So wie beim Strandkorb Open Air-Konzert am Cruise Center Steinwerder in Hamburg sehen derzeit viele Konzerte aus. Foto: Georg Wendt/dpa
© Georg Wendt/dpa

Zerstört Corona das Live-Erlebnis? „Hygieneauflagen sind tausendfach besser, als gar keine Konzerte“

Konzerte sind nur mit Hygieneauflagen möglich. Helge Schneider wollte deshalb nicht mehr auftreten. Was denken andere? Wir haben Popmusiker*innen gefragt.

Kürzlich brach Helge Schneider ein Konzert in Augsburg nach 30 Minuten ab. Weiteren Auftritte im Rahmen des Strandkorb Open Air will er nicht mehr geben, weil ihm das Format nicht passe. Nena rief bei ihrem Open-Air-Konzert in Schönefeld Fans dazu auf, das Hygienekonzept zu missachten. Vor der Zugabe beendete der Veranstalter den Abend. Sind die Bedingungen für Live-Events eine Zumutung? Fünf Künstler:innen und eine Band berichten, wie sie die ersten Auftritte nach dem Lockdown empfinden.

Die Berliner Musikerin Balbina. Foto: imago/Future Image Vergrößern
Die Berliner Musikerin Balbina. © imago/Future Image

BALBINA

Mein erster Gig beim Reeperbahnfestival in Hamburg steht jetzt an. Es ist eine Herausforderung, die ich spielerisch annehme. Kein Konzerterlebnis ist gesetzt, wieso nicht neue Wege gehen ohne vollbepackte Stehplätze und mit kleinen Erlebniskapseln? Den Zuschauer:innen traue ich zu, dass sie solche Events interessieren könnten.

Ich bin selbst auch manchmal im Publikum und würde durchaus ein paar Taler mehr ausgeben, um sitzend in der ersten Reihe, mit Ellenbogenplatz, einem Wein im Glas eine meiner Lieblingskünstler:innen genießen zu können. Nicht als alleinige Option für die Zukunft, aber nach pandemiegerechten Lösungen zu suchen – das fühlt sich für mich nachhaltig an.

Nena hat meiner Meinung nach öffentlich völlig falsche Kausalitäten dargestellt. Das Missachten der Hygienevorschriften ist kein Zeichen von Freiheit, sondern eine Gefährdung der Mitmenschen und somit das genaue Gegenteil. Freiheit bedeutet die Würde und Unversehrtheit des eigenen Umfelds zu achten. Wer sich während einer Pandemie gegen das Mindestmaß an Sicherheitsvorkehrungen wie Maskenpflicht oder Immunisierung wendet, verhält sich schlichtweg unsolidarisch.

Für die Zukunft wünsche ich mir europaweit mehr Solidarität der anderen Branchen wie dem Sport zum Beispiel. Dieser ganze EM-Uefa-Superspreading-Event hat mittelständische Produktionen wie meine jetzt wieder in Frage gestellt, weil die Inzidenzen hochgehen. Wieso können wir die Linie nicht stringent durchziehen, damit es geschlossen für alle wieder bergauf gehen kann? Ist mir ein Rätsel.

Musikerin Mine. Foto: Simon Hegenberg Vergrößern
Musikerin Mine. © Simon Hegenberg

MINE

Die ersten Konzerte nach dem Lockdown waren sehr erfüllend. Große Euphorie! Ich merke wie verknüpft das Live-Erlebnis mit meiner Identität als Künstlerin ist und habe einfach sau Bock. Da ist auch eine extreme Dankbarkeit, wieder direkten Kontakt zu Zuhörer:innen zu haben.

Die Maßnahmen bei Open-Air-Konzerten sind derzeit absolut tragbar für beide Seiten. Klar macht es was aus, ob jeder oder bloß jeder zweite Platz besetzt ist. Aber gerade sind alle so hungrig nach kulturellen Ereignissen, dass Masketragen und Abstandhalten die Stimmung nicht eintrüben.

Wenn Künstler:innen wie Nena jetzt rebellieren, kann ich das deswegen absolut nicht nachvollziehen. Das ist eine egoistische Einstellung. Ich reg mich auch drüber auf, dass beim Fußball plötzlich alles möglich ist und bei Konzerten nicht, aber ich würde mir eher wünschen, dass die Regeln auch für Fußballspiele gelten. Das war ja absurd, was da abging, nur weil da so eine Lobby am Start ist.

Den CSD aber mit dem eigenen Konzert zu vergleichen, finde ich ziemlich daneben. Das ist auch politisch ein wichtiger Tag und deshalb in seiner Wichtigkeit anders zu beurteilen finde ich.

Die Rockband Shirley Holmes aus Berlin und Bremen. Foto: Christoph Mangler Vergrößern
Die Rockband Shirley Holmes aus Berlin und Bremen. © Christoph Mangler

SHIRLEY HOLMES

Nach eineinhalb Jahre Pause waren wir tatsächlich etwas nervös und fragten uns, ob auf beiden Seiten der Monitorboxen noch alles so ist wie vorher. Aber mit dem ersten Gitarrenakkord war alles wieder da: die Musik, die Band, das Publikum, die Energie – das hat extrem viel Spaß gemacht.

