Sitzt das Kopftuch? Wieland Wagner (links) und die Sopranistin Anja Silja 1963 bei Proben für die "Meistersinger". Foto: picture-alliance/ dpa/Karl Schnörrer
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Wieland Wagner und die Bayreuther Festspiele Ein Mann voller Widersprüche

Hitler war für ihn "Onkel Wolf", heute gilt er als Lichtgestalt des Bayreuther Neuanfangs: Zum Saisonstart erscheint ein Sammelband über Wieland Wagner.

„Wir wollen die großen Schwächen, für die auch große Künstler anfällig sind, nicht entschuldigen. Doch glauben wir, dass man endlich einmal einen Trennstrich machen muss.“ Das schreibt nicht etwa ein Altnazi in unseren Tagen, das schrieb im Januar 1948 Heinrich Strobel, seit den zwanziger Jahren einer der entschiedensten Förderer der Avantgarde in Deutschland, später legendärer SWR-Musikchef und Ermöglicher der wiederauferstandenen Donaueschinger Musiktage ab 1950. Gemünzt waren seine Worte auf die Verstrickungen der Komponisten Richard Strauss und Hans Pfitzner in die NS-Kulturpolitik, doch Michael Custodis bezieht den Verdrängungsdrang in der frühen Nachkriegszeit ebenso auch auf Wieland Wagner.

„Konrad Adenauer, Theodor Heuss und das Erbe Bayreuths“ nennt er seinen Aufsatz, der jetzt in einem Sammelband zur Ästhetik und Wirkung des legendären Regisseurs erschienen ist.

„Diplomatisch elegant und nachhaltig konnte man mit Musik an Stellen, die offizieller Repräsentationspolitik noch verschlossen waren, die Bundesrepublik als das friedliche Kulturland der Denker, Dichter und Künstler in Erinnerung bringen.“ Darum wurden Auslandstourneen großzügig subventioniert, darum bezuschusste das „Bundesministerium für den Marschallplan“ die Bayreuther Festspiele. Obwohl gerade auf dem Grünen Hügel der völkische Geist weiterhin wehte, sich beispielsweise Görings Tochter 1954 ins Goldene Buch der Stadt Bayreuth eintragen durfte. Franz-Josef Strauss betonte im selben Jahr in einer Kabinettssitzung, „dass es durchaus unerwünscht sei, wenn die Bayreuther Festspiele zu einem Treffpunkt vergangener Größen des Nazi-Regimes würden. In dieser Richtung sind Beobachtungen in der Vergangenheit gemacht worden.“

Wieland brach radikal mit der alten Ästhetik

Als Garant für den Bruch mit der Hitler-Hörigkeit des Wagner-Clans, als Lichtgestalt des Neuanfangs der Festspiele ab 1951, gilt Wieland Wagner. Weil er radikal mit der alten Ästhetik brach, die Bühne entrümpelte und mit seinen suggestiven Lichteffekten und der ritualisierten Personenführung das Stammpublikum nachhaltig verstörte. 2017, als Wielands 100. Geburtstag gefeiert wurde, fand ein Symposium in Haus Wahnfried statt, der Bayreuther Villa des Komponisten, die als Museum genutzt wird. Dessen Ergebnisse dokumentiert der von Stephan Mösch und Sven Friedrich herausgegebene Band (Königshausen & Neumann, Würzburg 2019, 283 Seiten, 38 €).

Gerade Friedrich, der Museumsleiter, geht dabei scharf mit Wieland Wagner ins Gericht, legt dar, wie nahe er als Heranwachsender dem „Onkel Wolf“ genannten Diktator stand – um nach der Flucht 1945 aus Bayreuth ins Ferienhaus der Familie am Bodensee dann eine Kehrtwende zu vollziehen. Indem er just an jene Konzepte anknüpfte, die von den Nazis als „entartet“ abgelehnt worden waren, nämlich den Expressionismus, die Psychoanalyse, das Bauhaus und die „entideologisierte“ Antikenrezeption.

