Blick auf die Kaskade und das Herkulesdenkmal: Seit 2013 ist der Bergpark Bad Wilhelmshöhe in Kassel Weltkulturerbe. Foto: imago images/Eibner
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Zurück zu den Wurzeln (5) Die zerbombte Pracht von Kassel

Verreisen ist schwierig. Und zu Hause sind alle Covid-Ecken ausgeleuchtet. Wir gehen in dieser Sommerserie an den Anfang zurück – an die Orte, wo wir aufgewachsen sind: Urlaub in der Kindheit und Jugend. Diesmal in Kassel.

Es hat wohl einen guten Grund, dass die Redewendung „Ab nach Kassel!“ heute so viel bedeutet wie: „Nichts wie fort von hier!“ Einst riefen es deutsche Soldaten dem gefangen genommenen Kaiser Napoleon III. nach, als dieser in Nordhessen interniert werden sollte. 

Doch der spöttische Tonfall, der mir heute entgegenschlägt, sobald ich mich als Kasselaner oute, verrät: Freiwillig scheint auch heute kaum jemand dorthin zu wollen.

Die drei häufigsten Assoziationen mit der Stadt: 1.) „Da bin ich schon mal umgestiegen“ 2.) „Da ist doch die Documenta“ und 3.) „Die verfluchten Kasseler Berge“. Letztere Beschwerde ist auf die groteske Streckenführung der A7 zurückzuführen, die jedes Fahrzeug in einen niedrigen Gang zwingt. 

Sogar Goethe schwärmte von Kassel

1933 war die Autobahn eine technische Kraftmeierei und sollte reizvolle Fernblicke im Sinne der nationalsozialistischen Landschaftsästhetik ermöglichen. Und was muss das für ein Panorama gewesen sein auf diese Stadt, die von Reisenden mal als einer der schönsten Orte Europas gehuldigt wurde. 

Sogar Goethe schrieb: „Wie düster aber auch in der letzten und schwärzesten aller Nächte meine Gedanken mochten gewesen sein, so wurden sie auf einmal wieder aufgehellt, als ich in das mit hundert und aberhundert Lampen erleuchtete Cassel hineinfuhr.“

Doch dieses Kassel ist nicht mehr, seit es von tausenden und abertausenden Bomben eingeäschert wurde. Auch ein Resultat des Nationalsozialismus. 97 Prozent der Altstadt der einstigen „NS-Waffenschmiede“ wurden 1943 zerstört, auf jeden Quadratmeter fielen durchschnittlich zwei Brandbomben. 

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Statt die historischen Gebäude zu rekonstruieren, wurden diese nach dem Krieg „autogerecht“ abgerissen. Die einst prunkvolle Architektur der Residenzstadt wich grauen Nachkriegsbauten. „Noch heute ist Kassel die einzige Stadt der DDR, die im Westen liegt“, heißt es im Buch „Öde Orte“.

Doch was heute abschreckt, galt einst als progressiv. Auch politisch galt Nordhessen lange als fortschrittlich. Deswegen hatten sich meine Eltern hier für das Leben in einer Landkommune im Umland von Kassel entschieden – der Traum von einer naturnahen Existenz. 

In einer waldreichen Mittelgebirgslandschaft, die einst die Brüder Grimm zu ihren Märchen inspiriert haben sollen. Nah am Nationalpark Kellerwald-Edersee, wo man sich zwischen riesigen Buchen verlaufen kann und Waschbären die Vorräte stehlen.

Bergpark Wilhelmshöhe seit 2013 Unesco-Weltkulturerbe

Wer hätte es für möglich gehalten, dass ausgerechnet ein vermeintlicher Unort wie Kassel mit dem Bergpark Wilhelmshöhe ins Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen wird? Spätestens seit 2013 werden nun alle Gäste zu den Wasserspielen im größten Bergpark Europas geschleift. 

Eingerahmt von der gigantischen Herkules-Statue, dem Schloss Wilhelmshöhe und der Löwenburg. Einst war das Fridericianum der erste öffentliche Museumsbau auf dem europäischen Kontinent. Heute kann Kassel mit dem einzigartigen Museum für Sepulkralkultur oder dem Tapetenmuseum aufwarten.

Nach so viel weichzeichnender Lobhudelei noch ein kleines Geständnis: Ich habe es als Jugendlicher immer als beruhigend empfunden, dass es einen ICE-Bahnhof gibt und an Kassel drei Autobahnen vorbeifuhren. 

Alle deutschen Großstädte sind schnell erreichbar aus der Mitte des Landes. Und das gilt natürlich auch umgekehrt. Wenn Sie also das nächste Mal auf der A7 über die Berge fluchen, dann erinnern sie sich vielleicht an Napoleon III. und nehmen die „Abfahrt nach Kassel“.

Bisher erschienen: Worms (2.7.), Völklinger Hütte (9.7.), Berlin-Konradshöhe (14.7.), Leverkusen (17.7.)

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