Szene aus dem Corona-Ausschuss am Freitag. Screenshot:Youtube
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Lügen und Hetze im Berliner „Corona-Ausschuss“ Im Impfstoff sind „so etwas wie lebendige Kraken“

Mit wirren Theorien schürt der „Corona-Ausschuss“ Angst vor dem Impfen. Jetzt will er als gemeinnützig anerkannt werden.

Wie viele Falschinformationen, Fehlprognosen, NS-Relativierungen und Spendenaufrufe (fürs eigene Konto) passen in eine Youtube-Sendung?

Kommt darauf an, wie lang sie ist. Die neueste Folge des sogenannten „Corona-Ausschusses“ dauert fünf Stunden und 55 Minuten, das ist guter Durchschnitt für dieses Format, und es fällt schwer, sich zu entscheiden, welche Momente dieses Mal zu den perfidesten gehören. 

Da ist der Experte, der warnt, Ungeimpfte könnten bald abgeholt und in Konzentrationslager gesteckt werden. Es drohe eine „Menschenjagd“, und liebende Eltern müssten ihre Kinder dann zuhause vielleicht unter den Brettern des Fußbodens verstecken, damit diese nicht totgespritzt würden. 

Da ist der Mann, der behauptet, Israels Regierung führe gerade einen Holocaust an der eigenen Bevölkerung durch („Das sieht man daran, wie viele Menschen an den Impfungen sterben“). Ein Gast erklärt, im Impfstoff gegen Corona befänden sich „so etwas wie lebendige Kraken“. Niemand in der Runde zweifelt das an.

Youtube lässt den Kanal gewähren

Während Youtube mittlerweile konsequenter gegen Falschinformationen zum Coronavirus vorgeht und erst diese Woche mehrere Kanäle gesperrt hat, bleibt einer der schlimmsten und populärsten Verbreiter von Lügen bislang weitgehend unbehelligt. Jede Woche sind die Ausschusssitzungen, die von der Berliner Firma „Ovalmedia“ des Filmemachers Robert Cibis in einer Wohnung in Moabit aufgezeichnet werden, live auf Youtube und anderen Streaming-Plattformen zu sehen. Die Links werden anschließend zigtausendfach von Verschwörungsgläubigen über Telegram, Whatsapp und Twitter geteilt. 

In den Sitzungen lassen die vier Gründer stundenlang Coronaverharmloser und Impfgegner aus dem In- und Ausland zu Wort kommen, zwischendurch wird immer wieder dazu aufgerufen, den Ausschuss mit Spenden zu unterstützen.

Szene aus dem aktuellen Corona-Ausschuss. Screenshot: Youtube Vergrößern
Dieser angebliche Experte fantasiert von einem neuen Holocaust. © Screenshot: Youtube

Diese Spenden könnten nun deutlich zunehmen: Denn der Corona-Ausschuss pocht auf Gemeinnützigkeit. Damit wären Geldspenden künftig von der Steuer absetzbar. 

Auf Telegram haben die Macher jetzt „gute Nachrichten“ verkündet: Man habe soeben „erfahren, dass der Anerkennung des Corona-Ausschusses als gemeinnützig von Seiten des Finanzamts nichts mehr im Weg“ stehe. Damit löse sich „ein langer, zäher Kampf“ in Wohlgefallen auf. 

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Zentrale Figuren der wöchentlichen Sendungen sind die Anwältin Viviane Fischer, die der Öffentlichkeit vor der Pandemie als die Berliner Hutmacherin Rike Feurstein bekannt war, sowie der Verschwörungsideologe Reiner Fuellmich. Dieser ist gerade erst als Kanzlerkandidat der Querdenkerpartei "Die Basis" gescheitert. Nachdem er seinen Anhängern wochenlang massiv Hoffnungen gemacht hatte und von einem Potential von 30 Prozent der Wählerstimmen sprach, landete die Partei bei der Bundestagswahl bei nur 1,4 Prozentpunkten

Er wehrt sich: Der Tagesspiegel habe sich das ausgedacht

Reiner Fuellmich ist für spektakuläre Fehleinschätzungen bereits bekannt. Im Februar hatte er etwa prophezeit, der Impfstoff gegen Corona werde 25 Prozent aller Deutschen direkt umbringen und bei weiteren 36 Prozent potentiell tödliche Nebenwirkungen hervorrufen, die Regierung plane eine „organisierte Massentötung“. Für diese Lüge  hat er sich bei seinen Anhängern nie entschuldigt. Stattdessen behauptet Fuellmich inzwischen, der Tagesspiegel habe sich diese Aussagen nur ausgedacht. Allerdings sind sie gut dokumentiert und öffentlich abrufbar.

