Auch auf der Bühne heißt es dieser Tage: Abstand. Musiker Mitte Juni bei einer Probe im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Foto: Markus Werner
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Young Euro Classic Festival findet statt „Wir mussten einfach was machen!“

Ein Gespräch mit Gabriele Minz, Leiterin des Young Euro Classic Festivals, das trotz der Coronakrise vom 1. bis 10. August stattfindet.

Frau Minz, das Jugendorchestertreffen „Young Euro Classic“, das Sie seit 2000 organisieren, findet vom 1. bis 10. August 2020 statt, wie gewohnt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Sind Sie selber immer noch überrascht davon?

Ja und nein, es war ein permanentes Ringen um eine Lösung. Wir haben bis weit in den März hinein gehofft, das Festival so realisieren zu können, wie ursprünglich geplant. Die Flyer waren ja schon gedruckt! Die Orchester aus aller Welt haben signalisiert: ,Wenn irgend möglich, kommen wir!’ Und auch unsere Geldgeber, vor allem der Hauptstadtkulturfonds, haben uns Mut gemacht: Bis zum August kann doch noch viel passieren. Aber dann ging es in die völlig andere Richtung. Als der radikale Schnitt kam und ein Festival nach dem anderen abgesetzt wurde, haben wir gesagt: Wir wollen auf jeden Fall alles versuchen, dass Young Euro Classic – wenn auch in einer anderen Form – stattfinden kann.

Verloren gegeben haben Sie das Festival also nie?

Nein, etwas verloren zu geben, zählt nicht zu unseren Eigenarten. Flexibel auf Herausforderungen zu reagieren – das ist uns aus 20 Jahren Young Euro Classic vertraut. Wir haben seit 2000 mit der Unsicherheit gelebt, immer war es eng mit der Finanzierung, oft wussten wir im Spätherbst nicht, ob es Young Euro Classic im nächsten Jahr geben würde. Erst seit ein paar Jahren statten uns der Hauptstadtkulturfonds in Verbindung mit den wenigen engen Partnern so aus, dass wir etwas freier atmen können. Aber 40 bis 50 Prozent des Etats müssen über die Ticketeinnahmen hereinkommen, und das haben wir in den letzten Jahren mit einer Auslastung von 97 Prozent geschafft, bis Corona kam.

Wann wurde der Plan geboren, ins Konzerthaus zu gehen, aber mit Kammermusik-Besetzungen statt mit den ganz großen Sinfonieorchestern wie sonst?

Als es vom Senat hieß, die Konzerthäuser müssten bis zum 31. Juli geschlossen bleiben, dachten wir: Dann können wir doch ab 1. August spielen! Wir müssen was machen! Denn das Leid - und ich benutze dieses Wort ganz bewusst - der jungen Musikerinnen und Musiker ist groß, weil sie so lange nicht mehr vor Publikum spielen konnten.

Sie hätten aber auch sagen können: 2020 fällt aus. Denn wenn Sie keine Konzerte veranstalten, haben Sie auch keine Kosten?

Nein, so einfach ist das nicht. Denn wir hatten bis zum Frühjahr die gesamte Vorbereitung für Young Euro Classic als Orchesterfestival schon getan. Und da waren natürlich relevante Kosten entstanden. Zudem war mir klar, dass wir auf keinen Fall mit zusätzlichen Mitteln rechnen konnten. Wir mussten also ein Konzept finden, das mit dem verbliebenen bewilligten Geld auskommt plus Ticketeinnahmen, wegen der Abstandsregeln aber nur von 20 Prozent des Üblichen.

Also haben Sie Studierende der Berliner Hochschulen gebeten, das neue Programm zu gestalten. Weil die nur ein BVG-Ticket für die Anreise brauchen...

In unserem Programm steckt eine Menge von dem drin, wofür Young Euro Classic seit 20 Jahren steht und geliebt wird. Auch diesmal können wir Mitwirkende aus 24 verschiedenen Nationen präsentieren! Wenige reisen an, zum Eröffnungsabend aus Griechenland zum Beispiel. Aber sonst, klar: Alle Welt studiert nun einmal in Berlin. So ist unser internationaler Anspruch gesichert. Unsere Anfrage ist von den Hochschulen übrigens sehr dankbar aufgegriffen worden. Eine Studentin weinte vor Freude, als sie hörte, dass sie wieder auftreten kann. Aber alle Hygieneregeln einzuhalten, ist eine Wissenschaft für sich. Deshalb haben wir unter anderem mit Playmobil-Figuren auf einem Plan der Konzerthaus-Bühne die unterschiedlichen Aufstellungen der Künstler simuliert: Vom Soloauftritt bis zum 21-köpfigen Ensemble. Dem Kultursenator, der beim Eröffnungskonzert sprechen wird, habe ich ein Foto von einer dieser Simulationen zugeschickt, damit er weiß, wo er steht.

