Schliemann 1860 als Großkaufmann in St. Petersburg. Foto: SMB/Museum für Vor- und Frühgeschichte
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Zum 200. Geburtstag von Heinrich Schliemann Millionär, Aufschneider, Troja-Entdecker

Die Staatlichen Museen Berlin feiern den Archäologen mit einer Ausstellung. Doch sein spektakulärster Fund, der Schatz des Priamos, liegt seit 1945 in Moskau.

Leibhaftig steht er da vor einem, im pelzbesetzten Wintermantel, mit Zylinderhut und dunklem Schnurrbart, und spricht. Aber diese Stimme! Es ist Katharina Thalbach, die für das lebensgroß vorgeführte Video in die fremden Kleider geschlüpft ist, und die mit ihrem unverwechselbaren Organ vorträgt, was Heinrich Schliemann rückblickend über seine Lebensstationen geschrieben hat, sechs Mal im Verlauf der Ausstellung.

Schliemann, der Ausgräber Trojas, ist eine Figur der nationalen Erinnerung, lange Zeit verehrt als unumstößlicher Held der Archäologie. Und gründlich vom Sockel gestoßen, als Aufschneider, der es mit der Wahrheit nicht immer genau genommen habe und im Übrigen seine Erfolge den Erkenntnissen anderer verdanke, die er als die seinen ausgab. Zudem, was die archäologische Praxis angeht, habe er mit seinem Ungestüm so viel zerstört, als er selbst zutage gefördert hat, ein Amateur mit nur eben sehr viel Geld.

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Nun ging sein 200. Geburtstag im Januar vorüber und gibt Anlass, ein „Schliemann-Jahr“ zu feiern. Zumindest in Berlin: Das Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen richtet in James-Simon-Galerie und Neuem Museum bis in den November hinein die Ausstellung „Schliemanns Welten“ aus, die die Leistungen, aber ebenso die Person Schliemanns herausstellen will. Bereits der Titel deutet an, dass hier keine eindimensionale Gedächtnisfeier veranstaltet wird. Aber auch keine trocken-akademische, sondern eine, die das außerordentliche Leben ihres Helden unmittelbar vor Augen stellt.

Die Besucher:innen gehen mit Schliemann auf Entdeckungsreise

In die untere Halle der James-Simon-Galerie wie in drei Säle im Erdgeschoss des Neuen Museums ist eine Gerüstkonstruktion aus schlichten Wasserrohren eingebaut, bespannt mit Textil, darauf gedruckt sind Bilder und Texte – so, dass sie ins Auge fallen. Diese Ausstellung will ihren Gegenstand dem Besucher nahebringen, und das schwierige Sujet der archäologischen Forschung verwandelt sich in jene Entdeckungsreise, die Schliemann mehrfach, ja eigentlich immer unternommen hat.

Es geht los mit dem Schiffbruch vor der Nordsee-Insel Texel, den Schliemann als 19-Jähriger erlitt, als er sich auf den Weg nach Südamerika gemacht hatte. Später erzählte er die Geschichte seiner Rettung in verschiedenen, zunehmend dramatischen Versionen. Keine stimmte. Aber was so bereits zum Auftakt des Rundgangs deutlich wird, ist die Fantasie Schliemanns, die sich als Schwindelei äußerte, später aber den Leitstern seiner Forschungen abgab. Denn ohne die Fantasie, die Dichtungen Homers für bare Münze zu nehmen, hätte er sich nie auf die beschwerliche Suche nach Troja machen können.

Keramikgefäße des mykenischen Typs aus Troja, späte Bronzezeit, 1700–1180 v. Chr. Foto: Giorgos Mestousis Vergrößern
Keramikgefäße des mykenischen Typs aus Troja, späte Bronzezeit, 1700–1180 v. Chr. © Giorgos Mestousis

Aber bis dahin ist es ein stationenreicher Weg, der von Amsterdam, wo der junge Mann Fuß fast, über St. Petersburg, wo er als 25-Jähriger eine Handelsniederlassung gründet, zunächst bis zum Goldrausch nach Kalifornien führt. Einem König Midas gleich, wird alles, das er anpackt, zu Gold, sprich zu immer größerem Reichtum. Objekte, wie ein Stapel Koffer oder ein russischer Schlitten, illustrieren Schliemanns Leben.

In Petersburg zum Ehrenbürger erhoben, geht er nach ausgedehnten Reisen durch Asien und Amerika nach Paris, wo er passgenau zum Immobilienboom unter Napoleon III. eintrifft – und aus Geld noch mehr Geld macht. Jetzt erst erwacht die schlummernde Liebe zur Antike und findet in den homerischen Epen ihre Anleitung.

Der Besucher muss nun von der James-Simon-Galerie über den Hof zum Neuen Museum mit dem zweiten Teil der Ausstellung hinübergehen, ein Kniff, der hoffentlich auch regnerische Tage überdauern wird. In den gewölbten Sälen im Erdgeschoss des Neuen Museums geht es nacheinander um Troja, um Mykene und Tiryns sowie zum Abschluss um Schliemanns späte Jahre in Athen. Das kommt unvermittelt, aber biografiegetreu. „Irgendwann gegen Ende der 1850er und Anfang der 1860er Jahre“, heißt es etwas ratlos im Katalog, „orientierte sich Schliemann neu und wurde vom Kaufmann zum Entdecker“.

