Mit voller Kraft. Ungdomssymfonikerne aus Schweden in einem früheren Berliner Auftritt. Das Festival startet am 30. Juli. Foto: Kai Bienert
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Young Euro Classic in der Pandemie "Wir wollen ein echtes Orchesterfestival veranstalten"

Das Berliner Festival Young Euro Classic findet statt – mit stark reduzierter Zuschauerzahl. Ein Gespräch mit Gründerin Gabriele Minz über die Herausforderungen dieses Sommers.

Frau Minz, wie ist Ihre aktuelle emotionale Verfassung?
Durchaus angespannt, denn wir wollen ja in diesem Sommer Young Euro Classic als echtes Orchesterfestival veranstalten. 2020 haben wir die Lösung mit kammermusikalischen Konzerten gefunden – ich sage bewusst nicht Notlösung! – mit sehr reduzierter Zuschauerzahl im Saal. Aber das Festival fand statt, und das Niveau konnte sich hören lassen. 2021 aber möchten wir unbedingt wieder sinfonische Musik anbieten. Im Februar haben wir uns auf eine Orchesterstärke von 65 Musiker:innen festgelegt.

Inzwischen dürfte sogar eine größere Anzahl Beteiligter auf die Bühne, aber wir mussten ja mit einer konkreten Zahl planen. Denn die Umsetzung jedes einzelnen Abends ist anspruchsvoll unter den ständig wechselnden Bedingungen, nicht nur bei uns, sondern auch in den Ländern, aus denen unsere Orchester anreisen. Die Herausforderungen sind groß, doch ich spüre bei allen unseren Partnern und Geldgebern auch eine freudige Fürsorge. Das hat uns durch die anstrengende organisatorische Vorbereitungszeit getragen.

Manche Orchester kommen aus Risikogebieten wie Spanien und Portugal, andere haben sehr weite Wege, wie die Musiker:innen aus Kuba oder jene aus der russischen Millionenstadt Chelyabinsk am Ural.
Ja, aber – toi, toi toi! – bisher gab es keine einzige Absage. Ich spüre ein geradezu schmerzliches Bedürfnis der Jugendorchester, endlich wieder mit Publikum in Kontakt zu kommen. Damit umzugehen, wie die Zuhörerinnen und Zuhörer reagieren, ist eine hohe Kunst, die digital nun einmal nicht zu erlernen ist.

Das Einzige, was im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit in Berlin derzeit leichter sein müsste, ist die Beschaffung von Hotelzimmern für die Festivalteilnehmer, oder?
Tatsächlich. Mit unserem langjährigen Partner Maritim ist es immer unkompliziert und mit dem Estrel Hotel in Neukölln haben wir diesmal einen Partner gefunden, der sich für das Projekt begeistert und uns darum großartige Konditionen angeboten hat. Das Estrel ist ja ein Veranstaltungshotel und hat darum nicht nur viele Zimmer, sondern eben auch jede Menge Säle, in denen sich die einzelnen Orchester jeweils coronakonform versammeln können.

Ideengeberin. Gabriele Minz organisiert seit 2000 Young Euro Classic. Foto: G. Kassner Vergrößern
Ideengeberin. Gabriele Minz organisiert seit 2000 Young Euro Classic. © G. Kassner

Lange ging das Gerücht um, dass Sie auch Konzerte auf den Gendarmenmarkt übertragen wollen. Warum kamen Sie mit dieser Nachricht erst so spät heraus?
Angesichts komplexer Abstimmungsprozesse, Last-Minute-Einwände und kurzfristiger Zusagen war der 12. Juli gar nicht mal so spät! Früher hätten wir die Freiluft-Erweiterung nicht bekanntgeben können, damit hätten wir nur unsere Partner vor den Kopf gestoßen. Dank des gemeinsamen Kraftaktes haben wir schließlich grünes Licht für fünf Abende erhalten. Die Finanzierung stand schon länger, ein Großteil der benötigten Summe kommt von der Berliner Lottostiftung, der Rest wird durch das Senatsprojekt der „Draußenstadt“ bereitgestellt.

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Wir haben bereits 2019 mit MMT Network eine neue, immersive Tontechnik erfolgreich für eine Übertragung aus dem Saal auf den Gendarmenmarkt getestet, sie wird jetzt wieder zum Einsatz kommen. Dazu liefert Euroarts Live-Videobilder für die beiden Leinwände, die wir vor dem Konzerthaus aufstellen. Für die kostenlosen Sitzplätze draußen kann man sich online anmelden. Eine Auflage des Bezirksamtes allerdings ist, dass wir den Platz einzäunen und den Zaun mit einem Sichtschutz versehen, um mögliche Menschenansammlungen davor zu verhindern.

Mit dem Konzerthaus, das seit dem ersten Festival im Jahr 2000 Young Euro Classic beherbergt, dürfte die Zusammenarbeit leichter sein als mit dem Bezirksamt.
Das Konzerthaus ist seit Beginn der Zusammenarbeit ein außergewöhnlich guter, sehr professioneller Partner, natürlich auch, was die Umsetzung des notwendigen Corona-Hygienekonzepts betrifft. Wir gehören ja mittlerweile zum Haus im Sommer.

