Tilda Swinton geht als Samurai-Leichenbestatterin Zelda auf Zombiejagd. Foto: Universal
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Zombiekomödie von Jim Jarmusch Fressen und Gefressenwerden

Bill Murray, Adam Driver und Tilda Swinton auf Zombiejagd: In Jim Jarmuschs Komödie "The Dead Don't Die" erobern die Untoten Trumps Amerika.

Die Toten schlafen nur. Irgendwann werden sie aus den Gräbern auferstehen. Dann es gibt nur eines, das ihren Hunger stillt: das Fleisch der Lebenden. Worauf sich die Lebenden in Tote verwandeln, die ihrerseits erwachen und Menschenfleisch essen müssen, um weitermachen zu können. Zombiefilme handeln von einem Circulus vitiosus, dem kannibalistischen Teufelskreis von Fressen und Gefressenwerden. Schon im Titel, den Jim Jarmusch seiner Zombie-Komödie gegeben hat, steckt die ganze Ausweglosigkeit des Genres: „The Dead don’t die“. Der Film spielt mitten im amerikanischen Herzland, in einem 736-Seelen-Kaff mit dem Namen Centerville. Viel los ist dort nicht, es gibt eine Tankstelle, ein paar Läden und einen Diner, der so etwas wie das soziale Zentrum der Gemeinde bildet. Und den Friedhof, der malerisch am Waldrand liegt.

Untergründig passiert Seltsames, die Natur rebelliert. Das fällt auch den beiden Dorfpolizisten auf, dem zerknautschen, routiniert mürrischen Bill Murray und dem nicht weniger schweigsamen Adam Driver. Anfangs sind sie im Streifenwagen unterwegs, um einen Hühnerdieb zu fassen. Der Tag will nicht vergehen, es wird einfach nicht dunkel. In den Radionachrichten ist von Polar-Fracking die Rede und einer besorgniserregenden Verschiebung der Erdrotation.

Der Zombiefilm war einmal politisch

Und dann läuft „The Dead don’t die“, eine fröhlich-makabre Hymne, gesungen vom Alternative-Country-Songwriter Sturgill Simpson, der später auch selbst auftauchen wird: als Zombie mit Banjo. An coolen Referenzen und metafiktionalen Gags mangelt es nicht. Als Murray und Driver nicht mehr wissen, wie sie sich vor den Zombies retten sollen, streiten sie über das Drehbuch, in dem das Ende fehlt.

Zombiefilme können höchst politisch sein, das hat George A. Romero bewiesen, der in seinen Klassikern die Gewaltobsession der Vietnamkriegsjahre („Night of the Living Dead“) und den Konsumismus („Dawn of the Dead“) gespiegelt hat. Ähnliches hatte vielleicht auch Jarmusch vor. Die unsympathischste Figur seines Films, ein rassistischer, aggressiv schwadronierender Farmer (Steve Buscemi) trägt ein Basecap mit der Aufschrift „Keep America White Again“. Auch Donald Trump und seine Anhänger im amerikanischen heartland ignorieren den Klimawandel. „The Dead don’t die“ zeigt, wohin das führen wird: direkt in die Zombie-Apokalypse. Allerdings macht Jarmusch aus dem Thema wenig, über den wohlfeilen Trump-Gag kommt er nicht hinaus.

Langsamkeit und Wiederholungen gehören zum Markenkern von Jarmuschs Humor. Seine Außenseiter-Helden bewegten sich schon somnambul durch „Down by Law“ und „Mystery Train“, seine Zombies agieren noch lethargischer. Aus dieser Konstellation hätte eine höhere Form des Slapsticks erwachsen können. Doch in „The Dead don’t die“ lahmen selbst die running gags.

Als Bill Murray zum Diner gerufen wird, liegen dort die zwei toten Bedienungen am Tresen, deren Eingeweide heraushängen. „Geh da nicht rein“, warnt er Adam Driver. „Das ist das Schrecklichste, was ich jemals gesehen habe.“ Wer das wohl gemacht hat? Ein wildes Tier? Oder vielleicht mehrere wilde Tiere? Weil immer mehr Polizisten eintreffen, wiederholt sich der Dialog drei-, viermal. Witziger wird die Sache auch nicht durch Iggy Pop, der als kaffeesüchtiger Untoter über die Bedienungen herfiel. In seiner Motorradrockerkluft sieht er aus wie immer, nur etwas fahler geschminkt.

Tilda Swinton wirft sich mit einem Samurai-Schwert ins Scharmützel

Lustlos hakt Jarmusch die Standardsituationen des Genres ab. Ein paar Teenager (darunter Popstar Selena Gomez) landen auf der Suche nach einem Abenteuer in einer Absteige, die an das Bates-Motel aus „Psycho“ erinnert. Keine gute Idee. Zwei Dorfbewohner (Danny Glover und Caleb Landry Jones) verschanzen sich in einem Eisenwarenladen, sie wehren sich mit Äxten, Spaten, Schrotflinten gegen den Ansturm. Aber mit Zombies verhält es sich ähnlich wie bei der Hydra, dem Schlangenmonster aus der griechischen Mythologie. Wenn man einen Kopf abschlägt, wachsen drei nach. Tilda Swinton wirft sich als exzentrische Leichenbestatterin mit der bestmöglichen Waffe ins Scharmützel: dem Samurai-Schwert. Der Showdown findet auf dem Friedhof statt, wo sich immer mehr verweste Hände aus der Erde graben. Auf einem Grabstein steht der Name Samuel Fuller: ein Gruß an den König des B-Pictures, der aber klug genug war, sich niemals mit Zombies abzugeben.

„What a fucked up world.“ So fasst Tom Waits die Gesamtsituation zusammen. Er kommentiert das Massaker aus der Distanz eines Waldschrates, der ein paar halluzinogene Pilze zu viel gegessen hat. Was für eine verfickte Welt. Anders als mit seinem Vampirfilm „Only Lovers Left Alive“ gelingt es Jim Jarmusch diesmal nicht, den bekannten Genremotiven etwas Eigenes hinzuzufügen. Parodien wie „Shaun of the Dead“ sind lustiger als „The Dead don’t die“, Blockbuster wie „World War Z“ gruseliger. Fürchten muss sich niemand, und das ist für einen Zombiefilm ziemlich furchtbar. (In 16 Berliner Kinos (auch OmU); OV: Delphi Lux, Neues Off)

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