberhau und ließ sich schließlich sogar ganz nieder. Hier schrieb er unter anderem seinen weltberühmten Roman "Die Weber" Sein Haus wurde Treffpunkt der preußischen Künstler und Philosophen. Vom Schriftsteller Wilhelm Bölsche über den Maler Otto Müller bis zum Soziologen Werner Sombart. Es war die Zeit der Naturalisten, die das einfache Leben suchten. Einfacher zu erreichen war dies durch den Bau der Eisenbahnen, die es Städtern erleichterte, das Umland und die Naturwunder zu besuchen. 1891 begannen die damals benachbarten Staaten Preußen und Österreich mit den schwierigen Arbeiten an einer Bahnlinie durch das Riesengebirge.

Über den Wolken befinden sich naturell geformte Schneeskulpturen. Foto: Martin Hildebrandt Vergrößern
Über den Wolken befinden sich naturell geformte Schneeskulpturen. © Martin Hildebrandt

1902 hielten die ersten Züge der Zackenbahn in Schreiberhau. Direkt vom Görlitzer Bahnhof ging es in vier Stunden mit Schnellzügen nach Schreiberhau. Es gibt Berichte über Tanzwagen, die die Wintersportler morgens in den Gebirgsort brachten und abends wieder zurück. Reiseführer priesen die gute Luft und das angenehme Klima. Bauden, so heißen die Berghütten dort, lockten mit Pauschalangeboten. Und das nicht nur im Sommer, denn der Wintersport im Riesengebirge ist so alt wie der in den Alpen. Bereits um die Jahrhundertwende fuhr man mit alpinen Ski die Abhänge des Reifträgers herunter. Alte Fotos im Hotel "Neue Schlesische Baude" zeugen davon.

Fast 2000 Leute bringt der Skilift stündlich auf den Berg

Skifahren können Wintersportler auch heute wieder gut im Riesengebirge. Vorbei die Zeiten, in denen die Wartezeit am Lift bereits einen halben Skitag verschlang. Der Karkonosz Express, 2010 gebaut, bringt fast 2 000 Personen pro Stunde auf den Berg. 1,4 Kilometer ist die Liftfahrt lang und dauert keine zehn Minuten. Während im Tal nur noch wenig Schnee liegt, türmt er sich hier oben fast zwei Meter hoch. Mehr als in den Alpen zur gleichen Zeit. Bizarr sehen die Felsen und Liftstangen aus. Eine fraktale Eisschicht überzieht alles, wie auf einer Polarstation. Dennoch hat auch hier der Klimawandel zu schneearmen Wintern geführt. Winterstürme vom Atlantik bringen feuchtwarme Luft bis nach Polen. Bleibt der Schnee aus, sollen Schneekanonen weiterhelfen. 2017/18 ging die Saison von Dezember bis April. Insgesamt umfasst das Gebiet zwölf Pistenkilometer. Im Vergleich zu den Alpen wenig, im Vergleich zum deutschen Mittelgebirge viel. 4,4 Kilometer misst die längste Abfahrt. Man hat sie nach der italienischen Schauspielerin "Lolobrygida" genannt - wegen der vielen Kurven.

Es gibt sogar eine schwarze Abfahrt, die den Regeln der FIS für Wettkämpfe genügt und bis zu 50 Prozent Gefälle aufweist. Und für Anfänger gibt es einen breiten, 1,4 Kilometer langen Übungshang, der zudem zum Nachtski einlädt.

Aber auch Langläufer kommen im polnischen Riesengebirge auf ihre Kosten. Im Stadtviertel Jakuszyce (Jakobsthal) - ungefähr acht Kilometer vom Zentrum Szklarska Porebas entfernt - hat sich ein Langlaufzentrum entwickelt, das von Experten für eines der besten in Europa gehalten wird. Jakuszyce liegt auf 900 Metern, die klimatischen Bedingungen entsprechen aber eher einer Höhe von 1 500 Metern. Von hier aus geht es sowohl ins Riesengebirge als auch ins Isergebirge. Fast 200 Kilometer Loipen verbinden Tschechien und Polen. Der Piastenlauf (Bieg Piastów) gehört zu den größten Langlauf-Wettkämpfen der Welt mit rund 5 000 Teilnehmern.

Die steile Abfahrt "Lolobrygida" eingedeckt in Schnee. Foto: Martin Hildebrandt Vergrößern
Die steile Abfahrt "Lolobrygida" eingedeckt in Schnee. © Martin Hildebrandt

All diese Zahlen sollen aber nicht davon ablenken, was den eigentlichen Reiz des Gebietes ausmacht: die unberührte und wilde Natur. Ein Großteil ist Nationalpark, einige Täler sind seit Jahrhunderten unbewohnt. Geübte Langläufer schnallen sich eine Lampe auf den Kopf und ziehen nachts über den Gebirgskamm. Manch einer soll im Mondlicht dem Berggeist Rübezahl begegnet sein. Ihm wird ein ambivalentes Verhalten nachgesagt, mal gut, mal böse. Und so verhält es sich auch mit dem Riesengebirge. Wintersportler unterschätzen oft die Gefahren des harmlos wirkenden Mittelgebirges. Schnell kann das Wetter umschlagen. Es kommt sogar immer wieder zu Todesopfern durch Lawinen.

Bei einem Wetterumschwung also besser im Hotel bleiben. Vom beheizten Außenpool aus ist der Blick auf einen Schneesturm gemütlicher.

Zur Startseite