Bruno Ganz als Damiel in einer Szene des Films "Der Himmel über Berlin" Foto: dpa/StudioCanal
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Zum Tod von Bruno Ganz Der Engel über Berlin

Bruno Ganz war ein Weltstar, im Theater wie im Film. Der Schweizer mit Wohnsitzen in Zürich, Venedig und Berlin hat die Szene geprägt. Ein Nachruf.

Romy Schneider und Bruno Ganz, die um 1972 herum auch einmal eine damals geheime Liebesbeziehung verband, sie waren unter den deutschsprachigen Schauspielern als internationale Stars lange eine Ausnahme. Romy war gebürtige Österreicherin, Bruno Ganz stammte aus der Schweiz, doch irgendwie galten sie immer auch als deutsche Akteure. Freilich hatten sie beide so gar nichts Teutonisches, eher ein südliches, ein romanisches Flair. In den Augen, in der Stimmfärbung, in ihrem leichten Gang, selbst im Schweren. Im Schwermütigen. Mutigen.

Umso absurder , dass Bruno Ganz, der einmal ironisch bekannt hat „Jeder von uns schielt irgendwann auch nach Hollywood“, seinen letzten Weltruhmkarrierekick der Rolle als schlimmster Teutone (und gebürtiger Österreicher) aller Zeiten verdankte: vor 15 Jahren im Oscar-nominierten „Untergang“ als taprig schnarrender Hausherr im Führerbunker. Ausgerechnet Ganz der beste Kino-Hitler seit Charlie Chaplins großem Diktator!

Von Gestalt und Gesicht war er schon jung nie ein Wildling, doch immer ein Spieler, der aus dem Inneren, aus dem Unscheinbaren sanft explodieren konnte oder strategisch hochbewusst ausgebrochen ist: in die dunkleren, geheimnisvollen Reiche der Grenzgänger, der Überschreiter und Traumtäter. Ein Pionier der abgründigen Psyche und des poetischen Genies.

Bruno Ganz wurde 1941 in Zürich geboren, nun ist er an einem erst im vergangenen Jahr diagnostizierten Darmkrebs in der Nacht zum Samstag in seiner Geburtsstadt gestorben. Spontan hat ihn gestern, als die Nachricht kam, auch Dieter Kosslick gewürdigt und daran erinnert, dass Bruno Ganz tatsächlich zwölfmal in Filmen auf der Berlinale vertreten war.

Unvergesslich natürlich, dass er neben Otto Sander, seinem Kollegen von der Berliner Schaubühne zu legendären (Peter-)Stein-Zeiten, bei Wim Wenders als sanftmütiger Engel über Berlin flog. Lange vor dem Teufel im Höllenbunker des „Untergangs“, dafür im Freiraum, im Luftraum über der einst fast mit untergegangenen Stadt, über ihrer Mauer und allen 1987 noch so sichtbaren Narben in Ost und West.

Als Schauspieler war er zunächst ganz ein Theaterstar. Dass er nach dem kurz vorm Abitur abgebrochenen Gymnasium schon während seiner Ausbildung am Zürcher Bühnenstudio erste Filmauftritte hatte, ist längst vergessen. Mit 21 kam Ganz ans Junge Theater Göttingen, und irgendwann hatte Kurt Hübner von ihm gehört.

Bruno Ganz während eines Interviews im Jahr 2006 Foto: dpa/EPA/APA/Techt Vergrößern
Bruno Ganz während eines Interviews im Jahr 2006 © dpa/EPA/APA/Techt

Hübner machte ihn zu seinem Hamlet

Hübner, später Intendant der West-Berliner Freien Volksbühne, leitete das in den 1960er Jahren ruhmreichste deutsche Schauspiel, das Theater in Bremen. Der Ritterkreuzträger mit hanseatischem Befehlston war auch das erfolgreichste Trüffelschwein der Szene: der Geniefinder. Also lud er Ganz zum Vorsprechen nach Bremen, und weil der Intendant gerade eine Grippe hatte, befahl Hübner den scheuen Eleven an sein Krankenbett: „Nun zeigen Sie mal!“ Ganz spielte wohl irgendeinen Klassikerjüngling vor, bis Hübner barsch unterbrach: „Um Gottes willen, lassen Sie das! Und raus hier“! Als der Verschüchterte schon in der Tür stand, rief Hübner ihm hinterher: „Sie sind engagiert!“

Von dieser Anekdote gibt es noch variantenreiche Versionen. Aber alle mit der nämlichen Folge: Der gleichfalls von Hübner nach Bremen geholte Regisseur Peter Zadek besetzte Ganz 1965 als jungen Selbstmörder Moritz Stiefel in Frank Wedekinds Schüler-Pubertätstragödie „Frühlings Erwachen“. Doch die wilhelminisch düsterer Groteske war da plötzlich taghell und vollzog sich im deutschen Bildungsbürgertheater vor einem von Wilfried Minks (noch ein Bremer Genie) entworfenen Filmbild Hintergrund: aus „The Knack“ von Richard Lester, dem Regisseur der frühen Beatles-Filme.