Es tat wahnsinnig gut, wieder mit anderen auf diese sehr besondere Weise verbunden zu sein. Natürlich macht es einen Unterschied, ob alle dicht an dicht vor der Bühne stehen, tanzen und singen oder ob sie mit Abstand in abgegrenzten Parzellen stehen. Unter normalen Umständen können wir als Band das Publikum noch mehr spüren, was sich wiederum auf unsere Performance auswirkt usw.

Wir wissen, dass die aktuelle Situation für viele Menschen mental extrem schwierig und belastend ist. Es kann frustrierend sein, unter strengen Auflagen aufzutreten. Allerdings werden die Hygienekonzepte der Veranstaltungen vorher kommuniziert und wenn man damit als Künstler:in nicht einverstanden ist, wäre es konsequent, den Auftritt abzusagen.

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Man kann sich mit dem Nena-Prominenz-Faktor im Gepäck aber auch konstruktiv an der öffentlichen Diskussion beteiligen, wie man das Thema Live-Konzerte unter Pandemie-Bedingungen lösen kann, dass es für alle Seiten, Musiker:innen, Publikum und Veranstaltende, ein gutes Erlebnis ist. Im besten Fall mit wissenschaftlichem Unterbau. Aber aufzutreten, obwohl man das Konzept ablehnt, und Leute dann dazu aufzufordern, die Hygieneregeln zu ignorieren, ist uncool und nicht gerade verantwortungsvoll.

Auch wir wünschen uns wieder Nähe. Miteinandersein. Gemeinsames Springen. Hingabe. Die Köpfe gefüllt mit Musik und nicht mit Corona. Doch vorerst brauchen wir gute, einheitliche und nachvollziehbare Konzepte und Verantwortungsbewusstsein – und dann Stück für Stück zurück zum Glück.

Die Berliner Pop-Sängerin Lùisa. Foto: Céline Jimenez Vergrößern
Die Berliner Pop-Sängerin Lùisa. © Céline Jimenez

ALBERTINE SARGES 

Nach der langen Pause endlich wieder aufzutreten ist prickelnd, kostet aber auch mehr Muskelkraft – geistig und körperlich. Nach dem ersten Song war ich schon fast durch. Das Adrenalin hat es ausgeglichen. Da das Publikum durch die Hygieneauflagen keine körperliche Entgrenzung erleben kann, schäumt auch nichts auf die Bühne über und alles wirkt etwas lau und ausgestellt.

Trotzdem finde ich die Auflagen wie Abstandsregeln und Masken angemessen. Ich denke es liegt im Sinne aller Bühnenkünstlerinnen, die Pandemie streng zu kontrollieren, um bald möglichst wieder schäumende Konzerte zu spielen. Und wenn das erstmal nicht geht, dann braucht es zumindest Sicherheit.

LÙISA

Ich habe im August endlich wieder eine Tour und es tut immens gut, dass das möglich ist. Live zu spielen, ist das wichtigste: Sowohl emotional, aber auch finanziell. Ich habe im Mai ein Album rausgebracht, ohne zu wissen, wann ich es auf der Bühne vorstellen kann.

Es fühlt sich so an, als ob man durch die Konzerte die Legitimation und den Sinn als Musikschaffende zurückerlangt, den man während der harten Phasen der Coronakrise oftmals angezweifelt hat. Darum: Konzerte trotz Hygieneauflagen sind tausendfach besser, als gar keine Konzerte. Natürlich nimmt das die Leichtigkeit, wenn das Publikum dazu angehalten ist, mit Abstand auf Stühlen zu sitzen. Eine positive Stimmung kommt aber trotzdem rüber und das tut auf der Bühne gut.

Die Veranstaltenden bemühen sich sehr, Live-Events möglich zu machen. Der spontane Egoismus von Nena und Helge Schneider würdigt das nicht. Das sind Acts, die sehr etabliert sind und auch deswegen eine besondere Verantwortung haben. Alle fänden es toll, wenn es die Einschränkungen nicht mehr bräuchte, weil das Virus bezwungen ist.

So lange sind Solidarität und ein Maß an Demut aber die besseren Begleiter. Dann kommt es im Herbst hoffentlich auch nicht zu einem Kulturlockdown. Natürlich sehne ich mir verschwitzte, euphorische Abende in Clubs herbei. Solange wünsche ich mir vor allem keine doppelten Standards. Stichworte: EM, Uefa und gut besetzte Stadien.

Die Berliner Musikerin Albertine Sarges. Foto: Sandra Müller Vergrößern
Die Berliner Musikerin Albertine Sarges. © Sandra Müller

GALV

Es ist ein tolles Gefühl wieder auf der Bühne zu stehen. Vor allem, weil ich endlich all die neue Musik ausprobieren kann, die in den letzten Monaten entstanden ist. Allerdings ist ein Gig unter Hygienebedingungen weit weg vom Wunschkonzert. Kein körperlicher Kontakt. Kein wildes Herumgeschreie. Da fehlt einfach was. Ich kann schon nachvollziehen, dass Kollegen keinen Bock haben, unter den Auflagen zu spielen.

Wenn man finanziell nicht darauf angewiesen ist, kann man da auch gut drauf verzichten. Aber was ich nicht verstehe, ist, dass man so fantasielos ist, dass man angeblich erst während des Auftritts merkt, wie scheiße die Konditionen sind. Meine Konzerte wünsche ich mir schnellstmöglich wieder Covid-frei und eskalationsreich.

Zur Startseite