Der Vorverkauf läuft hervorragend, ich bin darum sehr froh, dass sich das Orquestra del Lyceum de la Habana aus Kuba bereiterklärt hat, am 15. August ein zweites Konzert zu spielen, am Vormittag. Wir können 700 Gäste im Saal empfangen, gespielt wird ohne Pause, rund 70 Minuten lang. Übrigens lohnt es sich, regelmäßig auf unsere Website zu schauen, denn wir können oft noch kurzfristig Kartenkontingente freischalten, selbst für Konzerte, die derzeit als ausverkauft gekennzeichnet sind.

Schwerpunkte des Programms sind in diesem Jahr wieder bekannte Sinfonien von Schubert und Schumann, von Brahms, Beethoven, Mendelssohn, Dvorak und Tschaikowsky. Wieviel Platz ist in Pandemiezeiten für Experimente?
Die sind uns weiterhin wichtig. Exemplarisch für die Experimentierfreudigkeit und Unerschrockenheit, die es in der Jugendorchesterszene gibt, stehen Hugo Ticciati und sein schwedisches O/Modernt New Generation Orchestra, das mit Vorliebe Genres jenseits der Klassik mit einbezieht. Wir haben mit sieben Ur- und Erstaufführungen etwas weniger Zeitgenössisches im Programm als gewohnt, aber wir wollten unbedingt auch neue und neueste Musik präsentieren. Das Preisgeld, das sonst von der Publikumsjury für das beste Werk vergeben wurde, teilen wir diesmal unter allen beteiligten Komponist:innen gleichmäßig auf.

Zu den Besonderheiten von Young Euro Classic gehört die Festivalfanfare. Im vergangenen Jahr mussten Sie wegen der kammermusikalischen Besetzungen bei fast bei allen Konzerten darauf verzichten. Wird sie diesmal erklingen?
Ja, denn sie ist ja das klingende Band, das alle Konzerte umschließt. Anders verfahren wir in diesem Jahr mit den Grußworten der prominenten Paten: Da die Aufführungsdauer stark begrenzt ist, soll die gesamte Zeit der Musik zur Verfügung stehen. Daher sprechen unsere Paten – zum Beispiel Iris Berben, Eckart von Hirschhausen oder Claudia Roth – ihre Grußworte im Vorfeld ein. Diese Videobotschaften erhalten die Gäste dann per E-Mail oder über den Veranstaltungsbereich unserer Website.

Thematisch ist Young Euro Classic stark gewachsen über die Jahre. Neben den traditionellen Orchesterkonzerten gibt es mittlerweile auch den Bereich Next Generation. Worum geht es da?
Um den Nachwuchs des Nachwuchses! Für das Junior-Orchester-Projekt werden diesmal Kinder im Alter zwischen sechs und 14 Jahren aus dem südwestfranzösischen Pau am Fuße der Pyrenäen nach Berlin kommen, um mit Schülerinnen und Schülern der Neuköllner Paul-Hindemith-Musikschule zu musizieren. In Pau gibt es ein großes Sozialprojekt nach dem Vorbild des venezolanischen „El Sistema“, bei dem die Kinder vier Mal pro Woche Musikunterricht bekommen.

[Das Gespräch führte Frederik Hanssen. Infos zum Programm einschließlich der Übertragungen auf den Gendarmenmarkt unter www.young-euro-classic.de]

Was mich an der Initiative besonders begeistert, ist, dass die Eltern sehr engagiert mitarbeiten, geradezu zum Motor des Projekts geworden sind. In Berlin wie in Pau haben sich die Kinder seit Monaten auf die gemeinsame Probenphase vorbereitet und werden dann am 8. August beim Familientag in einem Matinée-Konzert auftreten.

Außerdem gibt es Ferienworkshops für verschiedene Altersklassen zu Themen wie „Musik und Tanz“, „Multimedia“ und „Reportage“ sowie eine Lesung mit dem Titel „Europa – meine Heimat? Meine Zukunft?“, für die Jugendliche Essays geschrieben haben.
Da sind echte Talente zu entdecken! Die Lesung mit Europa-Texten von Schülerinnen und Schüler machen wir zum dritten Mal. Die tollen, engagierten Lehrerinnen, die das Projekt betreuen, haben wir über unseren Kooperationspartner, das Internationale Literaturfestival Berlin, kennengelernt, die beiden Journalisten, die dann die Texte redigieren, machen das als engagierte Europäer ehrenamtlich. Der Schauspieler Boris Aljinovic, ebenfalls seit vielen Jahren ein leidenschaftlicher Verbündeter von Young Euro Classic, wird die Texte am 15.8. vorstellen, zusammen mit seiner Kollegin Olivia Marei, die alle Jugendlichen aus der TV-Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ kennen.

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