Gabriele Minz Foto: Gerhard Kassner Vergrößern
Gabriele Minz © Gerhard Kassner

Wie weit mussten Sie sich von der Konzeption entfernen, die Ihr künstlerischer Leiter Dieter Rexroth für 2020 entworfen hatte?

Sie meinen: vom geplanten Orchesterfestival? Sehr weit. Aber diesen Weg sind unser künstlerischer Leiter Dieter Rexroth, das Team und ich zusammen gegangen, mal Hand in Hand, mal Kopf gegen Wand, wie seit 20 Jahren. Was erhalten bleiben konnte, ist geblieben: Der Eröffnungsabend ist weiterhin Griechenland gewidmet, der Wiege der Demokratie. Lea Singer hat dazu Texte geschrieben, die zwischen den Musikstücken rezitiert werden. Und zum Abschluss am 10. August treten, wie geplant, Musiker und Musikerinnen des European Union Youth Orchestra (EUYO) auf, mit den deutschen Teilnehmern der diesjährigen Sommerarbeitsphase. Verschiedene Länder, die sonst ihre nationalen Jugendorchester schicken, sind diesmal durch Metropolen- Konzerte repräsentiert: Sie spiegeln die Musikgeschichte von Wien, Paris, Berlin oder St. Petersburg.

Und die Orchester aus aller Welt kommen dann wieder 2021?

Wer kann das wissen? Jedenfalls haben fast alle angeboten, den geplanten Auftritt auf den nächsten Sommer zu verschieben. Die Orchester brennen darauf, wieder vor Publikum spielen zu können.

Young Euro Classic war in den vergangenen Jahren unter Umweltgesichtspunkten eine ziemliche Katastrophe. Wenn 100-köpfige Ensembles aus den fernsten Winkeln der Welt anreisen, hinterlässt das einen enormen CO2-Fußabdruck.

Das stimmt nicht. Die Orchester reisen nicht nur wegen eines Auftritts bei Young Euro Classic von weither an. Wir planen Orchester von weither dann ein, wenn ihr Berlin-Gastspiel Teil einer größeren Tournee ist. Das Miagi Orchestra aus Südafrika beispielsweise hatte neben seinem letzten Young Euro Classic-Auftritt noch einen Haufen weitere Konzerte, das EUYO reist in der Regel mit Bussen. Austausch ist wichtig, denn die jungen Leute sollen bei ihren Reisen ja nicht nur Musik machen, sondern auch andere Länder und Kulturen kennenlernen. Was davon nach Corona bleibt, muss sich zeigen.

In der Coronakrise hat das Streamen von Konzerten einen enormen Boom erlebt. Könnte das ein Vorbild für ein klimaneutrales Festival sein?

Für mich persönlich geht nichts über das Live-Erlebnis. Aber die Welt dreht sich weiter. Wir haben im vergangenen Jahr Beethovens Neunte aus dem Konzerthaus auf den Gendarmenmarkt übertragen, mit einem neuartigen 3D-Sound. Die Technologie wird im Pop-Bereich schon länger angewendet, für die Klassik aber war das ein Pilotprojekt open air, das alle begeistert hat. Wenn es uns etwa gelingt, in dieser Qualität ein Konzert des nationalen Jugendorchesters von Uruguay in Montevideo aufzunehmen, übers Netz zu versenden und in Berlin im Konzerthaus präsentieren, müssen nicht 100 Leute über den Atlantik fliegen, sondern nur ein paar Toningenieure. Über solche Optionen denken wir nach – als Möglichkeit, zusätzliche Erlebnisse zu schaffen. Immer dialogisch natürlich, so dass dann auch ein Konzert beispielsweise des Bundesjugendorchesters im Austausch nach Uruguay übertragen würde. Das ist zwar nicht komplett CO2-neutral, man braucht ja Energie für die Übertragung, aber dennoch eine Form, wie der internationale Austausch klimafreundlicher stattfinden kann.

Welche Gedanken gehen ihnen vor dem Start des 2020er Festivals jetzt noch im Kopf herum?

Ich bin ungeheuer gespannt. Werden wirklich alle kommen, die sich mit den Tickets ihre Sehnsucht nach einer Rückkehr zur Normalität gekauft haben? Oder werden einige doch ängstlich? Wir müssen uns ja erst wieder daran gewöhnen, Vertrauen zu den altbekannten Strukturen aufzubauen, zu Konzerten im geschlossenen Räumen. Der soziale Abstand, zu dem wir uns zwingen mussten, bewirkt eben - bewusst oder unbewusst - auch einen psychologischen Abstand. Aber wir alle freuen uns riesig!

Das Gespräch führte Frederik Hanssen

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