Berlin Charlottenburg mit Gedächtniskirche. In dieser Gegend wächst Patience auf. Foto: Imago
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Wiederentdeckter Berlin-Roman Toxisches Dreieck am Kudamm

Margaret Goldsmith schrieb 1931 den Roman „Patience geht vorüber“, der von einer jungen Berliner Journalistin erzählt. Jetzt ist das Werk neu aufgelegt worden.

„Technik ist alles.“ So lautet der Rat fürs Leben, den die junge Berliner Journalistin im Dom-Hotel zu Köln erhält. Eigentlich will Patience von Zimmern hier einen wichtigen britischen Politiker interviewen, doch er ist nicht da und das Gespräch mit seiner Sekretärin Germaine Martin wird ungleich wichtiger für sie.

Denn diese polyglotte Dame scheint eine Formel zur Vermeidung liebesbedingter Seelenqualen gefunden zu haben, unter denen Patience gerade leidet. Statt sich von Gefühlen überwältigen zu lassen, müsse eine Frau darauf achten, über den Dingen zu stehen, so Germaine. „Sagen Sie sich jeden Morgen beim Aufstehen ,Technik ist alles’ und Sie werden sich die Liebe schon abgewöhnen“, empfiehlt sie.

Patience fühlt sich als Außenseiterin

Diese Ansage passt in die Zeit der Neuen Sachlichkeit, deren nüchtern-reduzierte Stilvorgaben Kunst und Kultur in der Weimarer Republik dominierten. Für die 19-jährige Titelheldin aus Margaret Goldsmiths 1931 erstmals erschienenem und jetzt neu aufgelegtem Roman „Patience geht vorüber“ wird das Technik-Motto ab den zwanziger Jahren zum Leitmotiv.

Die in Berlin aufgewachsene Tochter eines deutschen Arztes und einer Engländerin aus gutem Hause möchte nämlich unbedingt vermeiden, noch einmal so enttäuscht zu werden wie von Grete, ihrer ersten großen Liebe. Die beiden sind als Schülerinnen unzertrennlich und werden später ein Paar.

Allerdings verschätzt sich Patience fatal, als sie während des Ersten Weltkriegs den hoffnungslos in sie verliebten Piloten Joachim heiratet, weil sie ihrer kränkelnden Geliebten dadurch einen Erholungsaufenthalt bei ihren Schwiegereltern auf dem Land verschaffen will.

Zum einen erweisen sich die Landgutbesitzer als politisch zu weit rechts stehend für die überzeugte Sozialistin Grete, zum anderen kehrt Joachim wider Erwarten lebend aus dem Krieg zurück. Und so wohnen die drei irgendwann alle zusammen in der großen Wohnung unweit des Kurfürstendammes, die Patience’ Mutter Victoria gen London verlassen hat.

[Margaret Goldsmith: Patience geht vorüber. Aviva Verlag. Berlin 2020, 224 S., 19 €]

Ein toxisches Dreieck aus Leidenschaft, Eifersucht, Mitleid und Lügen entsteht. Derweil startet Patience ihre Karriere als Journalistin für eine englische Zeitung, für die sie unter anderem über die Novemberrevolution und die Ermordung Rosa Luxemburgs berichtet. Die Situation mit Grete und Joachim spiegelt ihr „ewiges Dazwischensein“, ihr schon seit Kindertagen empfundenes Außenseiterinnentum. In der Schule sieht man sie – zumal in der Kriegszeit – nicht als richtige Deutsche, später spricht man ihr wegen des „von“ im Namen eine arbeiter- und gewerkschaftsfreundliche Einstellung ab.

Das Zwischen-Geliebter-und-Ehemann-Stecken löst Patience, indem sie schließlich auszieht und Germaine Martins Rat beherzigt. „Sie wechselte während dieser Jahre ihre Liebhaber, Männer und Frauen, mit einer fast unglaublichen Leichtigkeit. Sie lebte in die Breite statt in die Tiefe“.

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Mit ihrer beruflichen und erotischen Selbstbestimmtheit verkörpert Patience den Typus der sogenannten Neuen Frau, der in den 1920er Jahren vor allem in Großstädten aufkam. Sie verdient ihr eigenes Geld, ist nicht an einem männlichen Versorger interessiert und geht abends gern mal aus. Die Autorin Margaret Goldsmith gehörte selbst zu diesen emanzipierten Frauen, sogar zu den besonders freien und weltgewandten.

Wie Herausgeber Eckhard Gruber im Nachwort schreibt, wurde die in Milwaukee als Tochter einer deutschen Auswandererfamilie geborene und im Bayrischen Viertel aufgewachsene Margaret Leland Goldsmith 1924 zur stellvertretenden US-Handelskommissarin in Berlin. Im selben Jahr lernte sie auf einer Party im Westend den britischen Journalisten Frederick Augustus Voigt kennen, den sie zwei Jahre später heiratete. Zusammen schrieben sie eine kritische Hindenburg-Biografie.

Eine Affäre mit Vita Sackville-West

Goldsmith war viel in der Berliner Kunstszene unterwegs, wo sie die Malerin Martel Schwichtenberg kennenlernte. Ihr ist „Patience geht vorüber“ gewidmet, Goldsmith stellte dem Roman sogar einen kurzen Brief an sie voran. Schwichtenberg gestaltete wiederum den Umschlag des Buches, das 1931 fast ohne öffentliche Resonanz erschien.

Auch wenn der Roman nicht heranreicht an Werke wie Gabriele Tergits „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ oder Erich Kästners „Fabian“, die im selben Jahr veröffentlicht wurden und ungleich prägnantere Berliner Gesellschaftsporträts zeichneten, ist er doch ein spannendes Zeitzeugnis. Die Neuauflage bringt zudem eine trotz reger Publikationstätigkeit – allein zwischen 1928 und 1932 erscheinen drei englische und zwei deutsche Romane – in Vergessenheit geratene Autorin wieder in den Fokus.

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Goldsmith ließ in „Patience geht vorüber“ autobiografische Elemente einfließen. So macht ihre Hauptfigur in London, wohin sie 1924 für einige Jahre zieht, die Bekanntschaft mit einem „linksradikalen Club“, mit dem wohl der Bloomsbury Kreis gemeint ist, zu dem unter anderem Virginia Woolf und ihre zeitweilige Geliebte Vita Sackville-West gehörten.

Mit Letzterer hatte Goldsmith 1928 eine Affäre, die in Briefen dokumentiert ist und an mehreren Stellen ihres Werkes Spuren hinterlassen hat. Hier beschränkt sie sich auf eine spöttische Darstellung des Freundeskreises, dessen Mitglieder Patience an kleine Kinder erinnern, „die sich etwas darauf einbilden, ohne Furcht über Dinge zu reden, die ihr Lehrer ihnen verboten hatte.“

Mit der in ihren Augen allzu distanziert-beherrschten Art der Engländerinnen und Engländer kommt Patience nicht klar. Die ihr von einem Biologen angetragene Ehe passt nicht in ihr Technik-ist-alles-Konzept. So kehrt sie schließlich in ihre Heimatstadt zurück, wo sie Medizin studiert.

Obwohl es vielleicht etwas zu viele Wendungen, plötzliche Todesfälle und Zufälle gibt in diesem temporeichen Roman, folgt man der eigenwilligen Heldin gebannt auf ihrem Lebensweg. Schade nur, dass sie am Ende dann doch noch die Gender-Konvention der Mutterschaft erfüllen muss, „um ein ganzer Mensch“ zu werden. Aber immerhin: Sie darf selbstbestimmt Single bleiben.

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