Hübner selbst macht Ganz kurz darauf schon zu seinem Hamlet, und im folgenden Jahr, mit gerade 25, agiert Ganz dann in Zadeks Bremer „Räubern“ als Jungschillers Bösewicht Franz Moor – vor den Vietnamkriegs-Popcomic-Kulissen von Roy Lichtenstein. Mit riesenroten Papp- ohren als Intrigantenirrwisch. Und gleichfalls noch in Bremen vollzieht sich die Vorgeburt der Berliner Schaubühne. Peter Stein, nach Zadek der zweite rising star des neuen Regietheaters, inszeniert den „Torquato Tasso“ auf einem wiederum vom Bühnenbildrevolutionär Wilfried Minks entworfenen giftgrünen Kunstrasen, vor einer Gipsbüste Goethes am Boden. Bruno Ganz ist da der traurige Titelheld: als Italiens und Goethes unglückseliger Renaissance-Dichter. Was er, von Peter Stein bis in die letzte Zuckung des kleinen Fingers geformt und getrieben, hierbei vorführt, ist außerordentlich. Wart so noch nie gesehen.

Mit einem kunstvoll ziselierten Gebärdentanz, der den damaligen Kritiker und baldigen Dichter und Dramaturgen Botho Strauß an einen menschlichen Reiher denken lässt, überspannt Ganz die wortschönen, noch mit der letzten Endsilbe lautgemalten Verse derart, dass der vom Herzog und den beiden Damen mit Namen Leonore (Edith Clever und Jutta Lampe) ausgehaltene Poet Tasso zum „Existentialclown“ der höfischen Herrschaft wird. Verlacht und begraben bereits unter seinen eigenen, ihn wie Perlenketten umschlingenden, erdrosselnden Wortgirlanden. Toll und tragisch in einem.

Nicht an diese nicht mehr überbietbare, kaum wiederholbare Exaltation, aber an das Tolle, Tragikomische knüpft Bruno Ganz auch ab 1970 in der vom Kreuzberger Halleschen Ufer das Welttheater erobernden Berliner Schaubühne an. Ob bei Stein als Ibsens Peer Gynt oder Kleists Prinz von Homburg, ob als Hölderlins bis ins Feuereis des Ätna-Gipfels vordringender Empedokles oder nochmal als Hamlet in Klaus Michael Grübers Inszenierungen, aus dem schwarzlockigen Jüngling, der immer etwas vom gefallenen Engel hat, wird ein Mann: der nun das Sanfte auch mit dem Harschen, mit einer schmerzenden Härte verbinden kann. Nunmehr ohne die pure jugendliche Freude an der spielerischen Übertreibung.

Als russischer Graf ist er zugleich ein romantisch-preußischer Held in Eric Rohmers Kleist-Verfilmung der „Marquise von O.“. Mit seiner Bremer und Berliner Schaubühnen-Kollegin Edith Clever gibt er da ein sehr deutsches und doch fast überirdisch elegisches Paar. So beginnt 1975, als Ausbruch aus dem Theater, auch seine internationale Filmkarriere.

Peter Zadek, Peter Stein, Klaus Michael Grüber und später noch Luc Bondy, mit dem er 2012 zuletzt im Pariser Odeon bei Harold Pinters „Heimkehr“ zusammenarbeitete: Alle vier haben Ganz auf völlig unterschiedliche Weise über die Grenzen des bühnenrhetorisch Deklamatorischen oder fernsehhaft Pseudorealistischen geleitet. Zadek ins explosiv Vitale, Stein ins gedanklich Überscharfe, Grüber ins magisch Ungeheure. Bondy, der Schweizer Landsmann, ins unsentimental Romantische. Dennoch ist Ganz seit 1975, als er in Frankreich nach dem Rohmer-Film auch gleich mit Jeanne Moreau gedreht hat, nur noch gelegentlich auf die Bühne zurückgekehrt.