Aus diesen zusammengeklaubten Versatzstücken montierte er seinen Personalstil, der zeigen sollte, „dass es so etwas wie unpolitische Kunst gäbe“. Besonders raffiniert war in Sven Friedrichs Augen, dass es dem Festivalchef gelang, Geistesgrößen wie Theodor W. Adorno, Ernst Bloch und Hans Mayer als Autoren für die Programmbücher zu gewinnen: „Erst durch die Beiträge dieser einflussreichen und wirkungsmächtigen Autoren wurden Wagner und Bayreuth im intellektuellen Diskurs der Zeit überhaupt wahr- und ernstgenommen.“

"Edle Einfachheit" prägte seine erste Schaffensphase

Nicht alle Autoren des Buches betreiben eine so rabiate Demontage. Interessant analysiert Volker Mertens, wie der Regisseur sich die griechische Tragödie als Parallelwelt zu den mittelalterlichen Figuren der Wagner-Opern erschloss, ohne in die Falle des „Scheingriechentums“ zu tappen, also jenes bloße Zitieren der antiken Architektursprache, mit der im 19. Jahrhundert „Börsengebäude, Bahnhöfe und Militärwachen“ verziert worden waren. Wieland Wagner befreite den Bühnenraum von allem Zierrat, setzte wenige Akzente durch abstrakte Objekte, die von Malern wie Chagall und Klee oder Bildhauern wie Henry Moore inspiriert schienen, und bewegte seine Figuren nach den Regeln rätselhafter Rituale.

Diese Bildsprache der „edlen Einfachheit“ prägt die erste Schaffensphase Wieland Wagners in den fünfziger Jahren. Unter dem Einfluss von Carl Orff folgt dann eine zweite Phase, in der sich Wagner bis zu seinem frühen Tod 1966 für die dunklen Seiten der archaischen, „mythisch verstandenen Unheilswelt“ interessiert.

Wagners Ehefrau Gertrud war wichtig für den Neuanfang

Die Wandlungsfähigkeit Wagners unterstreicht auch Stephan Mösch in seiner Betrachtung der Bayreuther „Meistersinger“-Versionen von 1956 und 1963. In der ersten Arbeit greift der Regisseur auf Erinnerungen an die Bühnenavantgarde der dreißiger Jahre zurück und treibt sie in seinen „leeren Licht-Räumen konsequent ins Extrem“. Statt der deutschtümelnden Butzenscheiben-Nürnberg-Oper zeigt er ein Ideendrama, in dem das Volk zum höchsten Kunstrichter wird. Acht Jahre später nimmt Wieland Wagner dann die interpretatorische Gegenposition ein und inszeniert im Ambiente einer Shakespeare-Bühne eine bissige Gesellschaftssatire.

[Die Festspiele starten am Donnerstag den 25. Juli mit „Tannhäuser“. Die Eröffnungspremiere ist live ab 16 Uhr auf RBB Kulturradio zu hören und ab 18 Uhr im Cinemaxx Kino am Potsdamer Platz zu sehen.]

Wie wichtig die Rolle von Wagners Ehefrau Gertrud für den Bayreuther Neuanfang war, macht Arne Langer klar. Als Ausdruckstänzerin ausgebildet, konnte sie dem studierten Maler Wieland vermitteln, wie sich innerhalb seiner statischen Arrangements die Aufmerksamkeit des Publikums durch wenige, markante Aktionen gewinnen lässt. Diese Art des abstrakten Symbolismus fand bis in die siebziger Jahre hinein manche Nachahmer – letztlich aber hat sich auf deutschen Bühnen nicht Wieland Wagners Theaterverständnis durchgesetzt, sondern das seines Antipoden Walter Felsenstein: ein realistisches Musiktheater, das die Stücke so verständlich, so plastisch und packend erzählt, dass sich die Handlung nicht nur dem intimen Werkkenner erschließt, sondern jedermann.

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