„Tante Marianne“. Gemälde von 1965. Foto: (c) Gerhard Richter /picture-alliance/ dpa
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Zum 90. Geburtstag von Gerhard Richter Das Leben ist ein Roman

Jürgen Schreiber

Vorsichtige Annäherung an einen großen Maler: eine süße Begegnung und glimpfliche Autorisierung von Zitaten.

Süßer als von Gerhard Richter wurde ich in über vierzig Reporter-Jahren nie empfangen. 2004 muss das gewesen sein. Auf dem Tisch im Kölner Atelier - es wirkt weißer als alles Weiß - stand eine Schale mit Pralinen. „Belgische Pralinen“, wie Assistentin Konstanze Ell präzisierte, genauer noch, „aus Ostende“. Kaffee, Kekse und ein Obstteller kamen hinzu.

Der Künstler trug beim Empfang Gesundheitslatschen. Das weich fallende Jackett blieb zugeknöpft, was ich nicht als schlechtes Omen nehmen wollte. Töchterchen Ella Maria lugte im Funkenmariechen-Kostüm ums Eck. Hund „Leica“ tobte herum.

Richter eilte der Ruf voraus, ein spröder Gesprächspartner zu sein. Er hatte sich über mich informiert, wollte zuallererst wissen, wohin der Hase läuft. Damals wusste ich selbst noch nicht, dass ich ein Buch über den seit Jahren teuersten Maler der Welt schreiben würde, Richter ist von der Kritik verwöhnt wie kein anderer.

Ein Meister aller Mal- und Preisklassen

Bei der vorsichtigen Annäherung an den Meister aller Mal- und Preisklassen entsprach das Procedere dem der großen Politik: Man legt dem Interviewten die in Frage kommenden Zitate vor der Veröffentlichung zur Feinabstimmung vor. Dazu musste ich mich vorab schriftlich verpflichten und stichelte deswegen: „Sie sind ja schlimmer als Kohl.“ Der Vergleich mit dem Kanzler amüsierte Richter.

Ich schickte ihm dann die für mein Buch-Projekt vorgesehenen Zitate zur Überprüfung. Er möge mir aber die betreffenden Seiten bitte signieren, da ich mir in diesem Leben keinen echten Richter würde leisten können. Das tat er dann mit blauem Stift, ich hüte die Autografen bis heute wie einen Schatz. Für alle Fälle gab er mir die Nummer des Hotels Waldhaus in Sils Maria mit, wo er von dann bis dann erreichbar wäre.

Einladung zu einem Kick der National-Fußballmannschaft

Richter hatte dann auch eine Frage an mich. Er sei mitsamt Sohn von Kanzler Schröder als Gast zu einem Kick der Fußball-Nationalmannschaft eingeladen. Ich meine, es ging gegen Brasilien. Ob er die Einladung annehmen solle? „Auf jeden Fall!“, empfahl ich.

[Jürgen Schreiber: Ein Maler aus Deutschland: Gerhard Richter. Das Drama einer Familie. Piper Verlag München, 2005.]

Richters Leben ist ein Roman. Aus der ganzjährigen Recherche wurde mein von Oscar-Preisträger von Donnersmarck verfilmtes Buch über das Schicksal seiner von den Nazis ermordeten Tante Marianne. Er hatte sie in den 60ern nach einem alten Foto gemalt und ihr damit unbewusst ein Denkmal gesetzt. Auf der anderen Seite stand sein Schwiegervater Heinrich Eufinger, SS-Obersturmbannführer und Gynäkologe, als Täter abgrundtief in Hitlers Euthanasie-Politik verstrickt.

Es mag an der Aura des Kunststars gelegen haben, dass ich den Eindruck mitnahm, ich würde seinesgleichen nicht mehr wiedersehen. Ach ja, die belgischen Pralinen. Vor lauter Reden kam ich nicht zum Naschen.

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