Seine Prophezeiungen waren genauso zutreffend wie krachend falsch

Aristokrat, Industrieller, Revolutionär, Weltbürger. Walther Rathenau im April 1922, zwei Monate vor seiner Ermordung. Foto: imago/United Archives Internatio
Zum 150. Geburtstag von Walther Rathenau Die Zerrissenheit eines Zeitalters

Bekannter noch als diese Vision ist das Mitteleuropa-Konzept, mit dem Rathenau 1913 den Weg zur Europäischen Einigung vorzeichnete. „Verschmilzt die Wirtschaft Europas zur Gemeinschaft, und das wird früher geschehen als wir denken, so verschmilzt auch die Politik. Das ist nicht der Weltfriede, nicht die Abrüstung und nicht die Erschlaffung, aber es ist Milderung der Konflikte, Kräfteersparnis und solidarische Zivilisation,“ so Rathenau. Doch die erstaunliche Aktualität seiner Auffassungen erweist sich bei näherem Zusehen als vordergründig, Rathenaus vorschnelle Vereinnahmung häufig als schief. Sein Versuch, das Friedensdiktat von Versailles durch das Bemühen um Vertragserfüllung zu mildern, verschärfte die Wirtschaftskrise der jungen Republik und ließ Rathenau am Ende selbst an seiner Strategie zweifeln. „Unerfüllbar“, lautete das letzte Wort, das der Reichsaußenminister zu Papier brachte, bevor ihn die Kugeln seiner Mörder trafen. In seinen Prophezeiungen wurde Rathenau ebenso oft bestätigt wie krachend widerlegt. Sein Mitteleuropaplan war nationalgeschichtlich begründet, und ihm schwebte eine deutsche Dominanz vor, die allen Ängsten der deutschen Nachbarn Recht geben und die Europäische Union sprengen würde.

Tiefere Bedeutung für die Gegenwart gewinnt Rathenau also nicht durch überzeitliche Aktualisierung, sondern durch historische Situierung. In seine Zeit gestellt, wird er als ein Mann der Gegensätze sichtbar, dessen janusköpfige Zerrissenheit schon seine Mitwelt empfand. Als Vereinigung von Kohlepreis und Seele zeichnete Robert Musil im „Mann ohne Eigenschaften“ seine Romanfigur Paul Arnheim, die unverkennbar die Züge Walther Rathenaus trägt. In seiner Rede anlässlich des im Hotel Adlon gefeierten 50. Geburtstags kam Rathenau auch selbst auf die von ihm empfundene „Vielspältigkeit“ zu sprechen: „Von meiner Jugend her ist es mir ein Erbteil gewesen, dass ich dem, was die Natur mir gab, mich in der Doppelheit fühle.“ Auch die Mitwelt begriff Rathenau bevorzugt als personifizierten Zwiespalt, besonders nachdem er im Oktober 1918 die Härte der bedingungslosen Kapitulation durch einen Aufruf zur Volkserhebung hatte verhindern wollen, der öffentlich als bloße Kriegsverlängerung verstanden wurde. In der Revolutionszeit erinnerte man sich Rathenaus als eines in sich zerrissenen Relikts einer unheilvollen Vergangenheit und verspottete ihn als „Jesus im Frack, Großkapitalist und Verehrer romantischer Poesie, kurz – der moderne Franziskus v. Assisi, das paradoxeste aller paradoxen Lebewesen des alten Deutschlands“.

Sebastian Haffner zählt Rathenau zu den fünf, sechs großen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts

Erst im Rückblick wird sichtbar, dass diese Zerrissenheit Ausdruck einer Epoche am Scheideweg war. Dass Rathenau in den Worten Sebastian Haffners zu den fünf, sechs großen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts zählt, verdankte er gerade den in seiner Person zusammenlaufenden Spannungslinien. Rathenau verkörperte die Krise der auf Globalisierung drängenden und in ihren Nationalismen gefangenen Hochmoderne als Aristokrat und Revolutionär, als Patriot und Weltbürger zugleich. Als Industrieller hatte Rathenau erheblichen wirtschaftlichen Einfluss, als Jude blieb er zugleich in die sichtbaren und unsichtbaren Schranken eines Außenseiters im Kaiserreichs gezwungen. Aus dieser Dualität erwuchs die innere Spaltung des homo publicus Walther Rathenau, der in seinen ersten publizistischen Äußerungen Züge eines jüdischen Selbsthasses offenbarte und am Ende seines Weges bei der Ernennung zum Reichsaußenminister die Frage nach seinem Glauben als nicht verfassungsgemäß zurückwies.

Weltoffen und tolerant in seinen weltanschaulichen Grundsätzen, verblüffend illiberal in manchen Zukunftsentwürfen, irritierend pragmatisch in seinem politischen Handeln, repräsentiert Rathenau die Ambivalenz eines Zeitalters, das in eine Welt des Fortschritts in Frieden hätte münden können und in einer Apokalypse des Grauens unterging. Deren Vorboten konnten seinem Leben am 24. Juni 1922 mit dem Anschlag in einer Kurve der Grunewalder Koenigsallee ein Ende setzen. Seine historische Bedeutung als Exponent eines weltgeschichtlichen Umbruchs auslöschen, das konnten sie allerdings nicht.

Martin Sabrow ist seit 2004 Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam.

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