Immer kraftvoll. Isabelle Geffroy, besser bekannt als Zaz. Foto: Imago
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Zaz-Konzert in Berlin Zaz – ein Ufo in der Philharmonie

Die Französin Zaz spielt ein kleines Konzert im großen Saal – mit der üblichen Energie und ungewohnten Tönen.

Drei weiße Regenschirme, mit jeweils einer Glühbirne beleuchtet, ein Kontrabass liegt da, das macht Hoffnung. Die Philharmonie, großer Saal, für eine kleine Frau mit großer Stimme, das hier könnte ein ganz besonderes Konzert der Französin Isabelle Geffroy werden, besser bekannt als Zaz. Viele junge Frauen in knappen Sommerkleidern, mitgeschleppte Männer, es ist nicht das übliche Publikum an der Herbert-von-Karajan-Straße, das hier am Donnerstagabend eingefahren ist, offenbar mehrheitlich mit dem Rad, wie die völlig verdrahteselten Fahrradständer vermuten lassen. Ein leichter Nebel verschleiert drinnen den Saal, als drei Musiker um punkt 20 Uhr auf die Bühne kommen –  Gitarre, Keyboard und eben jener Kontrabass – und gleich den Sommer mit hineinbringen: leichter Jazz mit chansonesquen Anklängen, virtuos dargeboten. Ach, könnten wir nicht irgendwo an die Seine umziehen, jetzt gleich, mit Ricard und Romantik?

Bienvenue en Allemagne!

Man erwartet, dass die Dame des Abends sich jederzeit von hinten hineinsingt, doch sie bleiben zu dritt, instrumental. Der Mann an der Gitarre ist Guillaume Juhel, sein erstes Album „Gipsy Traffic“ ist soeben erschienen, Zaz hat es produziert, wird man später erfahren, ein Lied mit eingesungen. Eine halbe Stunde lang dürfen sie spielen, versuchen das schon jetzt begeisterte Publikum immer wieder zum Mitklatschen auf zwei und drei oder vier zu animieren, was schnell in das übliche verzweifelte Durchklatschen mündet, Bienvenue en Allemagne!

Was für ein Kontrast, als Zaz selbst, eine lange Umbaupause ohne nennenswerte Umbauten später, um kurz nach 21 Uhr auf die Bühne kommt, mit einem lauten Schlagzeugknall und großem Lichtbrimborium, als hätte sie das Olympiastadion erwartet. Kaum etwas ist mehr übrig von den leicht verjazzten Klängen ihrer ersten Platte, sechs Jahre ist das schon her, ein Riesenerfolg, daheim in Frankreich und vor allem auch hierzulande. Viel poppigere Sachen hat sie seither gemacht, viel ooooh ooooh ooooh, sie mag es, wenn mitgesungen wird. „Debout“, ruft sie nach den ersten beiden schnelleren Nummern, da steht die Hälfte eh schon.

„Je suis comme ça“ - so bin ich eben

Ach, man kann es ihr ja doch nicht übelnehmen, dass sie nicht mehr macht aus diesem Raum, sie macht einfach ihr Ding, das Motiv ihres größten Hits „Je veux“ zieht sich durch die Chansons, „J‘parle fort et je suis franche, excusez-moi!“ „Je suis comme ça“, so bin ich eben, scheint sie allen und jedem ständig entgegenrufen zu wollen, was schon fast ein bisschen penetrant wirken könnte, wäre da nicht dieses breite, sympathische Grinsen.

Weitgehend hüpfend bestreitet sie den Abend, der immer ein bisschen zu laut ist, die sensible Akustik völlig verplempert unter all der Verstärkung, dem E-Bass und dem Schlagzeug. Doch da ist einiges mit Hitpotenzial dabei.  

Die leisen Momente kommen später

Die erhofften leisen Momente kommen dann aber doch noch, als sie zwei Stücke ihrer neuen Platte singt, die im Herbst kommen soll. Die Tour sollte vor der Veröffentlichung kommen, eine Art Testlauft, sagt sie, natürlich alles auf Französisch, versteht hier ja ohnehin jeder, vor allem auf den hinteren Rängen ist man textsicher. In der ersten Reihe tanzt eine Frau im Eiffelturmkleid, daneben eine im Très-Bien-T-Shirt. Nun also endlich nur das Klavier und sie, diese tiefe, leicht brüchige Stimme, die doch auch jederzeit ohne Verstärkung ein Stadion füllen könnte. Es knistert im Saal, niemand traut sich jetzt noch zu klatschen.

Wenig später kommt Guillaume Juhel doch noch einmal auf die Bühne, sitzt da und spielt wie Django Reinhardt, dazu ihre Stimme, „Les passants“ und dann von ihrem Chanson Album „Paris sera toujours Paris“, was schnell mündet in „Berlin sera toujours Berlin“.

„Reste-là!“, möchte man Juhel hinterherrufen, doch da setzt schon wieder ein Beat ein, als würde gleich Shakira auf die Bühne kommen.

Ein junger Berliner auf der Bühne

Man kann sie nicht festhalten, sie will immer Neues ausprobieren, mal singt sie Spanisch, mal hat sie afrikanische Klänge hineingenommen, mal spielt sie mit Klanghölzern, mal mit einem Synthesizer, der aussieht, als sein ein Mini-Ufo in der Philharmonie gelandet. Hinten glitzert die Diskokugel.

Diese Brüche gelingen ihr spielerisch, es scheint sie auch nicht zu interessieren, ob das nun allen gefällt oder nicht. „Ich weiß, dass das Album gut ist“, sagt sie, „ich bin sehr selbstsicher.“ Was man nicht von einem jungen Mann sagen kann, der dann ganz plötzlich auf die Bühne kommt, sichtlich überfordert vom prallevollen Saal und seiner Aufgabe. Stark zitternd liest er seinen Zettel vor; auch für ihn und sein Projekt ist Zaz heute hier: Sie hat diese „ganz spezielle Tour“, wie sie sagt, ihrem Projekt Zazimut gewidmet, einem internationalen Netzwerk für einen respektvolleren Umgang in der Gesellschaft. Für die Tour hat sie in jeder Stadt einen Partner gesucht, für den gespendet wird: Der junge Mann ist von Lambda, dem Netzwerk für junge Lesben, Schwule, Bi-, Trans* und Inter*.

Zaz streichelt ihm ermutigend über den Rücken, er richtet sich auf und sagt: „Es lohnt sich, mutig zu sein. Es lohnt sich, Haltung zu zeigen. Es lohnt sich, aktiv zu werden.“ Als er wieder geht steht der Saal, sein Mut hat sich gelohnt. Und Zaz, mit dem Sinn für Timing, haut genau jetzt „Je veux“ raus, natürlich mit Mitsing-Dauerschleife und unglaublich lauter Mundtrompete.

Nach anderthalb Stunden kriegt sie drei Sonnenblumen und zwei Lilien aus dem Publikum, lässt sich dann lange bitten für zwei Zugaben. Zum Abschluss „Éblouie par la nuit“. Wie auf Kommando holen tatsächlich alle ihre Handytaschenlampen raus, das Feuerzeug des 21. Jahrhunderts. Am Ende schafft sie es eben doch, diesen Raum in ein Stadion zu verwandeln.


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