[Lesen Sie hier bei T+: Wie Reiner Fuellmich seinen Anhängern eine Schadensersatzklage gegen Christian Drosten verspricht]

Neben Fuellmich versuchen auch andere Verschwörungsideologen seit Monaten, die Menschen durch Panikmache vom Impfen abzuhalten, zum Beispiel der Schlagersänger Michael Wendler. Dieser verbreitete erst kürzlich auf Telegram eine „letzte Warnung“. Sie lautete: „Im September sind fast alle Geimpften tot.“  Eine Erklärung, warum die Vorhersage nicht eingetroffen ist, hat Michael Wendler keine.

Warum leben die Geimpften noch?

Dafür aber der Mann, der an diesem Freitag im Berliner Corona-Ausschuss zu Gast ist. Seine Erklärung ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich Verschwörungsgläubige immer tiefer in ihrer Fantasiewelt verlieren und stets noch bizarrere Behauptungen erfinden, um die offensichtliche Realität - das eigene Falschliegen - nicht anerkennen zu müssen: 

Der Gast erklärt, der Impfstoff gegen Corona sei zweifellos mörderisch und werde von der Regierung eingesetzt, um systematisch die Bevölkerung umzubringen. Doch damit dieser böse Plan nicht sofort auffalle, werde das Gift zunächst nur einem Teil der Impfwilligen gespritzt. Die Mehrheit bekomme dagegen erst einmal Placebos injiziert, also eine komplett wirkungslose Substanz, die zwar ebenfalls nicht vor Corona schütze, aber auch nicht den Massentötungsplan offenbare. Die tödliche Dosis solle dann erst später bei Auffrischungsimpfungen verabreicht werden.

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Niemand in der Sendung kommt auf die Idee, diesen Unsinn in Frage zu stellen. Im Gegenteil: Der vermeintliche Experte wird gelobt. Der Coronaverharmloser Wolfgang Wodarg, selbst Dauergast des Ausschusses, kommt zum Fazit: „Der hat es durchschaut.“

In der Szene ist man inzwischen selbst verwundert, warum Youtube ausgerechnet den Kanal des Berliner Corona-Ausschusses noch nicht gesperrt hat. Andere Akteure haben das konsequentere Vorgehen der Plattform bereits zu spüren bekommen. Die Filmfirma „Ovalmedia“  etwa, die den Ausschuss überträgt, hat für ihren eigenen Youtube-Kanal schon mehrfach Verwarnungen erhalten. Zudem kündigte die Volksbank Ovalmedia das Firmenkonto.

Komplett gesperrt wurden die Youtube-Kanäle von KenFM und Nuoviso, beide hatten massiv Verschwörungsmythen verbreitet.

Paul Brandenburg verbreitete Tipps zum Impfpass-Fälschen. imago/Müller-Stauffenberg Vergrößern
Paul Brandenburg verbreitete Tipps zum Impfpass-Fälschen. © imago/Müller-Stauffenberg

Betroffen ist auch der Arzt und Aktivist Paul Brandenburg. Nachdem er der Bundesregierung zuletzt wiederholt „Faschismus“ unterstellte, Markus Söder auf Twitter als „Faschisten“ beschimpfte, gegen einen angeblichen „Merkel-Faschismus“ wütete und seine Anhänger dazu aufrief, „endlich alle Eure Masken" abzunehmen, behauptete er auch, es habe „aus ärztlicher Sicht nie eine Corona-Pandemie in Deutschland“ gegeben. Für letztere Aussage wurde er für eine Woche vom Kurznachrichtendienst gesperrt. 

Ein Arzt erklärt, wie man Impfpässe fälscht

Später verbreitete Paul Brandenburg über Twitter ein Video, in dem er detailliert erklärte, wie sich ein Impfpass fälschen lässt („Impfpass fälschen: So einfach geht's“). Twitter reagierte mit einer weiteren Sperre. Youtube löschte das Video. Ein weiteres Brandenburg-Video löschte Youtube wegen „Cybermobbings“.  

Paul Brandenburg erkennt in den Maßnahmen der beiden Plattformen einen „faschistischen Geist“.

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In diesem Video wirbt Robert Cibis um Spenden für seinen Corona-Kinofilm. Screenshot:Youtube Vergrößern
In diesem Video wirbt Ovalmedia-Chef Robert Cibis um Spenden. © Screenshot:Youtube

Der Berliner Corona-Ausschuss trifft unterdessen Vorkehrungen für den Fall, dass man selbst doch noch ins Blickfeld von Youtube gerät. Künftig möchte man zusätzlich über das Darknet agieren. Die Anhänger werden schon einmal gebeten, den entsprechenden Browser herunterzuladen.

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