Katharina Thalbach schlüpft in die Rolle des Selfmade-Manns

Und der Besucher der Ausstellung ebenso: Eingestimmt von Katharina Thalbachs Rezitierungen des auch als Autor erfolgreichen Selfmademannes Schliemann, will man sofort den „Schatz des Priamos“ bewundern. Doch es heißt, zunächst mit Tonscherben vorlieb zu nehmen. Die Ausstellung wimmelt jetzt von Scherben, von unscheinbaren Stücken aus dem Schutt der Jahrtausende. Das hat Methode: zu zeigen, dass Archäologie, und das heißt die Gewinnung von gesicherten Kenntnissen über frühere Zeiten, auf die Herkunftsbestimmung und Datierung noch der unscheinbarsten Funde angewiesen ist.

Den Goldschatz fand Schliemann eher per Zufall. Er hat das endlos vermarktet, mit sicherem Gespür für seine Epoche, die sich in ihren Entdeckungen sonnte. Seine zweite, junge Ehefrau Sophia, eine Athenerin, inszenierte er mit dem umgehängten Schmuck für eine Fotografie und schuf eine Ikone, die seinen Ruhm in alle Welt trug. Daher auch die Benennung nach „Priamos“ und die unbeirrt durchgehaltene Behauptung, Troja in seinen Überbleibseln gefunden zu haben, wie von Homer beschrieben.

Aus dem Leben eines Aufsteigers. Blick ins Vestibül von Schliemanns Stadtvilla in Athen. Foto: SMB/Museum für Vor- und Frühgechichte Vergrößern
Aus dem Leben eines Aufsteigers. Blick ins Vestibül von Schliemanns Stadtvilla in Athen. © SMB/Museum für Vor- und Frühgechichte

„Seine Homergläubigkeit wurde von der öffentlichen Meinung und der philologischen und archäologischen Wissenschaft verspottet“, liest man im Katalog – doch gerade sie bildete „die Voraussetzung für seinen Erfolg“. Daneben folgte der Selfmade-Entdecker dem antiken Reiseschriftsteller Pausanias, der exakte Beschreibungen der griechischen Antike hinterlassen hat. Und Schliemann traf – per Zufall, wie so oft – den Engländer Frank Calvert. Ihm verdankte er den entscheidenden, später unterschlagenen Hinweis auf den Siedlungshügel Hissarlik, in dem sich das vermeintliche Troja verbarg.

Den Goldschatz fand Schliemann am 31. Mai 1873, er durfte ihn seitens des Osmanischen Reiches rechtmäßig behalten. Später vermachte er ihn dem Deutschen Reich. Ihn zu zeigen, ist den Berliner Museen nicht möglich; der Schatz liegt seit 1945 in Moskau, bei den in der Ausstellung gezeigten Repliken korrekt als „Beutekunst“ bezeichnet statt dem früher üblichen, verschleiernden Hinweis „kriegsbedingt verlagert“.

Der Schatz des Priamos ist über 1000 Jahre älter als Troja

Aber von Priamos stammt der Schatz ohnehin nicht, er entstand im 3. vorchristlichen Jahrtausend und ist damit über eintausend Jahre älter als Troja. Immerhin war Schliemann der erste, der einen prähistorischen Siedlungshügel ausgrub.

Seinen zweiten Sensationsfund machte Schliemann in der bronzezeitlichen Stadt Mykene im Osten der griechischen Halbinsel Peloponnes, zu deren Untersuchung er Pausanias zu Hilfe nahm. Die Stadt mit dem berühmten Löwentor lag halb versunken da; er aber fand die Schachtgräber und ihre reichen Beigaben aus Gold, darunter einen Henkelbecher, der zusammen mit zahlreichen ornamentierten Goldscheiben aus Athen ausgeliehen werden konnte. Dort, wohin Schliemann seine Grabungsfunde ordnungsgemäß abgeliefert hatte. Nahe Mykene liegt die Burg von Tiryns, einer weiteren Ausgrabung Schliemanns, aus der die zarte Statuette eines phönizischen Gottes stammt, ebenso wie das Fragment einer Wandmalerei mit Stier.

Erst spät erhielt Schliemann die erhofften wissenschaftlichen Ehrungen

So mündet die Ausstellung in ihr letztes Kapitel, die späten Jahre Schliemanns mit seiner Frau Sophia in dem nach seinen peniblen Vorgaben erbauten Privatpalast in Athen. Die Möbel seines Arbeitszimmers, in einem griechischen Museum bewahrt, geben in Berlin, gemeinsam mit Fotografien aus dem prächtigen Ballsaal, eine Ahnung vom sozialen Auftreten des spät noch mit den erhofften wissenschaftlichen Ehrungen dekorierten Autodidakten.

Matthias Wemhoff, der agile Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte und Motor der Ausstellung, schließt seinen Aufsatz im wunderbaren Katalog mit einem Zitat des Dichters Hesiod. „Vor Verdienst aber setzten den Schweiß die unsterblichen Götter“, heißt es da, und: „Leicht dann zieht er dahin, so schwer es anfangs gewesen.“

[James-Simon-Galerie und Neues Museum auf der Museumsinsel, bis 6. November, Di-So 10-18 Uhr. Der Katalog (E.A. Seemann Verlag) kostet 36 €.]

Schöner als mit diesen Worten lässt sich das Leben Heinrich Schliemanns nicht fassen. Mag er auch, wie anderenorts im Katalog zu lesen, "bis heute (...) eine höchst umstrittene Figur" sein, so tritt seine Leistung mit dieser Ausstellung doch klarer zutage als je zuvor.

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