So agiert er in Peter Steins 22-stündigem Jahrtausendwende „Faust“ als Himmel und Hölle beschwörende Titelfigur. Und verkörpert aus einem etwas irdischeren Spielwitz heraus im selben Jahr 2000 auch seine Kultrolle in Silvio Soldinis italienischer Kinokomödie „Brot und Tulpen“ („Pane e tulipane“). Darin spielt er einen venezianisch-nordländischen Kellner mit literarischen Neigungen, melancholischem Humor und der Verführungskraft des Unwahrscheinlichen, also Liebeslogischen. Das ist er, das war er ganz. Der wunderbare Bruno Ganz. Mit einer Wohnung auch in Venedig.

Persönlich war er von selbstbewusster Bescheidenheit, manchmal nicht unkokett, doch fernweg jeder Arroganz. In den Augen saß immer der Schalk, auch wenn ihn wie in vielen Rollen so auch im Leben eine gewiss Melancholie umtrieb. Es war ja, trotz seiner Erfolge, nicht alles geglückt. Sein 1972 geborener Sohn Daniel, ein Übersetzer und Rockmusiker, ist seit dem vierten Lebensjahr erblindet. In den Schaubühnenjahren und danach, bis in die 1990er Jahre hinein, war Ganz alkoholsüchtig, in den beiden letzten Jahrzehnten dann abstinent. Zum privaten Halt war ihm, dem einstigen Frauenschwarm, seit langem die Lebensgemeinschaft mit der Berliner Fotografin und langjährigen Dokumentaristin der früheren Schaubühnen-Aufführungen Ruth Walz geworden.

Vor dem teutonischen Tiefsinn hat den Abgrundspieler B. G. sicher auch sein sinistrer Schweizer Humor bewahrt, und das untergründig südliche Flair verdankte sich, wie er selbst sagte, seiner italienischen Mutter.

Dünner Lebensfaden

Mehrfach hat er mit Wim Wenders gedreht, außer dem „Himmel über Berlin“ zum Beispiel den „Amerikanischen Freund“. Er spielte bei Peter Handke, Reinhard Hauff, Volker Schlöndorff (1981 das Beirut-Journalistendrama „Die Fälschung“). In Stephen Daldrys Verfilmung von Bernhard Schlinks Roman „Der Vorleser“ war er als Richter über die enttarnte KZ-Wächterin dabei; er verkörperte im Fernsehen den „Großen Kater“ nach Thomas Hürlimanns Buch, war neben Jeremy Irons in Bille Augusts „Nachtzug nach Lissabon“ unterwegs. Und glanzvoll ist die Erinnerung an seinen letzten Auftritt bei der Berlinale.

Das war 2017 in Sally Potters „The Party“. Bruno Ganz in einer schwarzhumorigen britischen Familien- und Freundeskomödie als esoterischer deutschstämmiger Außenseiter Gottfried – der von Gott und dem weltlichen Familienunfrieden mehr weiß als alle ahnen. Überhaupt hat ihn auch das angelsächsische Kino zuletzt sehr geliebt. In dem amerikanisch-französisch-deutschen Berlin-Thriller „Unknown Identity“ (des spanischen Regisseurs Jaume Collet-Serra) war Ganz neben Liam Neeson und Diane Krüger als schrathafter Ex-Stasioffizier und heutiger Privatdetektiv zu sehen, ein Kabinettstück. Denn die kleinbürgerliche Säuernis würzte Ganz mit einem dünnlippig spitzmündigen Witz, der dem grauen Geheimdienstrentner in seiner Ost-Tristesse plötzlich den füchsischen Charme eines Unverwüstlichen verlieh. Gäbe es eine Brandenburger Prärie, würde der sich gewiss nochmal in den Sattel schwingen und in die rote Abendsonne reiten.

Danach war er nochmal ein greiser und sonderbar wacher Ex-DDR-Bonze in den „Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Matti Geschonnek, spielte den trotz Mundkrebs irgendwie sterbensjung Zigarre rauchenden alten Sigmund Freud im „Trafikant“ nach Robert Seethalers Roman und führte, Ende 2018 in die Kinos gekommen, durch die Unterwelt von Lars von Triers Killerdrama „The House that Jack built“.

Die Filmrollen rissen nicht ab. Ganz zuletzt hat er noch bei Terence Malick im noch nicht gezeigten Weltkriegsdrama „Radegund“ gespielt. Nur Lesungen wie dieses Frühjahr in der Berliner Philharmonie wurden abgesagt. Bruno Ganz ahnte, wie dünn der Lebensfaden schon war. Jetzt ist er gerissen, und die Trauer groß.

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