Der Architekt Helmut Jahn 2012 im Neuen Museum in Berlin vor einem Foto des von ihm entworfenen Chicago O Hare Airport. Foto: Sven Grundmann/dpa
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Zum Tod des Stararchitekten Helmut Jahn Der Künder des Hochhauses

Er baute Wahrzeichen überall auf der Welt, in Berlin unter anderem das Sony Center. Zum Tod des Hochhaus-Architekten Helmut Jahn. Ein Nachruf.

Vor bald zehn Jahren kam Helmut Jahn in einem der Interviews, die der Vielbeschäftigte erst im Alter etwas häufiger gab, auf die „Desaster“ um die Hamburger Elbphilharmonie oder den Berliner Flughafen zu sprechen: „Die Kosten explodieren, die Projekte werden nicht fertig, die Verfahren sind viel zu kompliziert – so sieht es aus, wenn Leute bauen, die nicht die notwendige Erfahrung haben.“

In diesen Worten steckt alles, was Jahn als Architekten auszeichnet. „Ein guter Architekt muss auch ein guter Geschäftsmann sein“, fuhr Jahn seinerzeit fort: „Das Beste ist, wenn am Ende ein gutes Gebäude dasteht, das auch gut Geld verdient.“

Deutlicher hätte Jahn gar nicht machen können, dass er, der 1940 in Zirndorf bei Nürnberg geboren wurde und an der TU München 1965 sein Diplom ablegte, drüben in Chicago zum "corporate architect" geworden war, zum Architekten der Konzerne. Ein solches Urteil ist natürlich ungerecht; andererseits hat es ihm Zugang zu Aufträgen auch hierzulande verschafft, die einem herkömmlichen Baumeister unerreichbar geblieben wären.

Jahn hat gerne in Deutschland gebaut. Man sehnte sich doch gerade in Deutschland nach Architektur, die internationales – und das hieß hierzulande immer: amerikanisches – Flair verströmt, und Jahn konnte das auf bestechende Weise liefern.

Ob er Frankfurt mit dem Messeturm zum Signum „Mainhattan“ verhalf, den Münchner Flughafen mit dem „Airport Center“ zum Drehkreuz adelte oder dem beschaulichen Bonn mit dem „Post Tower“ etwas Großstadt-Feeling gab, stets entstanden Gebäude, die „die“ Moderne verkörperten, lässig und elegant zugleich.

So auch in Berlin, wo die Eröffnung des „Sony Centers“ am Potsdamer Platz den rechten Auftakt für das Millenniumsjahr 2000 bot, nachdem zwei Jahre zuvor schon mit dem „Neuen Kranzler-Eck“ sichtbar geworden war, wie Jahn sich eine heutige Großstadt dünkte. „Berlin sollte die Möglichkeit nutzen“, mahnte er noch Jahre später, „an der Gedächtniskirche ein stadtbestimmendes Ensemble von Hochhäusern zu schaffen“, als „Zeichen für das neue Berlin“.

Das State of Illinois Center war sein Durchbruch

Mittlerweile ist der Fortschrittsoptimismus, der darin mitschwingt, etwas verblasst. Jahn glaubte daran, alle Probleme technisch lösen zu können, zumal solche der Materialeinsparung und Energieeffizienz.

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An ein Ende des Hochhauses glaubte er am allerwenigsten. 1966 ging er mit einem Stipendium nach Chicago und legte eine prototypische Karriere hin, vom Studenten am Illinois Institute of Technology – wo er noch den großen alten Mies van der Rohe kennenlernte – zum Zeichner im renommierten Architekturbüro C.F. Murphy bis zu dessen Übernahme und der Umbenennung in Murphy/Jahn 17 Jahre später.

Seinen Durchbruch als Entwerfer hatte Jahn mit dem 1979 konzipierten „State of Illinois Center“ mit dem haushohen, halbrund verglasten Atrium, das die Behördenbüros so transparent macht wie ein aufgeschnittener Bienenkorb – ein Sinnbild der amerikanischen Massendemokratie.
Nun kamen in dichtester Folge Großaufträge rund um den Globus hinzu, vom Flughafen in Bangkok – seinerzeit der größte Asiens – über die Neugestaltung der EU-Zentrale in Brüssel bis zum „Expo Center“ in Shanghai. Dazwischen immer wieder Bauten in Deutschland, Ausdruck einer wechselseitigen Zuneigung, wenn man so will.

Jahn kam bei einem Radunfall in Chicago ums Leben

Denn von Jahn ließ man sich die ansonsten argwöhnisch beäugte Hi-tech-Moderne gerne servieren. So fiel die Wahl des Sony-Konzerns für den Komplex am Potsdamer Platz geradezu zwangsläufig auf Jahn, der in seinem Auftreten stets der zupackende Optimist blieb, als der er nach Chicago gekommen war.

Aus dessen vielhundertköpfigen Architekturfirmen ragte er als Person heraus wie keiner mehr seit Mies. Eines der letzten Bauwerke Jahns ist ein 246 Meter hoher Turm mitten in der schwäbischen Landschaft, in dem Aufzüge getestet werden – jene Erfindung, die das Hochhaus überhaupt erst möglich gemacht hat.

Anderswo als im selbstzweiflerischen good old Germany steht man mehr unter dem Druck verdichteter Megacitys mit knappem Baugrund, und Jahn, der Künder des Hochhauses, war der Architekt für solche Herausforderungen.
Es mutet wie ein schlechter Witz an, dass ausgerechnet er durch einen Fahrradunfall ums Leben kam, 81 Jahre alt, am vergangenen Freitag auf einer Straßenkreuzung noch dazu einer Kleinstadt nahe Chicago. Er hinterlässt ein Œuvre von beeindruckender Konsequenz. „Das Schönste an Hochhäusern ist, dass sie zum Wahrzeichen der Städte werden können“, hat er gesagt. Und genau so sollte Helmut Jahn erinnert werden: als ein Schöpfer von Wahrzeichen.

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