Vielfalt bei Young Euro Classic. Das musikalische Europa ist längst größer als das politische. Foto: Kai Bienert
© Kai Bienert

Young Euro Classic feiert 20 Jahre Rituale der Gemeinschaft

Das Young Euro Classic Festival war von Beginn an ein Publikumsmagnet. Diesen Sommer feiert es seine 20. Ausgabe. Diesmal steht Beethoven im Mittelpunkt.

Es war kurz vor der Jahreswende 1999, da saß eine Handvoll Freunde beim Abendessen zusammen und beschloss: Im Angesicht der Jahrtausendwende wollen wir ein Zeichen setzen. Ein Zeichen für Europa, das nicht nur die Idee der Staatengemeinschaft beschwört, sondern die gelebte Realität abbildet. Und zwar in tönender Form: mit einem Jugendorchestertreffen im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, das die europäische Orchestermusik feiert, in ihrer ganzen, historisch gewachsenen Vielfalt feiert, neu belebt vom Feuereifer des Nachwuchses.

Young Euro Classic“ ist als klassische Bürgerinitiative entstanden und nicht als Marketingidee, um das Sommerloch bei den Hochkulturinstitutionen zu stopfen (Das Festival läuft bis zum 6. August. Infos unter young-euro-classic.de.) Dieter Rexroth, damals Intendant der Berliner Rundfunkorchester und -chöre GmbH, der Einzige mit professionellem E-Musik-Hintergrund, übernahm die künstlerische Leitung, die Unternehmensberaterin Gabriele Minz kümmerte sich ums Organisatorische. Eigentlich war ihr Ding bis dato eher der Jazz gewesen, doch nun stürzte sie sich in ein klassisches Abenteuer, warb Sponsoren an, begeisterte Botschafter und Prominente, charmierte Behördenmitarbeiter. In ihrem Büro in Wilmersdorf laufen bis heute alle Fäden zusammen.

Das Außergewöhnliche feiern

Aus dem Nichts und ohne staatliche Zuschüsse startete das Festival im August 2000 – und war sofort ein Publikumsrenner. Das wiederum machte den Organisatoren Mut. Willi Steul, ein weiterer Gründungsvater, damals noch beim SWR, später Deutschlandfunkchef, sagte über das Programm des zweiten Sommers: „Wir wollen zeigen, dass das musikalische Europa längst viel größer ist als das politische.“ Darum waren nun auch nationale Jugendensembles aus Island, Türkei und baltischen Staaten dabei, ja sogar aus Armenien und Aserbaidschan. Von überallher wurde das Festival bald von Menschen bestürmt, die unbedingt in Berlin dabei sein wollten.

24 700 Musikerinnen und Musiker aus 70 verschiedenen Ländern sind mittlerweile bei diesem sommerlichen Völkerverständigungsevent aufgetreten, eigentlich müsste dessen Name längst „Young Global Classic“ lauten. Dass hier einiges anders gemacht wird als im üblichen Konzertbetrieb, dass Gabriele Minz andere, neue Rituale eingeführt hat, gehört zweifellos mit zu den Gründen des dauerhaften Erfolgs: „Das Festival soll wie ein Ball sein, der auf die Besucher zurollt“, sagt sie – und meint damit nicht die Anbiederung an vermeintlich kulturferne Zielgruppen, die es dort abzuholen gelte, wo sie stehen. Bei der Ernsthaftigkeit, mit der im Konzerthaus musiziert und zugehört wird, werden keinerlei Abstriche gemacht. Aber die Definition des „festlichen Abends“, den so traditionelle Klassikliebhaber suchen, wurde modifiziert, modernisiert: Young Euro Classic will das Außergewöhnliche der Kunstform feiern, indem es das Gemeinschaftserlebnis zum echten Fest macht.

Die Besucher können die Freitreppe hinaufschreiten

Das fängt schon damit an, dass die Besucher den Schinkel-Bau am Gendarmenmarkt nicht wie üblich im Sockelgeschoss betreten müssen, sondern über die Freitreppe zum Saal hinaufschreiten können. Die Kunden sind hier Könige, sie werden darum auch von einer Festivalhymne begrüßt – und von einem Paten, der Privates zum Programm erzählt oder zu dem Land, aus dem das jeweilige Orchester kommt. Hinterher gibt es Sonnenblumen für die Mitwirkenden und manchmal sogar eine Aftershow-Party.

Was die Stadt Berlin für die Partyfreudigsten aus der internationalen Easyjetter-Community ist, ist Young Euro Classic für alle jungen Leute, die zusammen Klassik spielen: ein sommerlicher Sehnsuchtsort. Das Publikum wiederum, das sich im Konzerthaus versammelt, kommt mit größtmöglicher Neugier, auch für bislang Unbekanntes. Und es will hören, wie die Ensembles aus aller Welt sich die vertrauten Partituren aus old Europe wohl angeeignet haben.

Beethoven steht im Mittelpunkt

Diesmal steht Beethoven im Mittelpunkt. Im Vorgriff auf dessen 250. Geburtstag, der 2020 ansteht, gibt es einen Zyklus aller seiner Sinfonien, interpretiert von Musikerinnen und Musikern aus Polen, Rumänien und Portugal, aus Chile, der Slowakei, Israel und Palästina, der Türkei, China – und natürlich vom European Union Youth Orchestra. Weil Beethoven tatsächlich ein Weltbürger im Geiste war, weil er die Musikgeschichte vorangebracht hat wie kaum ein Zweiter und weil Europa ihm nicht zuletzt seine Erkennungsmelodie verdankt, ist das okay. Im kommenden Sommer aber darf das Programm dann gerne wieder etwas innovativer ausfallen.

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