Der dicke Kaktus aus Sarajevo. Foto: Nadine Lange
© Nadine Lange

Zimmerreisen - Unsere Kolumne zwischen den Jahren (2) Grünes Fernweh

Auch in den eigenen vier Wänden können sich Welten auftun. Wir bleiben zu Hause – und lassen uns das Reisen nicht nehmen. Heute geht's von Kreuzberg nach Sarajevo.

Der dicke Kaktus fand, dass es mal wieder an der Zeit für Nachwuchs sei und produzierte drei kugelige Ableger an seiner dem Fenster zugewandten Seite.

Als ich die kleinen Dinger entdeckte, habe ich mich gefreut, denn es ist das erste Mal in den fünf oder sechs Jahren, die der dicke Kaktus auf meiner Kreuzberger Fensterbank steht, dass er Ableger entwickelt hat.

Klee mit violetten Blättern

Die zwei, mit denen er damals bei mir ankam, habe ich ihm abgenommen und in benachbarte Töpfchen gepflanzt. Sie murkeln allerdings eher so vor sich hin, weshalb der dicke Kaktus seine neuen Kids jetzt erstmal behalten darf.

Dass ihm nach so langer Zeit der Sinn nach Reproduktion steht, werte ich als Zeichen dafür, dass er jetzt endlich auch innerlich bei mir angekommen ist. Denn er ist mehr als 1000 Kilometer von seinem Geburtsort Sarajevo entfernt. Dort bin ich seit 2010 regelmäßig zu Gast, um über das Filmfest oder andere Dinge zu berichten. Ich übernachte dann immer bei meiner Freundin Nihada, die ihr Haus und ihren Garten mit unzähligen Pflanzen teilt.

Vor allem die Rosenpracht beeindruckt mich jeden Sommer wieder. Gepflanzt hat sie Nihadas Vater Jusuf, der leider vor ein paar Jahren gestorben ist. Mit ihm habe ich viele Abende zusammengesessen und mir beim Bier von seinem bewegten Leben erzählen lassen. Zum Abschied gab er mir immer ein Andenken mit auf den Weg. Nihada setzt diese Tradition seither fort, allerdings mit Pflanzen.

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So kam der dicke Kaktus zu mir und auch sein stacheliger Nachbar mit den vielen dünnen Armen. In der Küche habe ich außerdem einen Klee, der seine violetten Blätter zusammenfaltet, wenn es dunkel wird. Deren Farbe entspricht ziemlich genau der Trikot-Farbe des FK Sarajevo, der in der Corona-Saison bosnischer Fußballmeister geworden ist.

Nihadas Partner Faruk ist Fan und hat mich ebenfalls für den Club gewonnen. Einmal war Borussia Mönchengladbach für ein Qualifikationsspiel zu Gast und ich stand mit ihm und seinen Freuden im vollgepackten Koševo Stadion. Am Ende der ersten Halbzeit konnte ich das Lied mitsingen, das sie immer wieder anstimmten.

Der FK Sarajevo schlug sich wacker gegen Borussia Mönchengladbach

Zwei Mal glich das Team einen Rückstand aus und jedes Mal explodierte die Tribüne vor Freude. Am Ende stand es zwar 3:2 für die deutlich favorisierten Gäste aus der Bundesliga, doch die FK-Fans gingen erhobenen Hauptes nach Hause. Ich trug stolz meinen neuen Schal, der nun schon lange im Flur hängt und sich fragt, wann wir mal wieder ein Spiel anschauen.

Im Coronajahr sind keine Pflanzen, Stadion- oder Kinobesuche dazugekommen. Ich vermisse Sarajevo und meine Freundinnen und Freunde dort. Einer von ihnen ist Meša, der Pflanzen noch mehr liebt als Nihada. Auf seinen „Plantismus“-Social-Media-Kanälen kann man sie bewundern.

Das letzte Mal als er bei mir zu Besuch war, hat er mir eine von diesen unkaputtbaren ZZ-Pflanzen (Zamioculcas Zamiifolia) geschenkt, die er allerdings in Berlin gekauft hatte.

Sie steht seither auf dem Rolltischchen neben dem Fernseher und schaut rüber zum dicken Kaktus und seinen Kindern. Vielleicht erzählen sie ZZ manchmal von Sarajevo. Dieser melancholischen von Bergen umgebenen Schönheit, die so viel mitgemacht hat und die sicher auch den gegenwärtigen Alptraum überstehen wird.

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