Der Liedermacher. Hannes Wader, aufgenommen in den 1970er Jahren. Foto: Wulf Pfeiffer/dpa
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Zum 80. Geburtstag von Hannes Wader Ein Rebell war er von Anfang an

Volkssänger nannte er sich 1975 auf seiner ersten Platte. Das war eine Provokation. „Trotz alledem“ machte er zu seinem Lebensmotto.

Frohgemuter wurde wohl niemals ein Untergang gefeiert. „Das war ’ne heiße Märzenzeit – trotz Regen, Schnee und alledem!“, singt Hannes Wader zu unbekümmert vorwärts stolpernden Akkorden seiner Akustikgitarre. „Nun aber, da es Blüten schneit – nun ist es kalt, trotz alledem!“ Die Revolution, die im März 1848 auf den Barrikaden gesiegt zu haben schien, ist gescheitert, zu Tode debattiert im Frankfurter Paulskirchen-Parlament und zusammengeschossen in Wien und Berlin.

Aber selbst wenn nun der Teufel regiert, mit Huf und Horn und alledem, ist das kein Grund zur Resignation. Denn Freiheit und Gemeinsinn werden triumphieren: „Es kommt dazu, trotz alledem, dass rings der Mensch die Bruderhand Dem Menschen reicht, trotz alledem!“

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„Trotz alledem“ ist das Eröffnungsstück des Albums „Hannes Wader: Volkssänger“, das 1975 herauskam. Da singt Wader das fortschrittsfromme „Bürgerlied“ und „Die freie Republik“ über sechs aus dem Frankfurter Kerker entkommene Studenten, aber auch die Volkslieder „Der Kuckuck“ und, unterlegt mit einer Flöte, „Wie schön blüht uns der Maien“. Der Titel der Platte war eine Provokation. Alles Völkische war durch den Nationalsozialismus diskreditiert, mit Volksliedern wollte kaum jemand aus der Liedermacherszene etwas zu haben. Aber Wader wollte weiter zurück in die Musikgeschichte, zu den Liedern der ersten deutschen Demokratiebewegung vor 1848 und den daran anknüpfenden Hymnen der Arbeiterbewegung.

„Napoleon, der Bogenpisser“ taufte ihn der Arzt bei seiner Geburt

„Trotz alledem“ ist Hannes Waders Lebensmotto, so heißt auch seine Autobiografie. Ein Rebell war er von Anfang an. Als er am 23. Juni 1942 in Bethel bei Bielefeld zur Welt kommt, hat er eine Locke auf der Stirn und pinkelt dem Arzt ins Gesicht, der ihn daraufhin „Napoleon, der Bogenpisser“ nennt.

Wader absolviert eine Lehre als Dekorateur in einem Schuhgeschäft und wird unter anderem wegen Musizierens in der Arbeitszeit gefeuert. Er tritt als Klarinettist und Saxofonist in Bars auf und beginnt in Bielefeld ein Studium als Grafiker, das er in West-Berlin fortsetzt. Nachdem er Chansons von George Brassens gehört hat, beginnt er, eigene Lieder zu schreiben, das erste heißt „Das Loch unterm Dach“. Den Durchbruch schafft Wader 1966 auf dem „Chansons Folklore International“-Festival in der Ruine der Burg Waldeck im Hunsrück.

Protestlieder gegen die Ungerechtigkeiten des Kapitalismus

Auch Reinhard Mey, Franz Josef Degenhardt und Dieter Süverkrüp waren dort schon aufgetreten, mit Protestliedern gegen die Ungerechtigkeiten des Kapitalismus und die Bigotterie des Spießbürgertums. Als Wader auf der Bühne stand, „haben die Leute gegrölt, gepfiffen, was weiß ich. Die fanden das gut, was ich gemacht habe. Aber ich konnte ihre Reaktion nicht deuten. Ich dachte, die verarschen mich“, erzählte er später in einem Interview.

Wader ist nun eine Art Star. In Berlin steht er auf bis zu fünf Bühnen am Abend, kassiert pro Auftritt 25 D-Mark und kann gut davon leben. „Die Frage nach der Tragfähigkeit einer künstlerischen Existenz stellte ich mir damals keinen Augenblick lang“, sagt er inzwischen. „,Zukunft’ ist bis heute für mich eine Dimension von mehr historischem als privatem Interesse geblieben.“

Ohne sein Wissen schlüpfte Gudrun Ensslin bei ihm unter

Jahrelang trampt er mit seiner Gitarre zu Auftritten, kann es sich aber leisten, sich mit dem Taxi zum Grenzübergang Dreilinden fahren zu lassen, um dort den Daumen rauszuhalten. 1969 produziert Knut Kiesewetter das Debütalbum des Kollegen, „Hannes Wader singt“. Im „roten Jahrzehnt“ (Gerd Koenen), den 70ern, radikalisiert sich der Sänger. Weil er Berlin-müde ist, zieht er nach Hamburg und überlässt seine Wohnung vorübergehend einer jungen Journalistin namens Hella Utesch. In Wirklichkeit handelt es sich um die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin, die dort mit Sprengstoff experimentiert.

Wader wird bei einem Konzert in Essen verhaftet, die Justiz ermittelt wegen Unterstützung einer kriminellen Vereinigung gegen ihn. Fernseh- und Radiosender boykottieren ihn, Österreich verhängt ein Einreiseverbot. Später resümiert er auf seinem Deutschrock-Album „Nach Hamburg“ den Fall: „totales Ausgeliefertsein, die nackte Angst und das Gefühl der Scham“.

1977 trat er in die DKP ein, 1991 wieder aus

Wader tritt 1977, im Jahr des „Deutschen Herbsts“, in die Deutsche Kommunistische Partei ein, eine ideologische Verirrung, die 1991 mit dem Austritt endet. Statt in Hamburg zu bleiben, kauft er eine Windmühle in Nordfriesland, in der er 25 Jahre leben wird. Auf die Frage, wie sich die Themen seiner Lieder mit dem Besitz einer Immobilie vereinbaren lassen, antwortet er: „Gar nicht.“

Ein Volkssänger ist Hannes Wader tatsächlich geworden, mit „Heute hier, morgen dort“ hat er ein modernes Volkslied erschaffen. Es feiert den immerwährenden Aufbruch, das Unterwegssein als Lebensprinzip. „So vergeht Jahr um Jahr und es ist mir längst klar“, singt Wader, „dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war“.

Der Mann mit der Gitarre ist er immer geblieben

80 wird er nun, seit kurzem lebt er wieder in Bielefeld. Den Träumen seiner Jugend ist er treu geblieben. „Ich war von Anfang an der Mann mit der akustischen Gitarre und wollte auch nie jemand anderes sein“, so lautet seine Lebensbilanz.

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